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Die Schirn inszeniert in Frankfurt Dialoge zwischen Gemälden des französischen Impressionisten Gustave Caillebotte und Fotografien jener Epoche

Neues Sehen vor 150 Jahren



Gustave Caillebotte, Raboteurs de parquet (Parkettschleifer), 1875

Gustave Caillebotte, Raboteurs de parquet (Parkettschleifer), 1875

Deutlich überlängte Arme strecken sich dem Betrachter entgegen. Deren Hände führen Schleifmesser. Die Parkettschleifer schaben kniend in gebückter Haltung den Boden eines vornehmen Salons in Paris ab. Im durch die Fenstertür einfallenden Licht glänzen ihre entblößten Oberkörper, bedingt durch ihren geradezu vulgär sichtbar gemachten Schweiß. Die Schwere des stupiden Arbeitsprozesses betont Gustave Caillebotte durch den Rhythmus der Bewegungen eher unterschwellig. Sehr geschickt bindet er die Situation in ein genau geplantes, aber instabiles Raumsystem ein. Vom Auftritt der Männer geht eine erotisch anmutende Vorstellung von der Schönheit der Arbeit aus. Dabei wird keineswegs ein vornehmes Bildthema aufgeboten, sondern knallhart die Konfrontation der Klassen offenbar. Sachlich, ohne romantische Überhöhung oder moralisch-sentimentale Botschaft mit sozialer Anklage stellt der Künstler handwerkliche Arbeitsvorgänge in seinen privaten Pariser Wohnräumen vor. Eine Reihe von Vorstudien belegen, wie intensiv Caillebotte die Bewegungen zuvor studierte.


„Die Parkettschleifer“, das wohl bekannteste Gemälde Caillebottes, wurde 1875 beim Pariser Salon eingereicht, jedoch zum großen Leidwesen des Künstlers von der Jury abgewiesen. Erst im Folgejahr sorgte dieses Meisterwerk auf der zweiten Pariser Impressionisten-Ausstellung für großes Aufsehen. Die Darstellung einfacher Handwerker mit ihren monotonen Verrichtungen provozierte. Innerhalb der Kunst des Impressionismus eröffnen Caillebottes Werke darüber hinaus eigenständige Perspektiven durch präzis gestaltete Kompositionen. Ähnliche Darstellungen im seinerzeit relativ neuen Medium der Fotografie zeigen den enormen Widerhall dieser technischen Errungenschaft im Schaffen des Franzosen. Dies belegt die Frankfurter Kunsthalle Schirn durch fundierte Dialoge beider Gattungen.

Die von suggestiver Anziehungskraft bestechenden Bilder Caillebottes lohnen schon alleine eine intensivere Auseinandersetzung. In Deutschland stand der zu den großen Impressionisten zählende Maler bislang eher im Abseits; Caillebottes „Parkettschleifer“ waren schon einige Male in anderen Zusammenhängen in der Bonner Bundeskunsthalle zu Gast. Eine erste Personale widmete ihm 2008 die Kunsthalle Bremen, die sich allerdings auf Wasser- und Wassersportmotive beschränkte. Einige seiner Meisterwerke stellte auch die Schau „Bilder einer Metropole. Die Impressionisten in Paris“ 2010/11 im Essener Museum Folkwang vor, in der ebenfalls Korrespondenzen zwischen Fotografie und Malerei im Paris im Fokus standen. Dies untermauert die Schirn nun mit 50 Werken Caillebottes und 150 fotografischen Positionen des ausgehenden 19ten sowie frühen 20sten Jahrhunderts.

Gustave Caillebotte wurde am 19. August 1848 als Spross der dritten Ehe eines vermögenden Pariser Tuchhändlers geboren, der das französische Heer mit Betten und Bettwäsche belieferte. Aufgewachsen im großbürgerlichen Milieu der Hauptstadt, beendete er kurz vor der Einberufung in den Deutsch-Französischen Krieg 1870 sein Jurastudium. Ab 1873 studierte er nach bestandener Aufnahmeprüfung an der Ecole nationale des Beaux-Arts in Paris. Schon 1874 schloss er sich den Impressionisten um Edgar Degas, Pierre-Auguste Renoir, Claude Monet und Edouard Manet an. Als 1874 sein Vater starb, hinterließ jener seiner Frau und den Kindern ein beträchtliches Vermögen, das Gustave Caillebotte ein unabhängiges freies Leben erlaubte. Caillebotte engagierte sich neben seiner Malerei als Mäzen und Förderer der Impressionisten. So beteiligte er sich an Finanzierungen von Ausstellungen, brachte sich bei deren Organisation ein und unterstützte Kollegen wie Monet mit Geldbeträgen und Ankäufen.

Mit den Jahren trug Gustave Caillebotte eine fulminante Gemäldekollektion der Impressionisten zusammen. Seit 1881 widmete er sich vornehmlich dem Sport, vor allem dem Segeln. Er konzipierte über 20 eigene Schiffsmodelle und avancierte zu einem der besten Segler der damaligen Zeit. Am 21. Februar 1894 verstarb er an den Folgen eines Gehirnschlages im Alter von erst 46 Jahren. Testamentarisch hatte der Junggeselle vorsorglich verfügt, dass seine bedeutende Sammlung aus über 60 impressionistischen Gemälden an den französischen Staat fällt; heute ist sie wesentlicher Bestandteil des Musée d’Orsay in Paris. Claude Monet bemerkte einige Jahre nach Caillebottes Ableben: „Er besaß Talent und Selbstvertrauen und stand erst am Anfang seiner Karriere, als wir ihn verloren haben.“

Rund 500 Pastelle, Papierarbeiten und Ölbilder umfasst das Œuvre Caillebottes. Neben den „Parkettschleifern“ bereichern die Auswahl in der Frankfurter Schirn weitere Hauptwerke des Malers, darunter die „Straße in Paris, Regenwetter“ von 1877 oder „Pont de l’Europe“ von 1876. Die Ausstellung gliedert sich chronologisch in drei für sein Gesamtschaffen maßgebliche Gruppen: „Stadt- und Architekturansichten“, „Porträts und Interieurs“, „Stillleben und Landschaften mit Sport- und Gartendarstellungen“.

Besonders beliebt waren bei den Impressionisten Ansichten des modernen Paris. Neu angelegte Boulevards und Plätze demonstrieren die nunmehrige Eleganz der Metropole. Dazu steuert Gustave Caillebotte Motive aus ungewöhnlichen Blickwinkeln und mit einem weit über das bisherige Maß hinausgehenden Realismus bei. Dem Kanon der Zeit waren sie weit voraus. Trotz fotografisch anmutender Realitätsnähe konstruiert er seine Sujets in bewusst regelwidrigen Konstellationen. Gewagte Blickwinkel suggerieren in der Form erstaunlicher Raumkonstellationen und Verkürzungen die Macht des Menschen über die Umwelt. Gleichzeitig lassen neue, ungewohnte Ausschnitte den Bezug zum Ganzen rätselhaft werden.

Caillebotte bricht mit traditionellen Sehgewohnheiten. Mit verzerrenden, verfremdenden und daher ungewöhnlichen Perspektiven, die optische Instabilitäten auslösen, baut er seine Kompositionen auf, die sich bis dato weder in der Malerei noch in der Fotografie finden lassen. Ohne Vorbild waren seinerzeit etwa umwälzende Sturzperspektiven oder Stadtmotive in Aufsicht, Schrägansichten, Nahaufnahmen von Verkehrsinseln sowie Baumscheiben oder strukturierende Blicke durch Balkongitter auf Boulevards. Hinzu kommt die Isolierung einzelner Objekte, aus der sich die Tendenz zur formalen Vereinfachung fast wie von selbst ergibt. Fotografien etwa von Eugène Atget, Edouard-Denis Baldus, Charles Marville oder von Vertretern der neuen Fotografie der 1920er Jahre, darunter Alexander Rodtschenko, Wols oder László Moholy-Nagy halten Situationen fest, die Zusammenhänge zu Caillebottes Bildern offenlegen.

Auch in Ansichten des privaten Lebens greift Gustave Caillebotte die traditionelle Malerei an. „Die Klavierstunde“ von 1881 oder das im Jahr zuvor gemalte „Interieur, lesende Frau“ vermitteln zwischenmenschliche Disharmonien, sorgsam gesetzt in das Ambiente der großbürgerlichen Klasse. Für Porträts standen Caillebotte vornehmlich Männer Modell, deren hoher Sozialstatus durch die überladenen, starkfarbigen und leuchtenden Interieurs etwas konterkariert wird. Auch die Stilllebenmalerei weist eigenwillige, streng symmetrische Kompositionen auf. Bilder wie „Stillleben mit Kalbskopf und Ochsenzunge“ von 1882 oder „Fasane und Schnepfen auf einem Marmortisch“ von 1883 lassen sich mit zeitgenössischen Fotografien von Schaufensterauslagen aus einer Ära sich neu formierender Konsumkultur verknüpfen. Nach seiner ausgiebigen sportlichen Betätigung ab 1881 halten verstärkt Motive aus dem Wassersport Einzug in sein malerisches Schaffen. Mit der Verlegung seines Hauptwohnsitzes ins ländliche Petit Gennevilliers Anfang 1888 entdeckt Caillebotte die Gartenkunst als nächstes und abschließendes Bildmotiv.

Die Ausstellung „Gustave Caillebotte. Ein Impressionist und die Fotografie“ ist noch bis zum 20. Januar 2013 zu sehen. Die Schirn Kunsthalle hat täglich außer montags von 10 bis 19 Uhr, mittwochs und donnerstags bis 22 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 10 Euro, ermäßigt 8 Euro, die Familienkarte kostet 20 Euro. Der Katalog kostet in der Ausstellungshalle 29,90 Euro, im Buchhandel 39,90 Euro.

Kontakt:

Schirn Kunsthalle Frankfurt

Am Römerberg

DE-60311 Frankfurt am Main

Telefon:+49 (069) 2998820

Telefax:+49 (069) 29988240

E-Mail: schirn@schirn.de

Startseite: www.schirn.de



02.01.2013

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Hans-Peter Schwanke

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Veranstaltung vom:


18.10.2012, Gustave Caillebotte. Ein Impressionist und die Fotografie

Bei:


Schirn Kunsthalle Frankfurt

Bericht:


Gustave Caillebotte in der Nationalgalerie Berlin

Bericht:


Frankfurter Museen im Besucherrekord

Variabilder:

Gustave Caillebotte, Richard Gallo et son
 chien Dick au Petit Gennevilliers, 1884
Gustave Caillebotte, Richard Gallo et son chien Dick au Petit Gennevilliers, 1884

Variabilder:

Gustave Caillebotte, Un réfuge, Boulevard Haussmann (Eine
 Verkehrsinsel, Boulevard Haussmann), 1880
Gustave Caillebotte, Un réfuge, Boulevard Haussmann (Eine Verkehrsinsel, Boulevard Haussmann), 1880

Variabilder:

Gustave Caillebotte, Faisans et bécasses sur une
 table de marbre (Fasane und Schnepfen auf einem Marmortisch), 1883
Gustave Caillebotte, Faisans et bécasses sur une table de marbre (Fasane und Schnepfen auf einem Marmortisch), 1883

Variabilder:

Gustave Caillebotte, Quatre vases de chrysanthèmes, 1893
Gustave Caillebotte, Quatre vases de chrysanthèmes, 1893

Variabilder:

Gustave Caillebotte, Linge séchant, Petit Gennevilliers (Trocknende
 Wäsche, Petit Gennevilliers), 1888
Gustave Caillebotte, Linge séchant, Petit Gennevilliers (Trocknende Wäsche, Petit Gennevilliers), 1888







Eugène Atget, Bitumiers (Asphaltierer), um 1900

Eugène Atget, Bitumiers (Asphaltierer), um 1900

Gustave Caillebotte, Le Pont de l’Europe, 1876

Gustave Caillebotte, Le Pont de l’Europe, 1876

Auguste-Hippolyte Collard, Eisenbahnbrücke, Paris um 1860

Auguste-Hippolyte Collard, Eisenbahnbrücke, Paris um 1860

Martial Caillebotte, Gustave Caillebotte und Bergère auf der Place du Carrousel, Februar 1892

Martial Caillebotte, Gustave Caillebotte und Bergère auf der Place du Carrousel, Februar 1892

Gustave Caillebotte, Portrait de l’artiste, um 1891/92

Gustave Caillebotte, Portrait de l’artiste, um 1891/92

Gustave Caillebotte, Un réfuge, Boulevard Haussmann (Eine Verkehrsinsel, Boulevard Haussmann), 1880

Gustave Caillebotte, Un réfuge, Boulevard Haussmann (Eine Verkehrsinsel, Boulevard Haussmann), 1880

Aenne Biermann, Champs-Elysées, vor 1931

Aenne Biermann, Champs-Elysées, vor 1931

Gustave Caillebotte, Intérieur, femme lisant (Interieur, lesende Frau), 1880

Gustave Caillebotte, Intérieur, femme lisant (Interieur, lesende Frau), 1880

Gustave Caillebotte, Portrait Monsieur R., 1877

Gustave Caillebotte, Portrait Monsieur R., 1877

Gustave Caillebotte, Vue prise à travers un balcon (Blick durch ein Balkongitter), 1880

Gustave Caillebotte, Vue prise à travers un balcon (Blick durch ein Balkongitter), 1880

Gustave Caillebotte, Périssoires sur l’Yerres (Kanus auf der Yerres), 1877

Gustave Caillebotte, Périssoires sur l’Yerres (Kanus auf der Yerres), 1877

Gustave Caillebotte, Richard Gallo et son chien Dick au Petit Gennevilliers, 1884

Gustave Caillebotte, Richard Gallo et son chien Dick au Petit Gennevilliers, 1884

Gustave Caillebotte, Quatre vases de chrysanthèmes, 1893

Gustave Caillebotte, Quatre vases de chrysanthèmes, 1893




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