 |  | Guido Reni, Mariä Himmelfahrt, um 1596/97 | |
Von einer Krise des Altmeistermarktes ist derzeit häufiger die Rede. Mal zu knapp, mal zu schlecht sei das Angebot, hörte man Insider in der jüngsten Vergangenheit oft klagen. Bei Koller schien man am 22. März derartige Schwierigkeiten nicht zu kennen: Rund als zwei Drittel der knapp 130 Gemälde Alter Meister, die das Zürcher Auktionshaus den Kunden in seiner großen Frühjahrsauktion offerierte, wurden dabei übernommen, teils mit erheblichen Wertsteigerungen. Prominentestes Beispiel war die „Mariae Himmelfahrt“ des berühmten Bologneser Barockmalers Guido Reni aus den späten 1590er Jahren, die nicht nur mit ihrer hervorragenden Qualität, sondern auch mit erlesener Provenienz aufwarten konnte. Schon Eugène de Beauharnais, Stiefsohn Kaiser Napoleons, und die Besucher der Eremitage in St. Petersburg haben ihre Augen auf die vielfigurige Szene im goldenen Wolkenhimmel geworfen. Zuletzt in Schweizer Privatbesitz, hatte Koller die knapp sechzig Zentimeter hohe Kupfertafel dort nach 40 Jahren wieder zum Vorschein gebracht und vorsichtig auf 80.000 bis 120.000 Franken taxiert. Gezahlt wurden für das Frühwerk des Meisters schließlich aber 1,05 Millionen Franken.
Alte Meister
Kein einziges der hochgehandelten Stücke musste Koller an die Einlieferer zurückstellen. Ob Isaac Soreaus Stillleben mit Flechtkorb, der von Früchten überquillt, für 270.000 Franken (Taxe 240.000 bis 280.000 SFR), ein kleiner, aber prächtiger Blumenstrauß Johannes van der Asts für 260.000 Franken (Taxe 100.000 bis 150.000 SFR) oder die ebenfalls von Koller nach der Reinigung wiederentdeckte edle Dame an einem Tisch mit Laute und Notenblättern, die Eglon Hendrik van der Neer um 1667 auf eine Holztafel verewigte, für 430.000 Franken (Taxe 200.000 bis 300.000 SFR) – stets wurden die Erwartungen erfüllt oder bei weitem übertroffen. Auch die mittlere Preisklasse konnte mit schönen Stücken aufwarten, darunter Anthonie Palamedesz’ Interieurszene mit musizierender Gesellschaft um 1635 für 32.000 Franken (Taxe 20.000 bis 30.000 SFR), Jean-Baptiste Monnoyers Blumenstillleben mit einem Affen und einem Papagei in glänzender Stofffülle für 55.000 Franken (Taxe 25.000 bis 35.000 SFR), Balthasar van der Asts schlichterer Blumenstrauß in einem Römer mit Schnecke, Biene und Marienkäfer für 95.000 Franken (Taxe 70.000 bis 90.000 SFR) und die Renaissance-Tafel mit dem umjubelten jungen David nach dem Kampf mit Goliath für 40.000 Franken, die mit „HO“ monogrammiert und im Umkreis des Antwerpener Malers Frans Floris lokalisiert ist (Taxe 25.000 bis 30.000 SFR).
Fast komplett übernommen wurden die knapp zwanzig Gemälde aus der Sammlung des deutschen Modeschöpfers Wolfgang Joop. Eine prominente Herkunft ließ wieder einmal nichts zu wünschen übrig. Überwiegend aus Blumenbildern wie Simon Pietersz Verelsts Strauß mit Rosen, Mohn und Iriden für 75.000 Franken (Taxe 60.000 bis 80.000 SFR) bestehend, enthielt sie mit Jean-Baptiste Paters „Fête champêtre“ in schönster Rokokomanier auch ein hervorragendes Landschaftsbild mit Figurenstaffage, das sich von 80.000 bis 120.000 Franken auf 500.000 Franken steigerte. Darum gruppierten sich etwa mehrere Blumenstillleben Nicolaes van Veerendaels für bis zu 55.000 Franken für ein Bouquet mit Rosen, Tulpen und Schwertlilie mit seinem Pendant zum gleichen Preis (Taxe je 30.000 bis 40.000 SFR), Justus van Huysums Strauß mit bekrönender weißer Lilie in einer Glasvase für 44.000 Franken (Taxe 40.000 bis 60.000 SFR) oder Cornelis Kicks charmante Kleinigkeit mit Rose, Tulpe und Hibiskus für 18.000 Franken (Taxe 12.000 bis 15.000 SFR). Zum Höhepunkt der Sammlung Joop avancierte eine extrem breitformatige, dabei nur rund 25 Zentimeter hohe Holztafel vom „Meister von Frankfurt“, einem flämischen Renaissance-Künstler des 15ten Jahrhunderts. Seine recht rätselhafte Allegorie der Liebe schaffte es mit 630.000 Franken sogar auf Platz zwei der Zuschlagsliste (Taxe 250.000 bis 350.000 SFR).
Insgesamt besonders dicht war während der Auktion der Absatz bei den ältesten Werken. Neben mehreren spätgotischen Tafeln süddeutscher Meister, wie einem Triptychon mit der Anna Selbdritt zwischen Heiligen für 265.000 Franken (Taxe 250.000 bis 350.000 SFR) oder zwei Predellen des Memminger Malers Bernhard Strigel um 1485/90 für taxgerechte 60.000 Franken, hatten es den Interessenten zwei Werke aus Umkreis oder Nachfolge des Niederländers Hieronymus Bosch angetan. Die eine zeigt, wiederum auf predellenartigem Querformat, Christus im Limbus, also am Rand der Hölle, wo er die armen Seelen aus ihrem unverschuldeten Jammerdasein befreit. Hierfür wurde gar das Zwanzigfache der unteren Schätzung von 10.000 Franken fällig. Für die andere Tafel, auf der die Versuchung des heiligen Antonius zu sehen ist und die Koller einem Bosch-Nachfolger des 17ten Jahrhunderts zuschreibt, musste ein Bieter 135.000 Franken berappen (Taxe 7.000 bis 9.000 SFR).
Dem Umkreis Pieter Breughels d.J. wies Koller eine im bäuerlichen Milieu angesiedelten Verbildlichung der sieben Werke der Barmherzigkeit zu. Auch diese Tafel verbesserte sich erheblich von 12.000 bis 18.000 Franken auf 100.000 Franken. 95.000 Franken für eine weite Landschaft mit Kuhherde, um 1620 als Gemeinschaftsarbeit von Josse de Momper d.J. und Jan Breughel d.J. entstanden (Taxe 50.000 bis 80.000 SFR), und 110.000 Franken für ein kleines Interieurbild Pieter de Hoochs mit Mutter, Kind und einer fegenden Magd um 1657 dokumentierten ebenfalls das Interesse auch an guten Arbeiten der mittleren Preisklasse (Taxe 90.000 bis 130.000 SFR). Mit 220.000 Franken schloss David Teniers’ d.J. „Alchimist und seine Schüler“ ab. Hier dürfte, wie bei den Bosch-Nachfolger-Bildern oder der Tafel aus dem Umkreis Pieter Breughels d.J., nicht nur das ungewöhnliche Motiv, sondern auch der günstige Preis für die exorbitante Wertsteigerung ausschlaggebend gewesen sein: Nur 25.000 bis 35.000 Franken hatten auf dem Etikett gestanden.
Neuere Meister
Derartige Sprünge wie die Alten Meister vollführten ihre jüngeren Kollegen aus dem 19ten und frühen 20sten Jahrhundert bei Koller zwar nicht, doch bei insgesamt ähnlich hoher Absatzquote kamen auch hier erfreuliche Einzelzuschläge zustande. So vervierfachte sich der Schätzwert einer italienischen Landschaft mit Ruinen und Bauernszene des in München ansässigen, gebürtigen Pfälzers Heinrich Bürkel aus dem Jahr 1841 auf 48.000 Franken. Um stolze 50.000 Franken wechselte Jacques François Carabains „Marktszene in einer holländischen Stadt“, ganz altmeisterlich im Stil der alten Niederländer gemalt, den Besitzer (Taxe 8.000 bis 12.000 SFR). Enger an die von Koller festgesteckten Grenzen hielten sich Carl Spitzwegs deprimierendes Bild „Aschermittwoch“ mit einem Clown im Kerker bei 32.000 Franken (Taxe 30.000 bis 40.000 SFR) und sein hochformatiges „Ständchen“ mit 60.000 Franken (Taxe 60.000 bis 80.000 SFR).
Aus der Offerte russischer Malerei pickten sich die Bieter eine plastisch gestaltete Winterlandschaft Ivan Fedorovic Choultsés mit sonnendurchflutetem Wald für 125.000 Franken (Taxe 70.000 bis 120.000 SFR), wohingegen Ivan Pavlovich Pokhitonovs kleiner skizzenhafter „Bauernhof“ mit 80.000 bis 120.000 Franken offenbar doch etwas zu ambitioniert angesetzt war. Die Venedig-Impression „Repos sous les arbres près de Venise“ des Franzosen Félix Ziem musste sich mit 73.000 Franken begnügen (Taxe 80.000 bis 120.000 SFR). Dafür schafften zwei zusammengehörige sonnenverwöhnte Veduten der Lagunenstadt mit den Kirchen Santa Maria della Salute und San Giorgio von Antonietta Brandeis 15.000 Franken (Taxe 6.000 bis 8.000 SFR). Als Pendants waren zudem zwei Seestücke mit Fischern von Abraham Hulk bei günstigen 3.000 bis 4.000 Franken angetreten. Hier standen schließlich 21.000 Franken auf der Rechnung.
Auch einige Franzosen kamen bei Koller zum Zug, so aus dem Klassizismus noch Anne Louis Girodet-Trioson. Wohl sein Atelier hatte einen antik gekleideten Mann im Profil wiederholt, der aus dem Gemälde „Pygmalion amoureux de sa statue“ stammte, und war bei 27.000 Franken erfolgreich (Taxe 8.000 bis 12.000 SFR). Die Schule von Barbizon und vorimpressionistische Strömungen machten etwa in Jules Duprés Sommertag mit Booten an einem Flussufer von 1834 bei 22.000 Franken (Taxe 16.000 bis 20.000 SFR) oder Antoine Vollons bewölktem Tag „Le moulin près de la rivière“ bei 16.000 Franken auf sich aufmerksam (Taxe 8.000 bis 10.000 SFR). Und als Deutscher konnte sich Ludwig Knaus über 28.000 Franken für seine junge Dame mit Fächer unter dem Titel „La Coquette“ von 1889 in Rokokomanier freuen (Taxe 20.000 bis 30.000 SFR).
Zeichnungen und Grafik
Die in Kreide auf Papier geworfene Studie eines Kinderkopfes, die Koller der Werkstatt des großen Raffael zuordnen möchte, schaffte in der Grafikabteilung den Sprung von 4.000 bis 6.000 Franken auf 32.000 Franken. Bei den Alten Meistern erwirtschafteten vier Blätter mit Allegorien der menschlichen Sinne von Marco Antonio Bassetti 3.300 Franken (Taxe 2.500 bis 4.000 SFR), die als Pendants angelegten Gouachen Jean-Baptiste Lallemands mit Häfen, Palästen und Figurenstaffage 19.000 Franken (Taxe 8.000 bis 12.000 SFR) und Louis-Jean Desprez’ feines Aquarell des antiken und daher schon ruinösen Theaters in Taormina mit Ausblick auf den rauchenden Ätna 15.000 Franken zur unteren Schätzung. Der frühe handkolorierte Kupferstich des mächtigen Montanvert-Gletschers von Carl Ludwig Hackert aus dem Jahr 1781 verdoppelte seinen Wert auf 4.000 Franken.
Auch die 8.500 Franken für Heinrich Drebers Felsformation mit Bäumen im Keppgrund bei Dresden sind ein ansehnlicher Zuschlag (Taxe 2.000 bis 3.000 SFR), ebenso die 3.000 Franken für Friedrich Salathés Bauernpaar bei der Rast unter Bäumen (Taxe 2.000 bis 3.000 SFR) oder die 6.500 Franken für Eugène Boudins Strandszene mit Fischern in brauner Feder mit zarten Aquarellierungen (Taxe 800 bis 1.200 SFR). Gut ließen sich zudem die Radierungen aus dem frühen grafischen Schaffen von James Ensor an; hier platzierte sich das leicht kolorierte Blatt „Les petite barques“ von 1894 bei 5.300 Franken an der Spitze (Taxe 1.500 bis 2.000 SFR). Weitaus begehrter war beim 19ten Jahrhundert aber die etwas übersteigerte Wiedergabe eines „Rhinoceros sinus“ von Aloys Zötl. Nicht weniger als 120.000 Franken erzielte das 1861 datierte Aquarell – Auktionsweltrekord für den oberösterreichischen Eigenbrötler (Taxe 8.000 bis 9.000 SFR).
Bücher und Landkarten
Die 18 Bände umfassenden „Galeries historiques de Versailles“ von Charles Gavard, die der Bürgerkönig Louis Philippe und seine Söhne dem Traveller’s Club in London widmeten, war das Spitzenlos der abschließenden Buchauktion. Mit 1086 Porträts berühmter Persönlichkeiten, 957 Stahlstichen von Paris und Versailles und drei Plänen gingen sie für 70.000 Franken an einen privaten Sammler (Taxe 75.000 bis 95.000 SFR). Weitere Highlights waren die Erd- und Himmelsgloben des Nürnberger Astronomen Johann Gabriel Doppelmayr von 1730 für 36.000 Franken (Taxe 35.000 bis 45.000 SFR) oder der „Atlas minor sive geographia compendiosa“ aus den Jahren 1634 bis 1705 für 24.000 Franken. Er enthielt der Karten mehrer Kartografen und Verleger, darunter von Claes Jansz Visscher, Willem Jansz Blaeu, Johannes Janssonius, Frederick de Wit, Carel Allard, Peter Schenck oder Pieter Mortier (Taxe 25.000 bis 30.000 SFR).
Der prachtvoll gearbeitete Silbereinband mit figürlichen Darstellungen der heiligen Katharina von Alexandrien sowie der heiligen Klara von Assisi aus dem späten 17ten Jahrhundert, der aus der Bibliothek der National Cathedral in Washington eingeliefert worden war, erinnert stilistisch an die Arbeiten des Augsburger Barockmeisters Johann Andreas Thelott. Er wurde bei 32.000 Franken übernommen (Taxe 35.000 bis 45.000 SFR). Ein gutes Resultat lieferte mit 26.000 Franken eine gepflegte Sammlung von 56 Jules Verne-Werken mit Holzschnitten und reich illustrierten Leineneinbänden aus verschiedenen Auflagen zwischen 1868 und 1912 (Taxe 12.000 bis 18.000 SFR). 22.000 Franken bewilligte ein Sammler für das in 70 Bänden aufgeführte Gesamtwerk Voltaires mit etlichen Kupfertafeln in der Ausgabe von Beaumarchais, herausgegeben zwischen 1785 und 1789 (Taxe 12.000 bis 16.000 SFR).
Alle Preise verstehen sich als Zuschläge ohne das Aufgeld. |