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Marktberichte |
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Moderne und zeitgenössische Kunst bei Bassenge  Arme Schweine

| Eine große Künstlerin des 20sten Jahrhunderts führt die Versteigerung moderner und zeitgenössischer Kunst bei Bassenge in Berlin an. Über Jahrzehnte hinweg beschäftigte sich Käthe Kollwitz mit dem Thema „Pietà“: die alte Frau, die ihren toten Sohn auf dem Schoß hält und betrauert. Sie hatte es selbst erleben müssen, als ihr junger Sohn Peter Kollwitz während des Ersten Weltkriegs im Oktober 1914 fiel. 1937/38, wiederum in schwerer Zeit, gelang der Künstlerin die Umsetzung des Themas in Bronze. Nach ihrem Tod 1945 wurde das Werk in zwanzig Exemplaren noch einmal gegossen, ebenso wie seit 1993 in der Zentralen Gedenkstäte der Bundesrepublik Deutschland für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft, der Neuen Wache in Berlin, ein um das Vierfache vergrößertes Exemplar des Werkes steht. Eines jener zwanzig Exemplare bietet Bassenge für 75.000 Euro an, so viel wie schon vor fünf Jahren am selben Ort ein Exemplar gekostet hatte. Kaum weniger beeindruckt Kollwitz’ farbige Lithografie „Brustbild einer Arbeiterfrau mit blauem Tuch“ von 1903, doch liegt der Schätzpreis für dieses Blatt nur bei 15.000 Euro.
Neben der alten Kunst ist also auch das 20ste Jahrhundert am 1. Juni gut besetzt in dem vor allem auf Grafik spezialisierten Berliner Auktionshaus. Eine Reihe bedeutender Klassiker insbesondere des Expressionismus findet sich hier, etwa Max Beckmann mit mehreren Blättern wie dem strengen „Selbstbildnis von vorn, im Hintergrund Hausgiebel“ von 1918 (Taxe 20.000 EUR) oder dem zwei Jahre jüngeren „Selbstbildnis mit Katze und Lampe“ in einer Kreidelithografie für 25.000 Euro. Dazu gesellen sich etwa Lyonel Feiningers kantig aufsteigende „Pariser Häuser“ von 1920 (Taxe 8.500 EUR), Hermann Max Pechsteins kraftvoller Farbholzschnitt „Klönende Fischer“ von 1923 (Taxe 15.000 EUR) oder Otto Muellers reizvoll ausgebreiteter Akt „Mädchen auf dem Kanapee“ auf einer Lithografie von 1921/22 für 12.000 Euro. Seltene Blätter steuert Karl Schmidt-Rottluff mit dem Holzschnitt „Straße in Sonne“ von 1912 (Taxe 3.000 EUR) und dem etwas unansehnlichen „Mädchenkopf“ von 1920 bei (Taxe 3.500 EUR). Conrad Felixmüller steuert unter anderem dann noch die herzliche, rotbraune Radierung „Kind am Fenster“ aus eben diesem Jahr für 2.800 Euro bei.
Starke Nerven braucht der Betrachter von Otto Dix’ Kaltnadelradierung „Fleischerladen“: Die derben Metzger, die teils selbst aussehen wie Schweine, machen sich brutal an ihren Waren zu schaffen, tragen sie zum Teil sogar auf dem Kopf, während die nicht minder zupackend wirkende Verkäuferin gerade ein kleines Knäblein sehr herablassend nach seinen Wünschen fragt. Hier liegt ein seltener und als solcher bezeichneter Probedruck für 20.000 Euro vor. Aus demselben Jahr 1920 stammen Dix’ „Billardspieler“, eine Gesellschaft feiner Herren, die sich müßiggängerisch die Zeit vertreiben, während viele andere Menschen am Hungertuch nagen (Taxe 18.000 EUR). Alexandrine Gräfin Mensdorff-Dietrichstein findet sich auf einer Bleistiftzeichnung von Oskar Kokoschka verewigt; darunter die Widmung „Es waren wenige schöne Tage“. Der Künstler und die Dargestellte lernten sich 1916 im Wiener Lazarett kennen und schätzen, wo Kokoschka gerade eine schwere Kriegsverletzung kurierte und von ihr unter anderem durch die Gegend kutschiert wurde (Taxe 20.000 EUR).
Unter den Ölgemälden ist George Grosz’ weiblicher Rückenakt von 1938 zu nennen, dessen Thema und impressionistische Malweise den Titel „Hommage à Renoir“ rechtfertigen (Taxe 30.000 EUR). Vielleicht hatte Grosz, als er so altmeisterlich malte, auch Pierre-Auguste Renoirs 1896 gedruckte Farblithografie „Baigneuse Debout, en pied“ im Auge, von deren hundert Exemplaren Bassenge eines für 24.000 Euro offeriert. Mit der Aktmalerei setzte sich zudem immer wieder Willy Jaeckel auseinander und nahm in den 1930er Jahren zwei junge Frauen auf gemusterten Decken luftig als Pastell für Schätzungen zu 3.500 Euro und 4.000 Euro auf. In geistige und religiöse Sphären begab dagegen sich Adolf Hölzel, und auch seine abstrahierende „Figurenkomposition mit Heiligenschein“ scheint mit seinen dicken schwarzen Grafitlinien wie einen Studie zu einem Kirchenfenster (Taxe 11.000 EUR).
Gedankenvoll tritt uns Karl Hofers „Lesender“ entgegen. Hofer schuf das Spätwerk 1952, drei Jahre vor seinem Tod, in schweren Farben (Taxe 25.000 EUR). Christian Rohlfs hat um 1920 seine Frau Helene ebenfalls lesend im Profil aufgenommen (Taxe 8.000 EUR). Und auch das Christus-Bild, das Bruno Krauskopf 1920 mit viel Grün in Öl auf Leinwand bannte, besticht durch die Innigkeit und Tiefe seiner Präsenz (Taxe 15.000 EUR). Als Landschafter tritt Carl Moll mit zwei spätimpressionistischen Holztafeln relativ kleinen, annähernd quadratischen Formats hervor, die der Künstler um 1933 von einer seiner zahlreichen Reisen in den Süden mitbrachte (Taxen je 20.000 EUR). Konrad von Kardorff schließt sich mit seinen „Spaziergängern am Calandrelli-Platz in Berlin“ von etwa 1911 in Aufbau und Farbwahl an vergleichbare Kompositionen Max Liebermanns an (Taxe 1.200 EUR).
Noch ins Jahr 1896 datiert Emile Bernards in Öl skizzierte Verbildlichung der alttestamentlichen Begebenheit, wie die junge begehrende Frau des Potiphars den keuschen Propheten Joseph zu verführen versucht. Der karge Malstil erweist den damals noch recht jungen Bernard als Vertreter der frühen Moderne in Umfeld und Nachfolge Paul Gauguins (Taxe 12.000 EUR). Lou Albert-Lasard hat um 1928 einen stimmungsvollen Blick in eine große Voliere mit farbenprächtigen exotischen Vögeln geworfen (Taxe 2.400 EUR). Umberto Boccioni war einige Jahre später in Italien führend in der Entwicklung der modernen Malerei. Zuvor aber schuf er gemäßigt avantgardistische Grafiken mit eher klassischen Bildthemen wie 1907 die „Scaricatori di carbone“ oder das intime Bildnis „Maria Sacchi che legge“. Diese und noch weitere teils sehr seltene Blätter bietet das Auktionshaus für jeweils 3.000 Euro an. Ebenfalls schon der Moderne hat Bassenge James Abbott McNeill Whistlers von Impressionen aus Venedig inspirierte Kaltnadelradierung „The Palaces“ zugeordnet, obwohl sie bereits 1879 entstand (Taxe 20.000 EUR).
Zu den frühesten abstrakten Werken gehört László Moholy-Nagys bekannte Farblithografie „Konstruktivistische Komposition“, die 1923 Teil der „Meistermappe des Staatlichen Bauhauses“ mit Beiträgen unter anderem von Wassily Kandinsky, Paul Klee und Lothar Schreyer war (Taxe 30.000 EUR). Ein Jahr später machte sich der Sachse Edmund Kesting an einer Collage zu schaffen. Gerade erst war die Hyperinflation überstanden, Geldscheine und Schnipsel von Briefmarken mit absurd hohen Werten hat er in diese materialreiche Zusammenstellung aufgenommen (Taxe 18.000 EUR). Vor seiner surrealen Phase beschäftigte sich der Belgier Marc Eemans mit konstruktivistischer Kunst, wofür eine abstrakte Farbkomposition aus fantasievollen Formgebilden von 1926 steht (Taxe 600 EUR). Selten sind heutzutage Werke des 1905 in Frankfurt geborenen und 1944 in russischer Kriegsgefangenschaft gestorbenen Kurt Scheele. Bis in die frühen 1930er Jahre hinein war der Städel-Schüler künstlerisch ganz gut im Geschäft, unter den Nationalsozialisten aber geriet seine abstrakte Malerei ins Abseits und wurde schließlich als „entartet“ gebrandmarkt. Umso erstaunlicher, dass er noch im Jahr der berüchtigten „Entartete Kunst“-Ausstellung 1937 die ungegenständliche, nur aus einander überlagernden Farbflächen bestehende „Blumenform I – Abstraktion Nr. 98“ gemalt hat (Taxe 2.400 EUR).
Ansonsten speist sich die abstrakte Kunst bei Bassenge überwiegend aus Arbeiten der Nachkriegszeit wie Wobbe Alkemas kubistisch anmutende „Compositie No. 3“ mit Vogelmotiv von 1967 (Taxe 3.000 EUR), eine informelle Komposition des jungen Raimund Girke vor seinen monochrom weißen Bildern aus den mittleren 1950er Jahren (Taxe 4.500 EUR) oder Otto Ritschls kristallin-zackige „Komposition 56/38“ in kräftigen Farben für 2.400 Euro. Konkret-konstruktivistische Ideen verfolgt der Pole Henryk Stazewski um 1985 in seinem quadratischen Acrylbild „Drei weiße Quadrate“, die von sechs gelben begleitet werden (Taxe 2.500 EUR). Jesús Rafael Soto spielt hingegen in seinem ebenfalls auf das Quadrat bezogenen kinetischen Objekt aus den frühen 1960er Jahren mit optischen Illusionen (Taxe 3.000 EUR), ebenso Ludwig Wilding in seinem „Multiple Nr. 17“ von 1965 (Taxe 400 EUR).
Zu den wichtigsten Repräsentanten westlich orientierter japanischer Malerei gehört Inoue Yû-Ichi, der 1959 auf der zweiten Kasseler Documenta einem breiteren Publikum bekannt wurde. Eine große Tuschzeichnung aus dem Jahr 1981 erweist ihn als Meister Informel, das er mit der kaligrafischen Tradition seiner Heimat zu verbinden verstand (Taxe 10.000 EUR). 1888 in holsteinischen Malente geboren und 1923 nach New York ausgewandert, gehört John von Wicht zur dortigen Avantgarde des Abstrakten Expressionismus. Seine „Performance“ von 1952 in Öl auf fasrigem Papier kann als Analyse von Musik mit malerischen Mitteln verstanden werden (Taxe 1.500 EUR). Günstig im dreistelligen Taxbereich warten mehrere Gemälde und Reliefs des norddeutschen Abstrakten Joachim Albrecht aus den 1950er bis 1970er Jahren auf Kundschaft. Und auch eines der schwarz-weißen Papierreliefs Jiri Hilmars in mittlerer Größe aus dem Jahr 1970 erscheint mit 600 Euro sehr niedrig taxiert.
Aus der Reihe der Zeitgenossen ragt Gerhard Richter als wohl bekanntester Künstler hervor. Vor fünf Jahren ließ er in einer seiner zahlreichen übermalten Fotografien einen Wald allmählich unter einer dunkelgrauen Lackschicht verschwinden. Samt zugehörigem Künstlerbuch gibt es diesen von der Buchhandlung Walther König in Köln edierten Abzug, einen von achtzig Unikaten, für 12.000 Euro. Der Schweizer Franz Gertsch schickt zwei seiner fotografisch genau anmutenden Farbholzschnitte in die Auktion, diesmal mit Motiven aus der Pflanzenwelt wie den „Gelben Enzian“ von 2003 für bis zu 6.000 Euro. Mit den Qualitäten von verschiedenen Farben und deren Verläufe spielt Paul Jenkins in seinem Aquarell „Phenomena Green is as Green does“ von 1963 (Taxe 3.400 EUR), während sich Anish Kapoor in seiner Farbaquatinta „Shadow III – Green“ von 2009 tatsächlich auf die Farbe Grün konzentriert, die zur Mitte des Blattes in weißes Licht übergeht (Taxe 4.500 EUR).
Teuerste Skulptur des Tages nach Kollwitz’ Pietà ist Günther Ueckers bronzener „Zeitungsblock“, den der Künstler erst im vergangenen Jahr anlässlich des sechzigsten Geburtstages der „BILD“-Zeitung anfertigte. Angeblich sollen bereits am ersten Tag alle sechzig nummerierten Exemplare vergriffen gewesen sein (Taxe 18.000 EUR). Dahinter rangiert bei 12.000 Euro Ewald Matarés kleine Terrakottafigur „Eingekauertes Rind II“ von 1947, die als Vorlage für einen Bronzeguss diente. Mit dem gleichen Preis ist die von Pablo Picasso entworfene Glasskulptur „Wasserträgerin“ aus der Zeit um 1954 ausgezeichnet, der zudem aus seinem reichen Grafikschaffen die Radierung „Quatre Femmes nues et tête sculptée“ von 1934 aus der „Suite Vollard“ für 28.000 Euro bereitstellt.
Die Auktion beginnt am 1. Juni um 15 Uhr. Die Besichtigung ist noch bis zum 30. Mai täglich von 10 bis 18 Uhr, am 31. Mai von 10 bis 16 Uhr in der Rankestraße 24, 10789 Berlin, möglich. Der Katalog im Internet listet alle Objekte unter www.bassenge.com. |  | Kontakt: Galerie Bassenge Erdener Straße 5a DE-14193 Berlin |
 | Telefon:+49 (030) 893 80 290 | Telefax:+49 (030) 891 80 25 |  |  | E-Mail: info@bassenge.com |  | Startseite: www.bassenge.com |
30.05.2013 |
Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Johannes Sander |  |
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 |  | Weitere Inhalte: Gesamt Treffer 15 | Seiten: 1 • 2
 Events (1) • Adressen (1) • Berichte (1) • Kunstwerke (11) • Im Verkauf - Events (1) |  | •  | Veranstaltung vom: 01.06.2013, Moderne
Kunst |  | •  | Bei: Galerie Bassenge
|  | •  | Bericht: Ei im Bild
|  |  | •  | Kunstwerk:  James Abbott McNeill Whistler, The Palaces, 1879 |  | •  | Kunstwerk:  Christian Rohlfs, Helene Rohlfs lesend, um 1920 |  | •  | Kunstwerk:  Pierre-Auguste Renoir, Baigneuse Debout, en pied,
1896 |  |  | •  | Kunstwerk:  Umberto Boccioni, Scaricatori di carbone, 1907 |  | •  | Kunstwerk:  Emile Bernard, Joseph und die Frau des Potiphar, 1896 |  | •  | Kunstwerk:  Umberto Boccioni, L’Atleta, 1907 |  |  |
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 James Abbott McNeill
Whistler, The
Palaces, 1879 |  | Taxe: 20.000,- EURO Losnummer: 8378 |  |  |  |  |  | 
 Umberto Boccioni,
Scaricatori di
carbone, 1907 |  | Taxe: 3.000,- EURO Zuschlag: 3.200,- EURO Losnummer: 8039 |  |  |  |  |  | 
 Adolf Hölzel,
Figurenkomposition
mit Heiligenschein,
um 1925/30 |  | Taxe: 11.000,- EURO Losnummer: 8179 |  |  |  |  |  | 
 Pierre-Auguste
Renoir, Baigneuse
Debout, en pied, 1896 |  | Taxe: 24.000,- EURO Zuschlag: 19.500,- EURO Losnummer: 8299 |  |  |  |  |  | 
 Adolf Hölzel,
Aufsteigende
Figuren, um 1930 |  | Taxe: 4.500,- EURO Losnummer: 8180 |  |  |  |  |  | 
 Emile Bernard,
Joseph und die Frau
des Potiphar, 1896 |  | Taxe: 12.000,- EURO Losnummer: 8032 |  |  |  |  |  | 
 Umberto Boccioni,
Quattro ritratti e un
bambino, 1907/09 |  | Taxe: 3.000,- EURO Zuschlag: 2.000,- EURO Losnummer: 8042 |  |  |  |  |  | 
 Umberto Boccioni,
L’Atleta, 1907 |  | Taxe: 3.000,- EURO Zuschlag: 4.400,- EURO Losnummer: 8040 |  |  |  |  |  | 
 Christian Rohlfs,
Helene Rohlfs
lesend, um 1920 |  | Taxe: 8.000,- EURO Losnummer: 8308 |  |  |  |  |  | 
 Umberto Boccioni,
Maria Sacchi che
legge, 1907 |  | Taxe: 3.000,- EURO Zuschlag: 3.400,- EURO Losnummer: 8041 |  |  |  |  |  | 
 Umberto Boccioni,
Madre che cuce, 1910 |  | Taxe: 3.000,- EURO Zuschlag: 2.000,- EURO Losnummer: 8043 |  |  |
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