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Marktberichte |
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Kunst und Antiquitäten bei Nagel in Stuttgart  Großfürstin Olga malt nicht schlecht

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 |  | Jean François van der Borght, Fünf Tapisserien aus der Achilles-Folge, Pieter II. und Brüssel 2. Viertel 18. Jahrhundert | |
Es gibt Leute, die haben ihre Häuser um ihre Teppichsammlung herum gebaut. Manchmal sollte man dabei von vornherein sehr großzügig vorgehen. Etwa wenn man das Quintett von Tapisserien begehrt, die nun im Stuttgarter Auktionshaus Nagel im Rahmen der zweitägigen Versteigerung von Kunst und Antiquitäten zum Aufruf gelangen. Die jeweils rund dreieinhalb Meter hohen, teils annähernd quadratischen und teils hochrechteckigen Bildteppiche zeigen Szenen aus dem irdischen Dasein des griechischen Helden Achilles und wurden im zweiten Viertel des 18ten Jahrhunderts in der Brüsseler Manufaktur Pieter II. und Jean François van der Borght gewirkt. Als Vorlagen dienten Kartons des Historienmalers Jan van Orley und des Landschaftsmalers Augustin Coppens. Bekrönt sind sie jeweils mit dem Wappen der Österreichischen Niederlande, und so werden als Auftraggeber allerhöchste Herrschaften aus dem Hause Habsburg vermutet: vielleicht der spätere Kaiser Karl VI., vielleicht Maria Theresia oder ihr Mann Franz Stephan. Parat haben sollte man bei Interesse nicht nur viel Platz, sondern auch rund 120.000 Euro. Auf diesen Wert ist die Tapisseriefolge geschätzt.
Das Kunsthandwerk aller Arten bildet am 9. und 10. Oktober wie gewohnt einen Schwerpunkt in der umfangreichen Versteigerung. Da wartet beispielsweise eine russische Biskuitporzellanvase des frühen 19ten Jahrhunderts in Gold-Weiß mit antikischen Figurenreliefs für 20.000 Euro auf Kundschaft, ebenso wie eine Florentiner Pietra-Dura-Schatulle mit Obstnachahmungen des 17ten Jahrhunderts, die Hochzeitsdecke von Adolph von Nassaus und Elisabeth Michailowna Romanowa aus der Zeit um 1844 und ein sternförmiger Farbergé-Rahmen von Michail Perchin aus der Zeit um 1899/1903. 1913 beschenkte die russische Zarenfamilie ihre Günstlinge anlässlich des 300jährigen Dynastiejubiläums mit kostbarem Schmuck der Firma Albert Holmström, darunter einer goldenen Brosche mit Diamant und Amethysten (Taxe 18.000 EUR). In die deutsche Geschichte führt ein böhmischer Humpen mit aufgemaltem Doppelkopfadler, der in seinen Flügeln die Wappen der Reichsstände trägt. 1591 ist das gute Stück datiert (Taxe 10.000 EUR).
Reich ist auch die Auswahl an Möbeln, etwa eine italienische Marmormosaikplatte des 18ten Jahrhunderts aus Würfelfeldern mit jüngerem Gestell im Boulle-Stil (Taxe 15.000 EUR) oder ein klassizistischer Kabinettaufsatz des Leipziger Meisters Friedrich Gottlob Hoffmann um 1795 (Taxe 12.500 EUR). Zu den Hinguckern im Inventar von Burg Kipfenberg, nahe Eichstätt über der Altmühl gelegen, gehörte bisher ein siebenteiliges Rokoko-Ameublement wohl fränkischer Herkunft, das jetzt für 25.000 Euro weitervermittelt werden soll. Auf die Kunst des Braunschweiger Meisters Johann Michael van Selow verweist eine hübsche Rokokotischplatte, deren Ornamente und Blumen samt Papagei in der Mitte aus farbigen Glasperlen zusammengesetzt sind (Taxe 16.000 EUR). Unter den jüngsten Preziosen fällt ein eiserner Schrank mit farbigen Bleiglastüren in geometrischen Jugendstil-Formen auf, der laut Signatur 1914/15 bei Faltus & Koutník in Prag vom Band lief (Taxe 22.000 EUR).
Besondere qualitative Höhe besitzt diesmal das Nagelsche Angebot an Skulpturen aus spätem Mittelalter und der frühen Neuzeit. Dem Umkreis des Donatello-Schülers Bartolomeo Bellano wird ein Kalksteinrelief mit der Frührenaissance-Darstellung Christi im Grab mit zwei Engeln zugeschrieben. Unverkennbar basiert es auf einer Bronzetafel, die Donatello Ende der 1440er Jahre für die Basilica del Santo in Padua geschaffen hat (Taxe 30.000 EUR). Österreichischer Herkunft des späten 14ten Jahrhunderts ist ein heiliger Paulus mit Schwert und Buch aus partiell noch immer farbig gefasstem Kalkstein (Taxe 15.000 EUR). In die Gegend um Nürnberg um 1500 weist dagegen der Torso eines hölzernen Kruzifixes mit ausdrucksvollem Antlitz (Taxe 12.000 EUR).
Noch im vergangenen März waren auf der TEFAF in Maastricht zwei Paar Leuchterengel des Ravensburger Meisters Jacob Russ um 1485/90 ausgestellt. Auch der kürzlich verstorbene Würzburger Kunsthändler Albrecht Neuhaus hatte die mit einer prachtvollen Originalfassung in Gold geschmückten Figuren einst in seinem Programm (Taxe 50.000 EUR). 25.000 Euro soll eine heilige Katharina von Jan van Steffeswert kosten, einem Maastrichter Meister auf der Schwelle zwischen Spätgotik und Frührenaissance, und für 18.000 Euro gibt es eine fast zwei Meter hohe Sandsteinallegorie der Erde und Fruchtbarkeit aus dem 18ten Jahrhundert, deren Vorbild von dem Franzosen Thomas Regnaudin stammt und sich heute im Louvre zu Paris befindet.
Eine Handvoll weiterer Arbeiten stammt aus der Sammlung des 1954 verstorbenen Frankfurter Unternehmers Georg Hartmann, allen voran ein ursprünglich wohl auf einer Wolke schwebender Putto mit erhobenem Arm von Ignaz Günther, um 1765/70 vermutlich für einen Hochaltar im süddeutschen Raum geschnitzt. Die Lebendigkeit der Darstellung beeindruckt ebenso wie die technische Meisterschaft, mit der alle Partien des Körpers und des umherflatternden Gewandtuches behandelt sind. 50.000 Euro stehen hier auf dem Etikett. Ansonsten konzentrierte sich Hartmanns Interesse vornehmlich auf die Gotik, wovon eine stehende Maria Magdalena des schwäbischen Raumes aus der ersten Hälfte des 14ten Jahrhunderts zeugt (Taxe 12.000 EUR). Manches wie ein heiliger Martin zu Pferd mit Bettler aus dem späten 15ten Jahrhunderts für 1.000 Euro ist dabei bemerkenswert günstig taxiert.
Bei den Gemälden haben die Meister des 19ten Jahrhunderts die Nase vorn, nur Joost Cornelisz Droochsloots dörfliches Treiben aus den 1650er Jahren macht sich mit 7.500 Euro Hoffnungen auf einen hohen vierstelligen Betrag. Johann Baptist Pflugs 1834 datierte Szene mit Soldaten, die sich an einem Marketenderzelt vergnügen, repräsentiert das biedermeierliche Schwaben (Taxe 9.000 EUR). Auch eine volkreiche Bauernhochzeit des Italieners Achille Glisenti vertritt die Rubrik Genre (Taxe 3.500 EUR). Andreas Achenbach steht als Signatur unter einem Ölbild mit Fischerboot an einem Anleger. Die 1879 datierte Leinwand zählt aber augenscheinlich nicht zu den herausragenden Werken des Meisters und ist daher auch von Nagel nur mit 5.000 Euro taxiert. Ein anderer berühmter Name ist derjenige Carl Spitzwegs. Seine im Werkverzeichnis bereits erfasste „Felswand in einer Schlucht“ wohl aus den frühen 1840er Jahren wird bei 18.000 Euro gehandelt.
Den beginnenden Impressionismus südlich der Alpen repräsentiert Carlo Grubacs’ Blick auf Dogenpalast, Piazzetta und Bacino di San Marco auf nur 15 mal 25 Zentimeter großer Holzplatte (Taxe 8.000 EUR). Auf deutscher Seite wären hier Heinrich von Zügels Schafherde unter Buchen an einem heißen Sommertag von 1899 (Taxe 10.000 EUR) und Otto Pippels „Münchner Kaffeegarten“ für 12.000 Euro zu nennen. Otto Dill lässt uns dann in seinem von Grüntönen dominiertem Gemälde „Auf der Rennbahn“ von 1933 an einem Sprung der Pferde über eine Hecke samt Wassergraben teilnehmen (Taxe 6.800 EUR). Für die Landschaftskunst, die wichtigste Gattung des 19ten Jahrhunderts, stehen etwa Johann Wilhelm Schirmers sommerlich ruhiger Abendblick über eine weite italienische Hügelgegend auf eine Bergkette mit Burgen im Hintergrund (Taxe 6.000 EUR), Carl Ludwig Fahrbachs Mühle neben markanten Felsformationen an der Bergstraße (Taxe 2.000 EUR), Peter Bückens Dorf in Eifel mit Schafhirtin samt Herde bei aufziehendem Gewitter (Taxe 1.200 EUR) oder Christian Malis stimmungsvolle Ansicht eines Dorfes mit einer „Bauernhochzeit“ (Taxe 4.000 EUR).
Bei Gustav Schönlebers romantischer „Partie in der Esslinger Altstadt am Stadtgraben“ von 1880, im Sommer bei Nagel noch für 9.500 Euro angeboten, hat sich der Preis inzwischen um 2.000 Euro reduziert. Bislang unbekannt ist der Schöpfer zweier Istanbul-Ansichten, der die Pendants mit „F. Henry“ signiert hat (Taxe 25.000 EUR). Adelsfreunde werden sich vielleicht über Franz Seraph Stirnbrands mittelgroßes Ganzfigurenportrait des württembergischen Königs Karl I. aus dem Kriegsjahr 1866 freuen (Taxe 12.000 EUR), und ein ganz besonderes Stück stammt von seiner russischen Gemahlin, Großfürstin Olga Nikolajewna Romanowa: Die „Überfahrt auf einem See“, dessen zentrales Motiv mit den Herren in einem Boot an ein berühmtes Gemälde des Romantikers Adrian Ludwig Richter erinnert, hat ihr nicht nur gehört, sie hat es 1843 sogar selber gemalt. 30.000 Euro möchte Nagel für dieses Dokument eines durchaus beachtlichen künstlerischen Dilettantismus sehen.
Die Auktion beginnt am 9. Oktober um 14 Uhr und wird am 10. Oktober um 10 Uhr fortgeführt. Die Vorbesichtigung läuft vom 4. bis zum 7. Oktober täglich von 11 bis 18 Uhr. |  | Kontakt: Nagel Auktionen DE-70030 Stuttgart |
 | Telefax:+49 (0711) 649 69 696 | Telefon:+49 (0711) 64 96 90 |  |
05.10.2013 |
Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Johannes Sander |  |
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 |  | Weitere Inhalte: Gesamt Treffer 36 | Seiten: 1 • 2 • 3 • 4
 Events (1) • Adressen (1) • Kunstwerke (34) |  | •  | Veranstaltung vom: 09.10.2013, Kunst und Antiquitäten
|  | •  | Bei: Nagel Auktionen
|  | •  | Kunstwerk:  Gustav Schönleber, Partie in der Esslinger
Altstadt am Stadtgraben, 1880 |  |  | •  | Kunstwerk:  F. Henry, Ansicht der Hagia Sofia in Istanbul – Ansicht des Hafens von Istanbul, 2. Hälfte 19. Jahrhundert |  | •  | Kunstwerk:  Christian Mali, Bauernhochzeit |  | •  | Kunstwerk:  Peter Bücken, Eifellandschaft mit Schafhirtin an einem
Gehöft, 1907 |  |  | •  | Kunstwerk:  Carl Spitzweg, Felswand in einer Schlucht |  | •  | Kunstwerk:  Carl Ludwig Fahrbach, Mühle an der Bergstraße, 1890 |  | •  | Kunstwerk:  Johann Wilhelm Schirmer, Weite italienische
Landschaft am frühen Abend |  |  |
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 Österreich,
Heiliger Paulus,
spätes 14.
Jahrhundert |  | Taxe: 15.000,- EURO Losnummer: 585 |  |  |  |  |  | 
 Russland, Vase, 1.
Viertel 19.
Jahrhundert |  | Taxe: 20.000,- EURO Losnummer: 13 |  |  |  |  |  | 
 Friedrich Gottlob
Hoffmann,
Kabinettaufsatz,
Leipzig um 1795 |  | Taxe: 12.500,- EURO Losnummer: 505 |  |  |  |  |  | 
 F. Henry, Ansicht der
Hagia Sofia in
Istanbul – Ansicht
des Hafens von
Istanbul, 2. Hälfte
19. Jahrhundert |  | Taxe: 25.000,- EURO Losnummer: 800 |  |  |  |  |  | 
 Peter Bücken,
Eifellandschaft mit
Schafhirtin an einem
Gehöft, 1907 |  | Taxe: 1.200,- EURO Losnummer: 782 |  |  |  |  |  | 
 Olga Nikolajewna
Romanowa, Überfahrt
auf einem See, 1843 |  | Taxe: 30.000,- EURO Losnummer: 21 |  |  |  |  |  | 
 Italien, Tisch mit
Marmorplatte, 18.
Jahrhundert |  | Taxe: 15.000,- EURO Losnummer: 405 |  |  |  |  |  | 
 Böhmen,
Reichsadlerhumpen,
1591 |  | Taxe: 10.000,- EURO Losnummer: 83 |  |  |  |  |  | 
 Albert Holmström,
Brosche zum
300jährigen
Jubiläum der
Romanow-Dynastie,
um 1913 |  | Taxe: 18.000,- EURO Losnummer: 60 |  |  |  |  |  | 
 Faltus & Koutník,
Vitrinenschrank,
Prag 1914/15 |  | Taxe: 22.000,- EURO Losnummer: 534 |  |  |  |  |  | 
 Carlo Grubacs, Blick
auf Dogenpalast,
Piazzetta und Bacino
di San Marco in
Venedig |  | Taxe: 8.000,- EURO Losnummer: 764 |  |  |  |  |  | 
 Johann Baptist
Pflug, Soldaten
vergnügen sich bei
einem
Marketenderzelt,
1834 |  | Taxe: 9.000,- EURO Losnummer: 734 |  |  |
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