Solide Ergebnisse, aber keine Sensationen brachte die Versteigerung zeitgenössischer Kunst hervor, mit der Sotheby’s in London seinen Reigen der großen Kunstauktionen im Herbst eröffnete. Gerade einmal fünf Millionenpreise schafften die knapp fünfzig Losnummern des allgemeinen Programms, einen weiteren gab es im „Italien Sale“. Teuerster Kandidat wurde Glenn Brown mit seinem gigantischen Weltallbild „Ornamental Despair“ von 1994, das auf einem der berühmten Poster von Chris Foss aus dem Jahr 1986 basiert. Hier konnte die obere Schätzung von 3 Millionen Pfund sogar noch um 100.000 Pfund überschritten werden. Dahinter folgte mit geziemendem Abstand Andreas Gurskys fast vier Meter breite Fototafel „Paris, Montparnasse“ mit einer Frontalansicht einer Wohnmaschine Le Corbusiers aus dem Jahr 1993 für taxgerechte 1,25 Millionen Pfund. Mit dem Geld will die Deutsche Telekom nun Kunst aus ihrem neuen Sammelgebiet, aus Ost-, Südosteuropa und der Türkei ankaufen. Allerdings scheiterte Gursky später mit zwei weiteren seiner artifiziellen Fotografien an bis zu 850.000 Pfund, ebenso übrigens wie Gerhard Richter mit seinem Abstrakten Bild Werknummer 820-1 in Gelbgrün von 1994 für geschätzte 1,5 bis 2 Millionen Pfund.
Besonders junge Künstler profitierten von dieser Auktion am 17. Oktober, die insofern wohl vor allem die Aufgabe hatte, diese Senkrechtstarter nun endgültig in den besten Kreisen salonfähig zu machen. Zu den Glücklichen zählten etwa Nate Lowman mit seiner sternförmigen schwarzweißen Einschussloch „Pink Altima“ von 2005 für 170.000 Pfund (Taxe 80.000 bis 120.000 GBP), Alex Hubbard, dessen informell wirkende Leinwand „Dead in Pompeii“ von 2011 im Neonlook die untere Schätzung auf 80.000 Pfund verdoppeln konnte, oder der 1986 geborene Oscar Murillo. Dessen wilde Farbkritzelei mit der Aufschrift „Champagne“ erzielte mit 175.000 Pfund ein einträgliches Ergebnis (Taxe 40.000 bis 60.000 GBP). Brandneu war die ghanastämmige Lynette Yiadom-Boakye, geboren 1977 in London und heuer für den Turner Prize nominiert. Ihr Zweifrauenbild „Politics“ von 2005 war ihr erster Auktionsauftritt und mit einer Schätzung von nur 15.000 bis 20.000 Pfund das Küken der Auktion; es räumte dann immerhin 42.000 Pfund ab. Ein „Birdshit“-Bild Dan Colens von 2006/07 wurde von 60.000 bis 80.000 Pfund auf 115.000 Pfund gehoben.
Auch einige Arbeiten der etwas älteren Künstler erfreuten ihre ehemaligen Besitzer mit hübschen Wertsteigerungen. Wade Guytons lamellenartig strukturierter Großdruck „Untitled“ in Schwarz-Weiß von 2008 kletterte von 300.000 bis 400.000 Pfund auf 520.000 Pfund, stattliche 675.000 Pfund lautete das Ergebnis für eine schwarz-weiß-rote Orgie über rasterartigem Grund von Christopher Wool ebenfalls ohne Titel von 2010 (Taxe 200.000 bis 300.000 GBP), und 230.000 Pfund gab es für Hurvin Andersons aquarellartig alla prima in Öl aufgetragenes „House“ von 2005 (Taxe 120.000 bis 180.000 GBP). 105.000 Pfund konnte der im vergangenen Jahr verstorbene Österreicher Franz West konnte für einer undefinierbare, mit Acryl beschmierte Skulptur auf einem Plastikeimer von 2007 verbuchen (Taxe 100.000 bis 150.000 GBP). Prominenter Rückgang waren drei fast lebensgroße Bronzefiguren von Juan Muñoz unter dem Titel „Conversation Piece V 1/1“ von 2001 aus einer deutschen Privatsammlung (Taxe 2 bis 3 Millionen GBP).
Die sonst eigentlich finanzkräftigeren Altmeister kamen über Achtungserfolge wie 1,05 Millionen Pfund für ein mittelgroßes Hängemobile Alexander Calders von 1958 nicht hinaus (Taxe 1 bis 1,5 Millionen GBP). Richard Hamilton machte mit einem bemerkenswerten Frühwerk auf sich aufmerksam, dem an Paul Cézanne erinnernden „Still Life?“ mit bewusst gesetztem Fragezeichen von 1954. Es verbesserte sich leicht von 250.000 bis 350.000 Pfund auf 420.000 Pfund. Jean Dubuffets ungeschlachte Menschengestalt „Jacasse“ von 1961 blieb dagegen schon an 730.000 Pfund hängen (Taxe 800.000 bis 1,2 Millionen GBP), Jean-Michel Basquiats Totenkopfwesen „Red Joy“ von 1984 an 1,2 Millionen Pfund (Taxe 1,5 bis 2,5 Millionen GBP), und auch Louise Bourgeois musste sich mit 820.000 Pfund für ihren Zyklus von 28 scharlachroten Gouachen „Les Fleurs“ aus ihrem Todesjahr 2010 begnügen (Taxe 900.000 bis 1,3 Millionen GBP). Von den Chinesen erreichte Zeng Fanzhi mit seiner „Mask Series No. 26“ aus dem Jahr 1995 mit 1 Million Pfund gerade die Siebenstelligkeit (Taxe 1,2 bis 1,5 Millionen GBP).
Bei den im Sonderkatalog versammelten 46 Italienern, die mit einer Zuschlagquote im mittleren 80 Prozent-Bereich sowohl losbezogen als auch wertbezogen besser abschnitten als die Hauptauktion, führte erwartungsgemäß Lucio Fontanas sonnengelbes „Concetto Spaziale“ von 1960 mit orangefarbenem Mittelpunkt und zahllosen Leinwanddurchstichen bei 1,35 Millionen Pfund die Preisliste an (Taxe 1 bis 1,4 Millionen GBP). Mit einer Ausnahme fanden auch alle anderen acht Fontanas für bis zu 680.000 Pfund Abnehmer. Auch alle vier Arbeiten Alberto Burris stießen auf Gegenliebe. Bei ihm reüssierten etwa das materialreiche Farb-, Stein- und Sandgemisch „Bianco-Rosso (T T X)“ von 1954 bei 710.000 Pfund (Taxe 400.000 bis 600.000 GBP) und die aufgesprungene weiße Acrovinyl-Landschaft „Cretto“ von 1973 bei 520.000 Pfund (Taxe 300.000 bis 400.000 GBP).
Größte Überraschung war Enrico Castellanis knallige „Superficie Gialla – Ricomposizione“ aus dem Jahr 1972, für die der Einlieferer statt der anvisierten 90.000 bis 120.000 Pfund satte 380.000 Pfund einstreichen konnte. Auch die Neonlichtkette Mario Merz’ „Una somma reale è una somma di gente“ mit Fibonacci-Zahlenreihe und dazugehörigen Restaurantfotos von 1972 für 480.000 Pfund (Taxe 250.000 bis 350.000 GBP) und Michelangelo Pistolettos sitzender Rückenakt „Bionda Nuda – Orizzontale“ von 1962/75 auf blankpolierter Edelstahlplatte für 600.000 Pfund belegten die Attraktivität des Angebots (Taxe 400.000 bis 500.000 GBP). Teuerste Skulptur wurde erwartungsgemäß Marino Marinis gut halbmeterhohe schrundige Bronze „L’idea del Cavaliere“ von 1955 zur unteren Grenze von 800.000 bis 1,2 Millionen Pfund. Und für die beiden großen eiförmigen Öffnungen auf der hochrechteckigen schwarzen Leinwand „Volume“ der 2004 verstorbenen Mailänderin Dadamaino gab es immerhin den aktuellen Auktionsrekord von 85.000 Pfund (Taxe 40.000 bis 60.000 GBP).
Alle Preise verstehen sich als Zuschläge ohne das Aufgeld. |