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Marktberichte

Aktuellzum Archiv:Auktions-Vorbericht

Das Heilbronner Kunstauktionshaus Dr. Jürgen Fischer läutet die farbenfrohe Herbstsaison mit einem prallgefüllten Angebot von über 1.000 gläsernen Preziosen ein

Von Bandwürmern und einer keuschen Pomona



 Deutschland, Passglas mit vier Ringen, 17. Jahrhundert

Deutschland, Passglas mit vier Ringen, 17. Jahrhundert

Bei Dr. Jürgen Fischer gibt es in der 232. Auktion jede Menge europäisches Glas und Studioglas zu entdecken. Vom alten Formglas über Gefäße des Jugendstil und Art Déco bis hin zu Exponaten moderner Künstler aus Tschechien, Deutschland und Schweden hat das Programm einiges für Liebhaber und Sammler zu bieten. Das älteste Stück stammt aus dem 5. Jahrhundert vor Christus und wird aufgrund seiner geringen Höhe von nur elf Zentimeter Amphoriskos genannt. Trotz ihres fortgeschrittenen Alters ist die kobaltblaue, kleine Amphore mit den Doppelhenkeln gut erhalten und wirkt mit ihren aufgeschmolzenen, wellenförmigen Mustern in Rot und Gelb fast wie ein psychedelisches Dekor der Flower Power-Bewegung. Sie ist für 1.500 bis 1.700 Euro zu haben. Mit einem Schätzwert von 10.000 bis 13.000 Euro überbietet jedoch ein museales deutsches Ringglas aus dem 17. Jahrhundert alle anderen Lose seiner Kategorie. Es stand ehemals im Jagdschloss Klipphausen bei Wilsdruff und war im Besitz der Fürsten Reuß zu Köstritz, bis diese 1945 enteignet wurden. Auf der graustichigen Wandung sind fünf eingekerbte Passfäden angebracht. Zwischen den beiden obersten befinden sich vier gekniffene Ösen, in die vier bewegliche Ringe eingehängt sind.


Ganz ähnliche Passfäden sind in einer feineren Kerbung spiralförmig um ein etwas jüngeres deutsches Glas mit hochgestochenem Boden aufgelegt. Wegen dieser optischen Besonderheit erhielt das Formglas die nicht sehr schmeichelhafte Bezeichnung „Bandwurmglas“ – na dann wohl bekomms (Taxe 3.500 bis 4.300 EUR). Appetitlicher präsentiert sich hingegen eine opakweiße Milchglasflasche mit sechs geblasenen Rippen und schräg gekämmten, dunkelblauen Fäden. Gefäße mit gekämmten Fäden wie das angebotene wurden vor allem im 18. Jahrhundert im alpenländischen Raum gefertigt. Die Glashüttenbetreiber dieser Region entwickelten große Kunstfertigkeit darin, ihre Produkte von jeglicher Profanität abzuheben, indem sie sich auffälliger Farben und reizvoller Dekore bedienten. Der neue Besitzer dieses Exemplars darf sich also auf ein besonderes Lieblingsstück freuen (Taxe 4.500 bis 5.500 EUR).

In der Sparte des Schnittglases ist ein schlesischer Deckelpokal mit Pressburger Wappen von 1745 hervorzuheben. Er geht mit einem Preis von 4.000 bis 5.000 Euro in die Auktion und wird dem aus Warmbrunn stammenden Christian Gottfried Schneider zugeschrieben. Das überaus reich und fein verzierte Gefäß belebt ein Schäferpaar mit Herde und Hütehund in hügeliger Architekturlandschaft und eine darunter liegende Miniaturjagdszene mit einer Hirschkuh, Jägern und Hunden. Seitlich sind je ein Papagei sowie Bandelwerk mit entzückenden Eichhörnchen und einer Hirschjagd als Miniaturansichten angebracht. Aus Nordböhmen stammt ein dickwandiger Becher um 1820. Auf seiner zylindrischer Wandung sind kunstvoll die zwölf Lebensalter auf einer getreppten Brücke dargestellt, im Bogen darunter eine Kutsche mit Taufgesellschaft sowie ein offenes Grab mit Sargträgern und dazwischen Symbole der vier Jahreszeiten. Der Schnitt wurde nach einer Bilderbogen-Vorlage hergestellt und zeigt wie viele andere Exponate dieser Abteilung, über welch handwerkliches Geschick Glasschleifer verfügten (Taxe 2.500 bis 3.000 EUR).

Ein böhmischer Zunfthumpen von 1689 dominiert das Email- und Zwischengoldglas. Der Becher mit dem bunten Farbendekor ehrt die Zunft der Gärtner und trägt eine Kartusche mit deren Emblem, das flankiert von Blumengebinden ist. Rückseitig ist ein in Zeittracht gekleideter Kavalier aufgemalt, der einer Dame ein flammendes Herz reicht (Taxe 4.000 bis 5.000 EUR). Nicht minder farbenfroh ist ein Passglas aus Mitteldeutschland von 1720 gestaltet, welches ein Hase zwischen Maiglöckchenzweigen mit zwei gekreuzten Hämmern ziert. Die Wandung mit den polychromen Blattbordüren ist von vier aufgeschmolzenen, gekerbten Passfäden unterteilt – eine seltene Ausführung und wohl eine Übergangsform vom 17. ins 18. Jahrhundert (Taxe 4.000 bis 4.500 EUR). Beim Farbglas des 19. Jahrhunderts erregen besonders ein Vasenpaar und zwei Glaspokale der Gräflich Harrachschen Glasfabrik aus Neuwelt Aufmerksamkeit. Die Vasen von etwa 1855 bestechen durch ihre reichen Ornamente und Arabesken aus Poliergold, das besonders durch den silbrigen Zinnemailunterfang des facettierten Glases zur Geltung kommt (Taxe 2.800 bis 3.300 EUR). Die rubinroten Pokale von 1843 zeigen antikisierende Figuren mit einem Füllhorn voller Blumen sowie einer Fackel und einem Lorbeerkranz und können für 2.500 bis 3.000 Euro erworben werden.

Ein weiteres Duo, von dem sich die Experten des Heilbronner Auktionshauses einen Erfolg erhoffen, ist ein partiell silbergelb gebeiztes, farbloses Pokalpaar aus Neuwelt, dessen Ausführung August Böhm zugeschrieben wird. Auf der Kuppa sieht man Darstellungen aus der Legende des russischen Adjutant Jan Mazeppa, der sich in Kunst und Literatur einen Namen machte, in dem er sich den Kosaken anschloss, nachdem ihn der gehörnte Ehemann seiner Geliebten nackt von einem Pferd durch die Wälder jagte. Für Gesprächsstoff mit den Gästen ist bei diesen Gefäßen definitiv gesorgt (Taxe 2.500 bis 3.500 EUR). Die Sparte beinhaltet zudem eine Sammlung farbiger Steingläser wie den in grünlich-grauen und braunen Tönen marmorierten Fußbecher aus den Gräflich Buquoyschen Glashütten von 1834 für 3.000 bis 4.000 Euro. Besonders wertvoll ist ein von Samuel Mohn signierter Zylinderbecher aus dem Jahr 1815 mit der in Schwarzlot gemalten Porträtsilhouette eines Herrn in Uniform (Taxe 5.000 bis 7.000 EUR).

Die Abteilung mit Glas des Jugendstil und Art Déco übertrifft dies mit einer 26,5 Zentimeter großen Vase von Gabriel Argy-Rousseau aus dem Jahr 1927. Ihr ungewöhnliches Design aus reliefierten Zick-Zack-Motiven mit vierblättrigen Blüten harmoniert mit ihren Farbverläufen von Schwarz zu Braun zu Gelb und Weiß bei orangefarbenen Akzenten. Hier stehen 10.000 bis 15.000 Euro auf dem Etikett. Aus der gleichen Zeit stammt eine violette Schale von François-Emile Décorchemont mit zwei Henkeln in Form von plastischen, verschlungenen Schlangen, die sich ästhetisch in die Innenseite des Objekts winden (Taxe 6.000 bis 6.500 EUR). Für jeweils 8.000 bis 10.000 Euro sind eine grüne Schale mit zart roséfarbenen Buschwindröschen und goldenen Konturenzeichnungen in Zwischenschichtmalerei von Burgun, Schverer & Co. sowie eine Vase von Emile Gallé zu erwerben. Letztere besteht aus rauchbraunem Glas, das umlaufend von geätzten Libellen in Reliefmalerei umschwirrt wird, die von kleinen Wirbeln umgeben sind.

Wo die Erzeugnisse des Franzosen Gallé im Angebot sind, da sind meist auch die leuchtenden Gläser der Manufaktur der Daum Frères nicht weit. Auch bei dieser Herbstauktion sind sie mit vielen Exponaten zugegen, so etwa mit einer rosa- und orangefarbenen Fußvase samt violettem Überfang und geätztem Mohnblütendekor (Taxe 7.000 bis 8.000 EUR) oder einer eindrucksvollen Vase mit plastisch gearbeiteten, grünen Auflagen in Form von Baumstämmen, zwischen denen im Überfangglas die Silhouette eines Kirchturms zu erkennen ist (Taxe 4.500 bis 5.000 EUR). Den feierlichen Abschluss der Abteilung bildet ein in sechs Bildfelder unterteiltes Glasfenster, dessen Entwurf der Flensburger Kunsthandwerker und Maler Hans Christiansen besorgt haben soll. Das bunte, teils marmorierte Stück von 1910 trägt den Titel „Keusche Pomona von einem Satyr umworben“ und stellt die entsprechende mythologische Szene dar, die mit ihren ornamentalen Bordüren und der altertümlichen Kleidung der bedrängten jungen Frau charakteristisch für die Jugendstilfenster eines Privathauses ist. Die Glasmalerei wurde beim Abbruch einer Villa gefunden und glücklicherweise vor der Mülldeponie gerettet (Taxe 13.000 bis 18.000 EUR).

Stängelgläser hat Jürgen Fischer wie gewohnt in bester Qualität und erlesener Auswahl im Angebot. Besonders die Kunstglasfabrik Meyr’s Neffe in Adolf bei Winterberg in Böhmen, die als eine der ältesten in Europa gilt, ist gut vertreten. Zwei Entwürfe von Otto Prutscher sind darunter, ein Weinglas mit einem grün-gelb überfangenen Schaft aus gegeneinander versetzt angeordneten Quadraten für 4.000 bis 5.000 Euro und ein Glas mit Trompetenfuß und gelb gebeizter Olivenschliffbordüre für 3.000 bis 4.000 Euro. Blutrot ist das dritte Stängelglas mit einer zylindrischen Kuppa überfangen, die auf einem Schaft aus geschliffenen, gegeneinander versetzt angeordneten Kreisöffnungen ruht (Taxe 1.750 bis 2.000 EUR). Mit der Tischlampe „Roses sauvages“ in Pink und Türkis der Verreries Schneider von 1918/21 für 2.800 bis 3.500 Euro oder farblosen Vase „Papillons“ von René Lalique aus dem Jahr 1936 ist dann schon das Art Déco erreicht (Taxe 3.000 bis 3.500 EUR).

Auch das italienische Muranoglas der 1950er Jahre ist in der Auktion mit von der Partie. In ihren abstrakten Mustern und grellen Farben sticht die Vase „Murrine fine Canna“ nach einem Entwurf von Ermanno Toso heraus, die aus außergewöhnlich großen, verzogenen Glasplättchen geformt ist (Taxe 10.000 bis 12.000 EUR). Kleinteilig und auf den Hell-Dunkel-Kontrast bauend, tritt die weiße Murrine-Vase mit verschmolzenen dunkelvioletten Mosaikplättchen im Häkchenmuster von Paolo Venini aus dem Jahr 1954 auf (Taxe 5.000 bis 7.000 EUR). 4.000 bis 6.000 Euro wünscht sich das Auktionshaus hingegen für die farblose und mit Craquelé überzogene „Petite femme debout à la chevelure“. Die mit ihren großen Brüsten und breiten Hüften sowie naiven Physiognomie an eine ägyptische Fruchtbarkeitsgöttin erinnernde Figur stammt aus der Feder des vornehmlich aus anderen Kunstgattungen bekannten Pablo Picasso. Er lieferte den Entwurf 1962 für Egidio Costantini, der die Glasskulptur in der Fucina degli Angeli in Venedig ausführte. Den Abschluss macht zum gleichen Schätzwert eine ebenfalls aus dieser Manufaktur stammende Kristallglasvase mit einem aus plastischen Farbaufschmelzungen in Orange, Blau, Schwarz und Rot gebildeten Brautpaar. Der Entwurf zu „I Sposi“ stammt aber tatsächlich vom russisch-französischen Maler Marc Chagall 1960.

Die letzte Kategorie wartet mit einer großen Auswahl an Studioglas von tschechischen, amerikanischen und schwedischen Künstlern wie Jan Fisar, Mieke Groot, Vladimír Kopecký, Ivo Rozsypal oder René Roubícek auf. Klarer Favorit der Sparte ist die Plastik „Table laid for a Bride“ des Künstlerehepaars Stanislav Libensky und Jaroslava Brychtová. Mit einem Wert von stolzen 17.000 bis 22.000 Euro erhält der künftige Besitzer ein für das Duo typisches Glasobjekt aus polierten Blöcken mit feinen rotbraunen Farbnuancen, das mit verschiedenen Oberflächenbeschaffenheiten spielt und 2002 nach dem Original aus dem Jahr 1987 für eine Ausstellung in der Prager Nationalgalerie von Brychtová hergestellt wurde. Von beiden kann daneben noch der rote „Head with Hair“ von 1990 (Taxe 8.000 bis 10.000 EUR), die bekannte Plastik „Der Kuss“ aus rotbraunem Glas (Taxe 5.000 bis 7.000 EUR) oder ihr rauchgrauer „Fisch“ von 1979 erworben werden. In seiner Blockhaftigkeit und der Bearbeitung wie behauener Stein erinnert er an ein urzeitliches Fossil (Taxe 12.500 bis 15.000 EUR).

Hervorzuheben ist auch die doppelt überfangene Plastik „Loop“ von Harvey K. Littleton für 6.000 bis 8.000 Euro. Wie der Name schon sagt, ist ihr dickwandiges Glas mit orangegelber Füllung wie eine Schlaufe geformt und glänzt durch ihre glatt polierte Oberfläche. Sie ist verklebt mit einem farblosen Glassockel, auf dem der Ende 2013 verstorbene Künstler, der als Pionier der Studioglasbewegung gilt, seine Signatur in Diamantriss angebracht hat. Nicht minder faszinierend ist das erst 2005 entstandene Vasenobjekt des in Murano geborenen Davide Salvadore aus blaubraunem Farb- und Klarglas mit eingeschmolzenen mehrfarbigen Murrine und Bändern. Es windet sich wie eine Flamme empor und bietet mit seinen zwei kleinen Öffnungen nur einzelnen Blumen Platz (Taxe 8.000 bis 10.000 EUR).

Die Auktion beginnt am 18. Oktober um 10 Uhr. Die Besichtigung ist bis zum 16. Oktober täglich 11 bis 17 Uhr sowie am 17. Oktober von 9 bis 16 Uhr möglich. Der Katalog listet die Objekte unter www.auctions-fischer.de.

Kontakt:

Dr. Jürgen Fischer Heilbronner Auktionshaus

Elbinger Straße 11

DE-74078 Heilbronn

Telefax:+49 (07131) 15 55 720

Telefon:+49 (07131) 15 55 70

E-Mail: info@auctions-fischer.de

Startseite: www.auctions-fischer.de



15.10.2014

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Viviane Bogumil

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18.10.2014, 232. Auktion: Europäisches Glas & Studioglas

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Dr. Jürgen Fischer Heilbronner Auktionshaus

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Pablo Picasso, Petite femme debout à la chevelure, 1962
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Davide Salvadore, Vasenobjekt, um 2005
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François-Emile Décorchemont, Schale mit Schlangenhenkeln, 1920er Jahre
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 Venini, Vase „Murrine“, 1954
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Mieke Groot,  Vase, 2007

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Otto Prutscher,  Weinglas, um 1906

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François-Emile Décorchemont,  Schale mit Schlangenhenkeln, 1920er Jahre

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Fratelli Toso, Ermanno Toso, Vase „Murrine fine canna“, um 1955/60

Fratelli Toso, Ermanno Toso, Vase „Murrine fine canna“, um 1955/60

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Gabriel Argy-Rousseau,  Vase, Paris 1927

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 Böhmen, Zunfthumpen der Gärtner, 1689

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Emile Gallé,  Vase mit Libellen, Nancy um 1890

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René Lalique,  Vase „Papillons“, 1936

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Paolo Venini, Vase „Murrine“, 1954

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Harvey K. Littleton,  Loop, 1978

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