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Die uneingelösten Versprechen der Stadtentwickler: Mit einer ironisch-subversiven Plakataktion in Hamburg kommentieren die New Yorker Künstlerin Martha Rosler und der Urbanist Miguel Robles-Durán die spätkapitalistische Monotonie in steuer- und subventionsfinanzierten Quartieren wie der Hamburger Hafencity

Kaum versprochen, schon gebrochen



Martha Rosler und Miguel Robles-Durán, We Promise! 22 Years of Broken Promises, 2015

Martha Rosler und Miguel Robles-Durán, We Promise! 22 Years of Broken Promises, 2015

Ist schon wieder Wahlkampf? Fährt man durch die Hamburger Hafencity, gewinnt man fast diesen Eindruck. Auf dem Mittelstreifen und an Brückengeländern sind jede Menge bunte Plakate angebracht, die die Monotonie der Klötzchenarchitektur aufbrechen. Architektur ist auch auf den Plakaten zu sehen, moderne Allerweltsgebäude aus der Hafencity und anderen citynahen Arealen auf der ganzen Welt, die von Investoren, Fondsgesellschaften oder Regierungen zu neuen Quartieren entwickelt wurden. Auch U-Bahnfahrern wird diese Kampagne in den nächsten Wochen immer wieder begegnen. Griffige Slogans scheinen auf den ersten Blick eine neue Lebensqualität zu versprechen: „Neo. Liberal Urbanization. Green buildings in an unsustainable economy“ oder „The creative class is here. Where will you go?“ Beim zweiten Durchlesen jedoch merkt man, dass hier etwas nicht stimmt. Den normalen Passanten dürfte vielleicht nicht sofort klar sein, dass es sich hier weder um Sympathiewerbung seitens der Entwickler der Hafencity handelt noch um die Plakate irgendwelcher Parteien, obwohl die Poster in ihrer Optik und ihrem Sprachduktus den Vorbildern von CDU, SPD oder FDP auffallend ähnlich sehen.


Nein, die Plakataktion „We Promise! 22 Years of Broken Promises“ ist ein künstlerisches Projekt, das die 1943 geborene New Yorker Konzeptkünstlerin Martha Rosler zusammen mit dem in New York lehrenden mexikanischen Urbanisten und Aktivisten Miguel Robles-Durán, Jahrgang 1972, ersonnen hat. Robles-Durán gilt als einer der weltweit profiliertesten Kritiker einer neoliberalen, einseitig an Eliten ausgerichteten Stadtentwicklung. Außerdem berät er Regierungen. Das Projekt ist eingebunden in das Sommerprogramm „It Might Be Possible That The World Itself Is Without Meaning*“ der Stadtkuratorin Hamburg Sophie Goltz.

Seit vielen Jahren beobachten Martha Rosler und Miguel Robles-Durán den innerstädtischen Verteilungskampf um Wohnraum. Gerade in ihrer Heimatstadt New York lässt sich beobachten, wie Normalverdiener, Familien, Studenten und Künstler fast systematisch aus innenstadtnahen Quartieren vertrieben werden. Die durchschnittliche Monatsmiete für ein Apartment in Manhattan beträgt mittlerweile 4.081 Dollar. Gleichzeitig haben die beiden beobachtet, dass weltweit in vielen Städten, gerade in Europa, in der Nähe der Zentren neue Wohn- und Geschäftsquartiere für neue Eliten entwickelt werden, vorzugsweise in alten Hafenquartieren, auf Industriebrachen und an Flüssen. Das Geld dafür stammt aus sogenannten „Public Private Partnerships“, also partiell steuerfinanzierten Investorenmodellen. An derart aufgewerteten Orten werden Kreativität und Urbanität suggeriert. Exorbitante Quadratmeterpreise, global austauschbare Investorenarchitektur und das Corporate-Design der immergleichen Cafébars und Systemgastronomiebetriebe sprechen aber eine andere Sprache. Die gut situierten Bewohner der neuen Trendviertel kommen aus der ganzen Welt und leisten sich oft nur ein Pied-à-terre in einem schick gestylten Apartmentgebäude. Meistens sind sie aber gerade woanders, was gut daran erkennbar ist, dass in diesen Häusern kaum Licht brennt.

Genau dieses Phänomen lässt sich auch am Beispiel des Marco Polo Towers in der Hamburger Hafencity beobachten. Martha Rosler und Miguel Robles-Durán gelingt es, mit ihrer Plakatkampagne zu irritieren. Gängige Kommunikationsstrategien aus Wirtschaft und Politik eignen sie sich überzeugend an und infiltrieren diese mit kritisch-ironischen Botschaften. So entlarven sie auf subtile Weise das gängige Vokabular und die global praktizierten Strategien von Real-Estate-Entwicklern. Denjenigen, die dieses Spiel durchschauen, liefern sie mit ihrer Mimikry-Strategie einen ebenso kritischen wie humorvoll unterfütterten Kommentar auf spätkapitalistische Mechanismen der Landnahme und Verdrängung in großstädtischen Quartieren. Letztlich appelliert die Arbeit auch an den Widerspruchsgeist des Betrachters. Insofern fügt sich dieses Projekt vorzüglich in das von dem US-Konzeptkünstler Lawrence Weiner entlehnte Gesamtmotto der Stadtkuratorin ein: „Wir sind keine Enten auf dem Teich. Wir sind Schiffe auf dem Meer.“

Die Plakataktion „Martha Rosler und Miguel Robles-Durán: We Promise! 22 Years of Broken Promises“ findet bis Ende Juli in der Hafencity Hamburg statt.

www.stadtkuratorin-hamburg.de



12.07.2015

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Nicole Büsing & Heiko Klaas

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