 |  | Franz Ludwig Catel, Die Grotte der Egeria, um 1835 | |
„Er weiß mit sehr gefälliger Wahl und poetischem Sinn seine Gegenstände aufzufassen, wozu ihm Neapel und seine Umgebungen, Sorrent, Salerno und Sicilien reichen Stoff darbieten.“ Mit diesen Worten charakterisierte das in Tübingen erscheinende „Kunstblatt“ 1824 die Werke des in Italien lebenden deutschen Künstlers Franz Ludwig Catel. Die Hamburger Kunsthalle ehrt den fast in Vergessenheit geratenen Maler jetzt mit einer Retrospektive unter dem Titel „Italienbilder der Romantik“. Rund 200 Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen und druckgrafische Werke aus über 50 internationalen Sammlungen sind in der Ausstellung zu sehen. Kurator Andreas Stolzenburg hat 15 Jahre lang an der Vorbereitung dieses Projekts gearbeitet. Nachdem er 2007 in der Casa di Goethe in Rom bereits eine kleinere Ausstellung zu Catel präsentiert hat, richtet er nun die erste große Werkschau des Malers in Deutschland aus.
Für Catels Kunst findet Andreas Stolzenburg daher auch lobende Worte: „Wie kaum ein anderer Künstler in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts verstand es Franz Ludwig Catel, mit seinen zwischen den Gattungen Landschaft und Genre gekonnt changierenden, in einzigartigen Farben leuchtenden Gemälden den Geschmack der europäischen Italienreisenden zu treffen und ihn in neuartige Kompositionen umzusetzen.“ Charakterisch für Catels Mal- und Zeichenstil ist eine poetische, häufig von Lektüreerlebnissen angeregte Auffassung von Landschaft und den darin lebenden Menschen – sei es fröhlich musizierendes, einfaches Volk auf seinen lebensfrohen Genregemälden oder aber schwermütige, in sich gekehrte Ordensbrüder im kargen Mondlicht seiner düster dräuenden Mönchsbilder. Der Romantiker François-René de Chateaubriand, Lord Byron sowie Johann Wolfgang von Goethe gehörten zu Catels bevorzugten Dichtern.
Die Hamburger Ausstellung ist als umfangreiche Retrospektive angelegt und setzt die Reihe „Landschaft um 1800“ fort, die 2008 mit einer Retrospektive zu Jakob Philipp Hackert begonnen hatte und 2012 mit einer Schau zu Johann Christian Reinhart fortgesetzt wurde. Auch diese beiden Maler waren jahrzehntelang in Italien tätig. Am Anfang steht das Frühwerk Catels, das er als Zeichner und Illustrator in Berlin und Paris geschaffen hat, darunter eine 1799 entstandene Pinsel- und Bleistift-Zeichnung aus dem ehemaligen Besitz Johann Wolfgang von Goethes, die Catel diesem über Wilhelm von Humboldt hatte zukommen lassen. Sie zeigt in einer ätherischen Komposition eine Begebenheit aus der Ilias des Homer. Die Szene ist angefüllt mit gramgebeugten Trauernden in transparenten Gewändern, die die Anatomie ihrer Körper ganz offen zur Schau stellen. Der Weimarer Dichter bemerkte dazu allerdings etwas ungnädig: „Er zeigt in seinen Arbeiten ein schönes Talent, nur sieht man daran, möchte ich sagen, dass er in der Zerstreuung der Welt lebt.“
Franz Ludwig Catel wurde 1778 in Berlin als Sohn hugenottischer Einwanderer geboren. Der Vater betrieb eine gutgehende Spielwarenhandlung mit Versand, die von Zeitgenossen als das beste Spielzeuggeschäft Deutschlands bezeichnet wurde. Bereits mit sechzehn Jahren schrieb er sich 1794 an der Berliner Akademie in die Malereiklasse ein. Nach einem einjährigen Aufenthalt in der Schweiz wechselte er 1798 an die Pariser Akademie, um 1800 zunächst nach Berlin zurückzukehren. Es folgten dann Aufenthalte in Dresden, Weimar und wiederum Paris. 1811 brach er dann nach Rom auf, um sich dort dauerhaft niederzulassen. „In Italien“, so Andreas Stolzenburg, „erwacht die Faszination des Künstlers für die Natur in all ihren Erscheinungsformen, der er sich ab diesem Zeitpunkt in seinem Werk widmen sollte.“ Catel wurde schon früh zum Alleinerben des Familenvermögens und konnte, anders als die zahlreichen anderen in Rom tätigen deutschen und dänischen Maler, mit denen er enge Kontakte pflegte, ein von ökonomischen Zwängen freies und unabhängiges Leben führen.
Zudem verfügte er bereits kurz nach seiner Ankunft über beste Kontakte zur feinen Gesellschaft Roms und spielte, verheiratet mit einer Römerin, auch selbst bald eine gesellschaftlich wichtige Rolle in der Stadt. Zu seinen Kunden und Auftraggebern gehörten englische Lords, Berliner Bankiers und zahlreiche Mitglieder deutscher und europäischer Adelsfamilien, darunter auch das Haus Hohenzollern, das bayerische Königshaus sowie der Zarenhof in Russland. Catels Wohnung an der Piazza di Spagna wurde zum Treffpunkt der feinen Gesellschaft Roms. Der Maler starb 1856 in Rom. Catel hatte testamentarisch verfügt, dass die Hälfte seines Vermögens in eine wohltätige Stiftung einfließen sollte. Diese, die Fondazione Catel, besteht bis heute. Aus ihren Beständen stammt auch eine große Zahl der jetzt in Hamburg gezeigten Werke.
Die Ausstellung „Franz Ludwig Catel. Italienbilder der Romantik“ ist bis zum 31. Januar 2016 zu sehen. Die Hamburger Kunsthalle hat dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr, donnerstags zusätzlich bis 21 Uhr geöffnet. An Heiligabend bleibt das Museum geschlossen. Sonderöffnungszeiten gelten am 1. Weihnachtstag von 12 bis 18 Uhr, am 2. Weihnachtstag von 10 bis 18 Uhr, an Silvester von 10 bis 15 Uhr und an Neujahr von 12 bis 18 Uhr. Der Eintritt beträgt 12 Euro, ermäßigt 6 Euro. Begleitend zur Ausstellung erscheint im Michael Imhof Verlag ein 496seitiger Katalog, der für 39 Euro im Museumsshop, für 49,95 im Buchhandel erhältlich ist. |