 |  | Etienne Maurice Falconet, Der drohende Amor, 1757 | |
Der Betrachter als Mitwisser – das ist der Effekt von Etienne Maurice Falconets marmorner Skulptur „Der drohende Amor“, die dem 1716 geborenen französischen Bildhauer 1757 das Lob nicht nur der Pariser Salon-Besucher, sondern auch der mächtigen Madame de Pompadour eintrug, die das erst in Gips modellierte und einer zunächst nicht sonderlich interessierten Öffentlichkeit präsentierte Werk in Auftrag gegeben hatte. Auch aus der Rückschau gehört die ohne Sockel knapp neunzig Zentimeter hohe Figur zu den besten und zugleich signifikantesten bildhauerischen Werken nicht nur ihres Schöpfers, sondern wohl des ganzen 18. Jahrhunderts überhaupt. Das liegt nicht nur an der virtuosen Beherrschung des Materials, der perfekten Proportionierung und der stupenden Behandlung der Oberflächen, an der verschiedenste Arten von Stofflichkeit geradezu naturalistisch herausgearbeitet sind. Auch die Mimik und Gestik des geflügelten Knaben, der mit dem vor dem Mund erhobenen Zeigefinger dem Betrachter zu verstehen gibt, dass dieser gefälligst für sich behalten soll, wem sogleich der nächste Liebespfeils ins Herz geschossen wird, sind ungemein geistvoll entwickelt.
Auf die leichte Schulter sollte man Falconets Skulptur allerdings nicht nehmen. Denn im Zeitalter Ludwigs XV., des vorletzten Königs im Frankreich vor der Revolution, deren tiefere Ursachen nicht zuletzt in seiner großteils fragwürdigen Politik zu suchen sind, war die Liebe allzu oft Teil einer kühl berechnenden Machtpolitik, nicht nur in Gestalt rücksichtsloser Heiratsarrangements, denen die Betreffenden meistens ungefragt ausgesetzt wurden, sondern auch im blühenden Mätressenwesen. „Gefährliche Liebschaften“ lautet dementsprechend der an den gleichnamigen Roman Choderlos de Laclos’ aus dem Jahr 1782 angelehnte Titel einer Ausstellung, in der das Frankfurter Liebieghaus derzeit der „Kunst des französischen Rokoko“ nachspürt.
Falconets drohender Amor ist dabei Aufhänger und zugleich zentrales Exponat, um das sich ein reiches Netz erlesener Kunstwerke aus Malerei und Bildhauerei, aber auch aus den Bereichen Porzellan, Möbel und Accessoires spinnt. Als Ideengeber für die scheinbar so heitere Bildwelt des Rokoko, das sich hier als dezidiert höfische Kunst offenbart und das in kirchlichen und zumal in bürgerlichen Kreisen erst mit einiger Verspätung und in reduzierter Form Eingang fand, fungierten dabei zunächst die Maler: allen voran der 1721 im Alter von 36 Jahren gestorbene Jean-Antoine Watteau sowie Jean-Baptiste Pater, Nicolas Lancret, Jean-Honoré Fragonard und als ihr wohl virtuosester Spieler François Boucher. Neben Etienne Maurice Falconet gehörte Jean-Baptiste Pigalle unter den Bildhauern zu den führenden Protagonisten. Von ihnen allen hat die Ausstellungskuratorin Maraike Bückling ebenso repräsentative wie qualitätvolle Werke zusammentragen können.
Vor allem in luxuriösen Porzellangruppen wurden deren Bildthemen wie zweideutige Schäferstündchen oder aber auch offen erotisch konnotierte Tête-à-Têtes vornehmer Herrschaften in Parkwinkeln dekorativ umgesetzt. Das Alles ist herrlich anzuschauen, weil sich technische Perfektion mit höchstem sinnlichem Reiz paart. Doch es offenbart sich auch – und die Ausstellung verschweigt das nicht –, dass das Ganze eigentlich eine große Flucht ist: In diesen Tafelaufsätzen manifestiere sich eigentlich das Krisenhafte einer Epoche, die nur in einer naturverbundenen Scheinwelt den Ausweg aus der allzu oft hartherzigen, freudlosen Wirklichkeit zu finden glaubte. In ihr war der Einzelne Rädchen eines unergründlichen Weltengetriebes und außer der Willkür mächtigerer Umstände übrigens auch permanent den Blicken Anderer ausgesetzt.
Dass diese Scheinwelt wiederum mit der Wirklichkeit, mit dem kargen Leben der dargestellten Hirten und Schäfer, der Bauern und Gärtner, aber nicht zuletzt auch der Kinder, die ebenfalls immer wieder Gegenstand der Sehnsucht nach Unbeschwertheit und Unschuld waren, nicht viel gemein hatte, bedarf kaum der Worte. 1789 jedenfalls wurde die höfische Wirklichkeit wie auch ihr unwirklicher Fluchtpunkt von der Französischen Revolution erbarmungslos hinweggefegt.
Die Ausstellung „Gefährliche Liebschaften. Die Kunst des französischen Rokoko“ läuft noch bis zum 28. März. Geöffnet ist das Frankfurter Liebieghaus täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr, donnerstags bis 21 Uhr. Der Eintritt beträgt 10 Euro, ermäßigt 8 Euro und für das Familienticket 15 Euro. Für Kinder bis zu zwölf Jahren ist er frei. Der Katalog kostet im Museum 34,90 Euro. |