1935 war Balthus 27 Jahre alt und Thérèse Blanchard elf, als das junge Mädchen dem Künstler zum ersten Mal Modell saß. Thérèse und ihr Bruder Hubert waren zu diesem Zeitpunkt die Nachbarskinder von Balthus im Pariser Cour de Rohan, wo sich der Künstler im selben Jahr sein Atelier eingerichtet hatte. Hier malte Balthus, der 1908 als Sohn einer Malerin und eines Kunstschriftstellers unter dem Namen Balthasar Klossowski de Rola zur Welt kam, einige seiner bekanntesten Gemälde. Zwei Jahre später entstand an diesem Ort auch das Doppelbildnis der „Kinder Blanchard“, eines jener Gemälde, mit denen Balthus seinen Ruf als hintergründiger Erotiker des 20. Jahrhunderts begründete.
Balthus malte das Mädchen Thérèse auf dem Boden auf allen Vieren kniend. Mit ihren Händen stützt sie sich auf ein Buch, das aufgeschlagen unter ihr liegt. Ihr gestreckter Körper bestimmt die untere Hälfte des Gemäldes, während ihr Bruder im linken, oberen Teil des fast quadratischen Bildes mit dem rechten Unterschenkel auf der Sitzfläche eines Stuhles kniet. Den Kopf auf die linke Hand gestützt und mit träumerischen Blick scheint der Bub, seinen Gedanken nachzuhängen. Das Mädchen hat ihre Augenlider fast ganz geschlossen und hält den Kopf in schlafender Pose, so als würde sie ein unsichtbares Kopfpolster umschlingen. Balthus schildert eine Szene, in der die Kinder allein mit sich sind. Selbstvergessen und ohne ein Gefühl für die Zeit gehen sie ihrer ruhigen Verträumtheit nach. Seltsam hölzern scheinen sie in ihren Körperhaltungen zu verharren.
Umso irritierender ist die bei aller Kindlichkeit dezent aufreizende Pose des Mädchens. Offensichtlich faszinierte Balthus eines der letzten Tabus. Interpretationen über seine wehmütige Erinnerung an eine verlorene Kindheit, den Charme des Übergang zwischen „Unschuld und Reife“, das Spiel von Blick und Begehren und auch seine an der Tradition geschulte Bravour, die sich den avantgardistischen Strömungen ihres Jahrhunderts entzog, können nicht verbrämen, dass der aristokratische Zeitgenosse der Surrealisten pädophile Fantasien inszenierte. Die Betrachter, die fasziniert ob der Raffinesse vor den Bildern stehen, werden gezwungen, den voyeuristischen Blick des Malers zu teilen. Daher rührt das Unbehagen, das manche Bilder von Balthus heute noch hervorrufen. Vielleicht war es aber genau dieser Schwebezustand, eine Art Übergangsstadium, einer Verpuppung ähnlich, von der Kindheit zur Adoleszenz, die Pablo Picasso faszinierte, als er das Gemälde vier Jahr später erwarb.
Derzeit ist das Bild, eine Leihgabe des Musée national Picasso aus Paris, eines der zentralen Werke in der großen Retrospektive, die das Wiener Kunstforum dem Maler ausgerichtet hat. Balthus’ Œuvre, das gemessen an seiner langen Schaffenszeit mit insgesamt rund 350 Gemälden und 1600 Zeichnungen, relativ schmal ist, wurde in den vergangenen Jahren immer wieder in großen Ausstellungen gezeigt. 2002 war im Palazzo Grassi in Venedig eine Präsentation hauptsächlich erotischer Werke zu sehen, das Kölner Museum Ludwig veranstalte 2007 die erste große Balthus-Ausstellung in Deutschland, und das New Yorker Metropolitan Museum of Art und das Pariser Centre Pompidou würdigten den Künstler 2014.
Große mediale Aufmerksamkeit erfuhr im selben Jahr auch eine Ausstellung, die gar nicht gezeigt wurde. Die im Essener Museum Folkwang vorgesehene Schau, in der auch Polaroidfotos des Malers zu sehen sein sollten, die Balthus von einem achtjährigen Mädchen gemacht hatte, wurde wegen des Vorwurfs der Pädophilie kurzfristig abgesagt. Die Wiener Kuratoren wollten jedoch auf diesen spektakulären, künstlerisch aber eher unbedeutenden Teil von Balthus’ Hinterlassenschaft nicht verzichten und präsentieren die Schnappschüsse des spärlich bekleideten Mädchens innerhalb einer ansonsten sorgsam ausgewählten Schau, die mit ihrer konzentrierten Werkauswahl Balthus’ Schaffen erstmals in Österreich vorstellt.
Im Zentrum stehen die Gemälde. Im ersten Raum treffen die frühen, Mitte der 1920er Jahre entstandenen Werke, in denen sich der junge Balthus noch an den Fresken von Piero della Francesca schult, auf die Straßenszene „La Rue“ von 1929, ein Motiv, das der Maler vier Jahr später in einer ungleich provozierenderen Variante gleichen Titels wieder aufgreifen wird. Die Ausstellung folgt Balthus’ Werdegang im Großen und Ganzen zeitlich chronologisch, erlaubt sich aber hier und da Zeitsprünge und Konfrontationen. Besonders hervorzuheben ist ein Raum, der mit eher kleineren Formaten wie „Pierre und Betty Leyris“ von 1932, ein Bildnis des Übersetzers Pierre Leyris, und dem Gemälde „Die Kinder Blanchard“ von 1937 Arbeiten aus den 1930er Jahren – der besten Zeit von Balthus – versammelt. Das Thema des halbwüchsigen Mädchens, das sich auf dem Kanapee räkelt, am Boden kauert und selbstvergessen vor sich hindöst („Das Patience –Spiel“, 1943, „Schulfreie Woche“, 1949, „Glückliche Tage“, 1944) bleibt bis Ende der 1940er Jahre zusammen mit dem Motiv der Katze („Mädchen mit Katze“, 1945) und des „Katzenkönigs“, mit dem sich Balthus selbst identifizierte („Der König der Katzen“, 1935), ein bestimmendes Sujet.
1953 zieht sich der Maler nach Chassy ins burgundische Bergland Morvan zurück. Er wird hier bis 1961 leben, als er nach seiner Berufung zum Direktor der Académie de France in Rom in die Villa Medici übersiedelt. In dem Schloss, das Balthus sich als Residenz gewählt hat, widmet er sich neben Akten, Portraits und Genreszenen, die er in den karg möblierten Interieurs des Schlosses ansiedelt, nun auch der Landschaft. „Der Bahnhof von Rossinière“ ist das letzte Bild der Ausstellung. Balthus malte es 1995 in seinem schlossartigen Alterssitz im Schweizer Kanton Waadt, wohin er 1977 zusammen mit seiner zweiten Frau, der Malerin Setsuko Ideta, gezogen war. Wenig erinnert in diesen späten Arbeiten an die Bilder der frühen Jahre. Der früher so sorgfältig komponierte Aufbau der Interieurs, in denen Balthus seine aufreizenden Mädchenfrauen arrangierte, fehlt in den späten Arbeiten ebenso wie die symbolstarken und immer auf Erotik verweisenden Attribute wie Katzen, sich öffnende Vorhänge oder Spiegel. Stattdessen werden der Farben sparsam aufgetupft, und die gebrochenen Töne umreißen nur mehr schemenhaft die Sujets. Aber auch hier bleibt Balthus der Maler der Stimmungen und der angehaltenen Zeit, der mehr andeutet, als er verrät.
Die Ausstellung „Balthus – Balthasar Klossowski de Rola“ ist bis zum 19. Juni zu sehen. Das Bank Austria Kunstforum hat täglich von 10 Uhr bis 19 Uhr, freitags von 10 Uhr bis 21 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt für Erwachsene 11 Euro, für Senioren 8,50 Euro und für 17- bis 27jährige 6 Euro, zudem gibt es eine Juniorkarte für 6 bis 16 Jahre für 4 Euro. Der Katalog aus dem Kehrer Verlag kostet 32 Euro. |