Berlinische Galerie stellt Visionäre der Moderne vor  |  | Paul Goesch, Kopf mit Farbteilung, um 1920 | |
In ihrer aktuellen Ausstellung widmet sich die Berlinische Galerie wieder einem Thema der klassischen Moderne und präsentiert Werke der drei Visionäre Paul Scheerbart, Bruno Taut und Paul Goesch. Sie nimmt dabei die kurze Zeitspanne zwischen Ende des Ersten Weltkriegs, Novemberrevolution und den konstituierenden Jahren der Weimarer Republik, also die Jahre 1918 bis 1923, in den Blick und fokussiert dabei die Utopien der drei Künstler. Denn Walter Gropius formulierte 1919 enthusiastisch: „Träumer, Phantasten, Visionäre […] das ist letzten Endes das, was wir wollen: die Utopie!“
Der Schriftsteller, Dichter und Erfinder Paul Scheerbart (1863-1915) konnte um 1914 den jungen Architekten Bruno Taut (1880-1938) für seine Ideen begeistern, mit farbigem Glas zu bauen. Dem Baustoff Glas wurde zugetraut, eine harmonische Gesellschaft zu erschaffen – eine glasklare Utopie, die sich über den Planeten hinaus auf das Weltall erstreckt. „Das Licht will durch das ganze All und ist lebendig im Kristall“, reimte Scheerbart 1914 für Tauts Glashaus, jenen berühmten Pavillon, der für die Werkbundausstellung 1914 in Köln entstand. Paul Goesch (1885-1940), ausgebildeter Architekt, schuf hunderte von fantastischen Zeichnungen. Er zählte zu jenem berühmten Forum für utopisches Bauen, dem 1919 von Taut ins Leben gerufenen Briefzirkel „Die Gläserne Kette“.
Schon während seines Architekturstudiums in Berlin und damit noch vor dem Ersten Weltkrieg wandte sich Paul Goesch auch der Malerei zu. Mit seinen Blättern stellt er sich als ein visionärer Expressionist ohne jedes Erlösungspathos dar, dessen ornamentale Architekturen und farbenfrohe, exotische Bildwelten von Humor und Lebensbejahung geprägt sind, gleichwohl aber auch Bedrohliches visualisieren, was für den psychisch Kranken 1940 in der Ermordung durch das NS-Euthanasieprogramm mündete. Die Ausstellung vereint etwa achtzig seiner zwischen 1919 und 1923 entstandenen farbigen Gouachen mit ausgewählten Zeichnungen und Texten von Paul Scheerbart, der mit wichtigen Beispielen seiner Doppelbegabung als Schriftsteller und Zeichner in der Schau vertreten ist. Für die Arbeiten von Bruno Taut konnte die Berlinische Galerie auf das Baukunstarchiv der Akademie der Künste Berlin zurückgreifen. Neben den Werken Tauts hat Kuratorin Annelie Lütgens von dort auch Arbeiten weiterer Mitglieder der Gläsernen Kette ausgeliehen, etwa von Hermann Finsterlin, Wenzel Hablik und Hans Scharoun.
Die Ausstellung „Visionäre der Moderne – Paul Scheerbart, Bruno Taut, Paul Goesch“ ist bis zum 31. Oktober zu sehen. Die Berlinische Galerie hat täglich außer dienstags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 8 Euro, ermäßigt 5 Euro. Bis 18 Jahre ist der er frei. Der Katalog aus dem Verlag Scheidegger & Spiess kostet im Museum 29,80 Euro, im Buchhandel 38 Euro.
Berlinische Galerie
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