 |  | Egill Sæbjörnsson, The Egg or the Hen, Us or Them, 2011 | |
Stefanie Böttcher hat angefangen, alles ein wenig umzukrempeln. Aus der unpersönlichen Eingangshalle der Kunsthalle Mainz ist ein Foyer mit Leseecke geworden, die Wände haben Farbe bekommen. Alles ist noch cool und stylish, jedoch einladend, man ist willkommen. Die neue Kunsthallenleiterin fühlt sich zunehmend wohl in Mainz, und das sollen auch die Besucher, die hoffentlich zahlreicher kommen als die Jahre zuvor. Der Anfang ist gemacht. Ihrer ersten eigenen Ausstellung für Mainz hat sie ein Zitat des englischen Theologen und Bischofs Johannes von Salisbury aus dem Jahr 1159 vorangestellt: „Bernhard von Chartres sagte, wir seien gleichsam Zwerge, die auf den Schultern von Riesen sitzen, um mehr und Entfernteres als diese sehen zu können – freilich nicht dank eigener scharfer Sehkraft oder Körpergröße, sondern weil die Größe der Riesen uns emporhebt.“
Mit dieser Ausstellung bezieht sich Böttcher auf das literarische und philosophische Wissen der Gelehrten der Antike. Durch die Jahrhunderte wurde dieses Sujet immer wieder aufgegriffen und transformiert – ein Beleg für seine andauernde Aktualität. Isaac Newton erklärte 1676: „Wenn ich weiter gesehen habe, so deshalb, weil ich auf den Schultern von Riesen stehe.“ Die britische Zwei-Pfund-Münze trug bis vor kurzem den Satz „Standing on the Shoulders of Giants“. Das Album, das einen stilistischen wie personellen Richtungswechsel bei der Rockband Oasis einleitete, erhielt nahezu denselben Titel. Der Ausspruch ist heute so zeitgemäß wie vor Hunderten von Jahren. Denn nichts kommt aus sich, sondern es gibt stets ein „Davor“.
Alle Menschen auf Erden verbindet, dass sie eine Geschichte ihr Eigen nennen. Sie bestehen nicht isoliert, in einem Moment, sondern sind eingebunden in ein Netz aus biologischen, gesellschaftlichen, beruflichen, weltanschaulichen oder genetischen Bezügen. In zahllosen Sphären des Lebens folgen wir auf Vorläufer: In Familien gibt es die Vorfahren, in historischer oder beruflicher Hinsicht existiert zumeist ein Vorgänger, Forscher und Wissenschaftler. Man beruft sich auf die Erkenntnisse von Pionieren, das Denken und die Phantasie werden beflügelt durch die Leistungen von Gründern, Erfindern, Wegbereitern und Erneuerern. Die Geschichte der Menschheit besteht aus einer Fülle von Ereignissen, Erkenntnissen und Errungenschaften, die sich akkumulieren und nachfolgenden Generationen ein Fundament bieten.
Um diese Erkenntnisse, Errungenschaften und Ereignisse zu verbildlichen, hat Stefanie Böttcher zehn Künstler aus sieben Ländern eingeladen, die Kunsthalle mit dieser Philosophie zu füllen. Egill Sæbjörnsson aus Reykjavik stellt die Frage nach der Herkunft der Dinge. Wer war zuerst da? Der Mensch oder der Stein. Den großen Ausstellungssaal hat er mit Steinen befüllt, wie man sie in Island wohl überall findet. Es sind große Brocken, flache Brocken, deformierte Felsen und kleine Geröllfelder. Sie wirken schwer und unwirklich, bis sie lebendig werden. Jeder Stein ist aus Pappmaché und Sackleinen gefertigt und ist eine eigene Persönlichkeit. Versehen mit einem Gesicht, beginnt er, Laute von sich zu geben, zu sprechen oder mit den Augen zu rollen. Die Steine diskutieren und schauen sich oder uns an, und manche beginnen zu singen. Wie wir Menschen beschäftigen sie sich mit dem Alltag und wie wir möchten sie so gerne, dass man ihnen zuhört. Auch die unglückliche Liebe gibt es. Der kleine Feuerstein Joris liebt den matronenhaften Felsbrocken Rosalinde. Diese unwirkliche Szenerie ist liebevoll und tragisch, berührt und verführt zu guter Laune.
Die polnische Installationskünstlerin Goshka Macuga wurde durch ihre fotorealistischen Teppiche auf der Documenta 13 bekannt. Für Mainz hat sie einen fotorealistischen Wandteppich weben lassen, der einem die Illusion von Zuhause vorspiegelt. Im Hintergrund steht eine ganz in militärischem Grau gehaltene „Venus von Milo“, die der belgische Künstler Kris Martin in „Mars“ umgetauft hat. Die Stahlreplik beschwört den Besucher, sich mit dem Kriegsgott Mars zu befassen. Durch die Veränderung des Materials verändert sich auch die Figur. Das Liebliche fällt weg, Bedrohung macht sich breit. Agnieszka Kurant aus Polen hatte sich auf die Suche nach Phantomen und fiktiven Objekten begeben. Mit der Arbeit „Phantom Estate“ nähert sie sich Marcel Broodthaers in einem fein gearbeiteten Sandteppich und Alighiero Boetti mit einer Wetterfahne an, die sich in seiner Hand zu drehen scheint. Mit Bezügen zu Joseph Beuys, Richard Prince, Carsten Höller und Carol Bove schließt sie ihr Ausstellungskonzept. Allerdings hat sie die Arbeiten der „Big 4“ zu einem großen Klumpen eingeschmolzen, der aber noch Hinweise auf das Original gibt. Sie sind nun verflüssigtes Kapital, bezeugt durch Zertifikate an der Wand.
Die beiden Chinesinnen Cao Dan und Cao Fei sind Schwestern. Ihr Vater ist in China ein überaus bekannter Bildhauer, der im Stil des sozialistischen Realismus arbeitet und vor allem Portraitstatuen chinesischer Persönlichkeiten im Auftrag der Regierung anfertigt. Die beiden Medienkünstlerinnen drehen Videos, in denen der Vater die Hauptrolle spielt. So wird der Entstehungsprozess einer Statue des staatstragenden Politikers Deng Xiaoping bis zu ihrer Enthüllung durch wichtige Funktionäre gezeigt. Im Video von Cao Dan sieht man den Bildhauer, wie er auf der Art Basel 2007 arbeitet und sich auch auf diese Weise den zeitgenössischen Positionen seiner Töchter nähert. Auch Ragnar Kjartansson aus Island greift auf familiäre Bande zurück und befasst sich mit dem immerwährenden Konflikt zwischen Mutter und Sohn. Seit 2000 hat er alle fünf Jahre eine Performance mit seiner Mutter, einer bekannten isländischen Schauspielerin gedreht. Die Mutter schaut in die Kamera, dreht sich zum Sohn und bespuckt ihn. In jedem Video. Das ist keine leichte Kost, zeigt aber, wie nahe Liebe und Hilflosigkeit beisammen sind.
Im Turm der Kunsthalle zeigt Deimantas Narkevicius aus Litauen einen Film über seinen Sohn und dessen Band. Man muss Schultern erklimmen, am besten die unserer Vorgänger, um von ihren Leistungen zu profitieren. Hier profitieren der Sohn und seine Band von der Bekanntheit des Vaters, der das Video in die Welt postet und damit der Band „Without Letters“ und ihrem Song „Ausgeträumt“ zur Popularität verhilft. Der Amerikaner Matthew Buckingham beschäftigt sich in seiner Filminstallation „Caterina van Hemessen is Twenty Years Old“ mit einem Gemälde, das als erstes Selbstportrait eines malenden Künstlers an der Staffelei gilt. Die gleichnamige flämische Künstlerin des 16. Jahrhunderts scheint sich konzentriert im Spiegel zu betrachten. Der Spiegel spielt auch in diesem Werk die zentrale Rolle. Um einen Text lesen zu können, muss man einen Spiegel von der Wand nehmen. Die Projektion des Bildes erfolgt ebenfalls über einen Spiegel. Halten wir uns nicht oft genug den Spiegel vor?
Zac Langdon-Pole aus Neuseeland hat sich fotografisch einem besonderen Ort in seiner Heimat angenähert. Cooks Beach in der Mercury Bay diente dem Weltumsegler James Cook als Beobachtungsposten. 1769 erforschte er hier den Merkurtransit, das Vorbeiziehen des Planeten Merkur vor der Sonne. Diese Bucht ist aber auch der Ort, an dem der Künstler aufwuchs. Aufgenommen wurden die fünf Fotografien von Willem de Rooij, dem Lehrer Langdon-Poles. Das eigentlich Spannende befindet sich auf der Rückseite der Bilder: Texte mit unterschiedlichen Bezügen querbeet durch die Geschichte und die Kunstgeschichte. So wie James Cook dem Ort seinen Namen gab, so gibt der Künstler der Fotografie mit dem Titel immer wieder eine neue Bedeutung und Interpretationsmöglichkeit. Aufgestiegen auf die Schultern der Giganten, betrachten zehn Künstler die Welt und ihre persönlichen Vorbilder mit ihren Ausdrucksmitteln. Anspruchsvoll, amüsant und ungemein inspirierend ist dieses Debut von Stefanie Böttcher.
Die Ausstellung „Auf den Schultern von Giganten. Matthew Buckingham, Cao Dan, Cao Fei, Ragnar Kjartansson, Agnieszka Kurant, Zac Langdon-Pole, Goshka Macuga, Kris Martin, Deimantas Narkevicius, Egill Sæbjörnsson“ ist noch bis zum 22. Mai zu sehen. Die Kunsthalle Mainz hat dienstags, donnerstags und freitags von 10 bis 18 Uhr, mittwochs von 10 bis 21 Uhr, am Wochenende von 11 bis 18 Uhr. Der Eintritt beträgt 6 Euro, ermäßigt 3 Euro. |