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Marktberichte

Aktuellzum Archiv:Auktions-Nachbericht

Bei günstig taxierten Werten konnte sich die Alte Kunst bei Neumeister in München guten Zuspruchs erfreuen

Mittelalter für England



 Straßburg, Glasscheibe, um 1270

Straßburg, Glasscheibe, um 1270

Mit fast 66 Prozent Zuschlagsquote bei knapp 390 Losen trotzte Neumeister der Behauptung, dass die Alte Kunst und das Kunsthandwerk tot seien. Am beliebtesten war die Sparte Kunstgewerbe, Toplos eine farbige Glasscheibe, bei der das Münchner Auktionshaus im Vorfeld umfangreiche Recherchen unternommen hatte. So konnte mit hoher Wahrscheinlichkeit bewiesen werden, dass die bleiverglaste Geißelung Achiors durch den Feldherrn Joab aus der Straßburger Kirche St. Thomas und der Zeit um 1270 stammte. Ihre Schätzung von mindestens 30.000 Euro erhöhten engagierte Telefonbieter aus England und Frankreich; letztlich ging das zerbrechliche Kleinod an den englischen Kunden für 75.000 Euro. Bei den Glaspreziosen ging es erfolgreich weiter. Der zweite Star des Abends hatte rund 600 Jahre weniger auf dem Buckel und war ein Zeugnis feinster Jugendstilkunst: Die in zahlreichen Grün- und Blautönen gehaltene Hängelampe „Dragonfly“ produzierten um 1899 die Tiffany Studios in New York, und so waren es auch besonders nordamerikanische Bieter, die den Schätzpreis in ein Ergebnis von 35.000 Euro umwandelten.


Die Libellen-Lampe war Teil einer kleinen Tiffany-Kollektion, die ein süddeutscher Privatsammler über fünfzig Jahre hinweg zusammengetragen hatte und die nahezu gänzlich veräußert wurde. Die „Hydrangea“-Lampe mit ihren weiß, grün und blau abgesetzten Hortensienblütenblättern von 1905 ging für erwartete 10.000 Euro an einen Liebhaber, die goldfarbene Bronzetischlampe „Poppy“ mit ihrem marmorierten Glas in Blau, Grün und Gelb aus derselben Zeit brachte es auf die angesetzten 20.000 Euro. Die höchste Steigerung vollführte eine an alte Bibliothekslampen erinnernde Tischleuchte mit einem grün überfangenen, pilzförmigen Schirm und kugeliger Bronzebeschwerung, deren Taxierung von 2.000 Euro auf 7.000 Euro emporgetrieben wurde. Die grün-gelbe Deckenlampe „Autumn Leaves“ mit floraler Bordüre von 1910 knackte ihre untere Schätzgrenze bei 1.300 Euro (Taxe 1.200 bis 1.500 EUR), während der jüngste Vertreter der Sammlung, eine um 1920 in der Art von Tiffany entstandene Deckenlampe in verschiedenen Grüntönen, die anvisierten 1.500 Euro genau traf.

Kunsthandwerk

Scherben bringen Glück – und intaktes Porzellan einen schönen Erlös für Neumeister. Zum unteren Schätzpreis von 2.200 Euro fand ein goldstaffiertes Koppchen mit Untertasse der Meißner Manufaktur in asiatischem Dekor der Augsburger Seuter-Werkstatt einen Abnehmer. Jeweils 4.500 Euro konnten ein Kaffeeservice aus Nymphenburg sowie ein Würzburger Porzellan erlösen. Das Kaffeeservice der Form „Perl“ für acht Personen bestach durch seinen zitronengelben Fond zu der mehr als sechsfachen Wertsteigerung von 700 Euro aus. Der weiße Obelisk mit Kavalier, gedeutet als Allegorie des Frühlings, stammt aus der nur kurzeitig in den 1770er Jahren existierenden Würzburger Manufaktur Johann Caspar Geygers und kehrte nun in seine Heimat zurück: Käufer war das Mainfränkische Museum auf der Festung Marienberg (Taxe 2.500 bis 2.700 EUR).

Unerwartet erfolgreich schnitt auch ein 40teiliges Speise- und Mokkaservice von Adelbert Niemeyer für Nymphenburg von 1905/06 ab, als es mit seinem fast naiv gestalteten Blumenrankendekor in Grün und Pink ein Bietgefecht provozierte, das den Preis von 1.100 Euro auf 5.500 Euro hochjagte. Ähnlich lief es auch bei dem 62teiligen Rosenthaler Service „Donatello“ von 1904 mit Kirschzweigdekor ab, dessen Wert von 1.000 Euro auf 3.800 Euro anstieg. In diese Gruppe reihte sich auch das 28teilige „1001 Nacht“-Service von Heinz Werner für Meißen aus dem Jahr 1966 mit goldstaffierten indischen Märchenszenen bei 4.500 Euro ein (Taxe 3.000 bis 3.500 EUR). Mäßigen Erfolg bescherten hingegen die Bronzen. Die schönen Allegorien eines Traums von Hippolyte François Moreau und des auf einer Weltkugel triumphierenden Friedens von Luca Madrassi brachten jeweils leicht erhöhte 1.900 Euro ein (Taxen zwischen 1.000 und 1.500 EUR), während Ernst Moritz Geygers athletischer Bogenschütze mit einem Ergebnis von 3.500 Euro seinem Schätzwert von 5.000 bis 6.000 Euro noch nicht einmal nahe kam.

Erfreuliche Ergebnisse gab es bei Möbeln und Einrichtungsgegenständen. Ein maurischer Häuptlingsstuhl mit Zinnein- und Kupferauflagen von Carlo Bugatti um 1895 holte die erhofften 3.000 Euro dank des Gebots der Schweizer Fondation Arts et Culture. Ein österreichischer Nussbaumschrank von 1737 mit Bandelwerk und Muschelzier aus slowenischem Adelsbesitz holte sich ebenfalls die angesetzten 8.000 Euro, während eine Aufsatzschreibkommode aus Süddeutschland mit Bandwerkdekor bei 2.400 Euro ihre Erwartungen von 1.800 bis 2.200 Euro leicht übertraf. Seine Schätzung von 1.500 Euro konnte ein norddeutsches Ecktischchen aus dem späten 19. Jahrhundert auf 3.800 Euro mehr als verdoppeln, das durch seinen Schaft in Gestalt eines Palmbaums auffiel.

Die Lyraform inspirierte den Entwerfer einer vergoldeten Pariser Uhr aus dem ersten Drittel des 19. Jahrhunderts, die sich mit 3.000 Euro gewinnbringend versteigern ließ (Taxe 1.200 bis 1.400 EUR). Eine deutsche „Memento mori“-Tabatiere des 18. Jahrhunderts aus emailliertem Kupfer in der makabren Form eines Sarges mit einem gemalten Skelett, das mit einer Armbrust auf den Betrachter zielt, war bei 3.000 Euro gefragt (Taxe 1.000 bis 1.200 EUR). Sanfter ging es bei der thronenden Holzmadonna aus dem Spanien des 15. Jahrhunderts zu, die für taxierte 5.000 Euro den Besitzer wechselte, und dem elegant schwebenden Altarengel aus der Werkstatt Ignaz Franz Platzers, der für 8.500 Euro jedoch weit unter seiner Taxierung von 12.000 bis 15.000 Euro rangierte. Eine spanische Tapisserie aus der Mitte des 17. Jahrhunderts mit dem Wappen Luis de Salcedos und einer portalähnlichen Bordüre erreichte die erhofften 8.000 Euro.

Grafik und Alte Meister

Eine radierte Vedute des römischen Kolosseums von Giovanni Battista Piranesi von 1776 traf mit 2.400 Euro etwa mittig ihre Erwartung, während bei den elf kolorierten Lithografien von Emil Pracht anlässlich des königlichen Geburtstagsfestes „Zauber der weißen Rose“ der Name Programm war und die seltenen Drucke mit Pferdedarbietungen ihr Startgebot von 3.500 Euro in 5.000 Euro verwandelten. Vermehren konnte ihren Schätzpreis auch eine Sammlung von 62 Photogravuren von Mitgliedern des Vereins Bildender Künstler Münchens, darunter Max Klinger und Franz von Stuck, deren Wert von 900 Euro auf 3.300 Euro sprang. Zum Überraschungserfolg avancierte gleichfalls eine aquarellierte Kohlezeichnung Ludwig Heinrich Jungnickels mit einem drolligen Eselspaar, die für 5.200 Euro gehandelt wurde (Taxe 1.500 bis 2.000 EUR).

Weitere Highlights der Alten Kunst waren in der Malerei zu verorten. Die vielschichtige „Felsenlandschaft mit Reitern“, die von Marten Ryckaert mit gedämpften Farben in der Tradition der Antwerpener Malerei auf Kupfer gemalt wurde, ging nach einem Gefecht zwischen Telefon- und Internetbietern am Ende für 36.000 Euro nach Österreich (Taxe 30.000 bis 40.000 EUR). 10.500 Euro holte ein bislang unbekannter Bozzetto Johann Georg Dieffenbrunners für das Chorfresko der Wallfahrtskirche Violau in seiner Wahlheimat Augsburg (Taxe 8.000 bis 12.000 EUR). Dagegen ließen es die Johann Elias Ridinger zugeschriebenen Pendants mit teils weißen Rehen auf einer Waldlichtung bei 8.000 Euro etwas ruhiger angehen (Taxe 8.000 bis 9.000 EUR).

Neuere Meister

Andreas Achenbachs heimkehrende Fischer an einer holländischen Küste von 1874 verdoppelten ihre unter Taxgrenze auf 6.000 Euro. Einen höheren Wert gab es dann wieder mit den 40.000 Euro für den ins warme Licht der untergehenden Abendsonne getauchten „Blick auf Puerto Cabello“ von Ferdinand Konrad Bellermann aus dem Jahr 1849 (Taxe 40.000 bis 60.000 EUR). Das Panorama einer Schweizer Gebirgslandschaft mit Pferden und Rindern im Vordergrund präsentierte sich nicht ganz so exotisch, dennoch spielte das Ölbild von Johann Jakob Biedermann seine obere Taxe von 8.000 Euro ein. Überraschender lief es da im Fall eines typischen Pferdebilds von Emil Adam aus dem Jahr 1888 ab, das als „Promenade à cheval“ aus der Sammlung Georg Schäfer in Schweinfurt stammte und von 7.000 Euro auf 17.000 Euro galoppierte.

Carl Spitzwegs Ölstudie eines Mädchens mit Korb, das eben auf einem Baumstamm einen Bach überquert, erfuhr eine mehr als doppelte Steigerung auf 8.500 Euro. Der Siegeszug der heimelig anmutenden Genreszenen des 19. Jahrhunderts wurde weitergeführt durch Adolf Eberles gute Stube mit Jägerfamilie und Fuchsjungen für 6.500 Euro (Taxe 3.500 bis 5.000 EUR) und Hugo Kauffmanns in ihre Handarbeit vertiefte junge Frau in Tracht am Fenster von 1905 für 7.500 Euro (Taxe 5.500 bis 6.500 EUR). Auch Ludwig Willroiders Blick über urige Bauernhäuser und eine Klosterkirche am Starnberger See von 1909 lässt von einer heilen Welt träumen und verabschiedete sich so für verträumte 8.000 Euro (Taxe 4.000 bis 6.000 EUR). Josef Wopfners „Überfahrt der Mönche“ ist ein typisches Chiemsee-Motiv des Münchner Malers, das mit hellen Farben und humoristischer Figurengestaltung erheitert und 11.000 Euro einspielte (Taxe 4.000 bis 6.000 EUR). Wopfners Chiemseefischer unter Gewitterwölkchen und seine Fischer am herbstlichen Seeufer zogen immerhin mit je 4.000 Euro nach (Taxen 4.000 bis 6.000 EUR und 2.000 bis 3.000 EUR).

Ein Kassenfüller wurde die stimmungsvoll in Szene gesetzte „Affenfamilie mit Kirschen“ Gabriel von Max’. Das auf das Jahr 1912 datierte Gemälde zeigt eine Gruppe Affen vor dunklem Hintergrund, Licht fällt einzig durch das bunte orientalische Glasfenster und sorgt für eine mysteriöse Atmosphäre. Bei taxkonformen 30.000 Euro fiel im Auktionssaal der Hammer. Bei den Gemälden Oskar Mulleys kannten die Bieter abschließend kein Halten mehr. Seine „Bergkapelle“ von 1929/30, die von dem plastischen Auftrag der gespachtelten Ölfarben und ihrer kontrastreichen Palette von Weiß- bis Dunkelblautönen lebt, ließ die Drähte an sieben Telefonen heißlaufen; für 30.000 Euro ging die Arbeit schlussendlich nach Österreich (Taxe 12.000 bis 15.000 EUR). Ähnlich erging es auch Mulleys nur wenig später entstandenem „Bergbauernhof“, bei dem er seine charakteristische Spachteltechnik der Kufsteiner Zeit bereits zu einer reliefartigen Farbsubstanz hin perfektioniert hatte. Die Nahansicht einer Hütte vor kantigem Bergmassiv steigerte ihren Wert dank eines süddeutschen Bieters von 20.000 Euro auf 26.000 Euro.

Schmuck

Das Münchner Auktionshaus Neumeister stellte an den beiden Auktionsabenden in den Sparten Schmuck und Alte Kunst am 5. und 6. Juli einen internen Rekord auf: Der Anteil der Internetbieter lag erstmals in der Geschichte des Unternehmens bei mehr als einem Drittel. Das fällt bei den insgesamt zu gut 64 Prozent verkauften Positionen schon ordentlich ins Gewicht. Beim Schmuck waren es jedoch vor allem Interessenten aus dem voll besetzten Saal, die zu der Zuschlagsquote von 59,7 Prozent beitrugen. Der Spitzenreiter war eine der schönsten Geburtstagsüberraschungen, die sich eine Frau wohl wünschen kann: Ein klassisch schöner Londoner Diamantring mit einem pinkroten Burmarubin von mehr als 10 Karat der 2000er Jahre war einem liebenden Ehemann 50.000 Euro wert (Taxe 55.000 bis 68.000 EUR). Eine unerwartete Steigerung legte eine Silberbrosche mit farbigem Email in Form eines Schmetterlings hin, entstanden um 1919 in Birmingham: Ihr Preis flatterte mit schnellem Flügelschlag von anfangs 200 Euro auf das elffache Ergebnis von 2.200 Euro.

Alle Preise verstehen sich als Zuschläge ohne das Aufgeld.

Kontakt:

Neumeister Münchener Kunstauktionshaus

Barer Straße 37

DE-80799 München

Telefax:+49 (089) 23 17 10 55

Telefon:+49 (089) 231 71 00

E-Mail: auctions@neumeister.com



11.08.2016

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Viviane Bogumil

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