 |  | Restituiert und doch weiterhin in München: Rudolf von Alt, Arbeitszimmer des Künstlers, 1905 | |
Der Kunstraub im Münchner Führerbau in den letzen Apriltagen 1945 durch Bürger der Stadt ist kein simpler Kriminalfall, der verjährt und zu den Akten gelegt werden kann. Der größte Kunstraub in der Geschichte Münchens birgt immer noch viele Rätsel. Doch dass die Plünderung von Adolf Hitlers Machtzentrale und die Forschung nach Kunstwerken, die während der Nazizeit jüdischen Familien abgepresst oder im Ausland geraubt wurden, einen Zusammenhang ergeben, machte die Kunsthistorikerin Meike Hopp am Mittwoch auf dem Kolloquium des Zentralinstituts für Kunstgeschichte (ZI) zum Thema Provenienzforschung deutlich. In jenen Tagen, als man den Durchhalteparolen Hitlers nicht mehr glaubte und die US-Armee auf die bayerische Hauptstadt zumarschierte, lagerten im Luftschutzbunker des Hauses, in dem sich heute die Musik- und Theaterhochschule befindet, etwa 700 Gemälde. Es handelte sich nicht nur um Inventar des Hauses. Viele Kunstwerke waren für Hitlers Lieblingsprojekt „Sonderauftrag Linz“ gedacht wie etwa Lorenzo di Credis „Kopf eines Mädchens mit Kopftuch“, den Hildebrand Gurlitt 1944 herangeschafft hatte. Etwa 260 niederländische Altmeistergemälde des 17. Jahrhunderts stammten aus der von den Nazis beschlagnahmten Sammlung des Franzosen Adolphe Schloss. Durch Aufrufe in den Medien konnte schon nach Kriegsende ein Teil wieder sichergestellt und auch restituiert werden. Aber immer noch gelten etwa 400 Kunstwerke aus der – wie berichtet wurde – nachbarschaftlich organisierten Plünderungsaktion als verschollen.
Das Interesse des ZI am Führerbau-Kunstraub hatte 2009 eine TV-Sendung von „Kunst und Krempel“ entfacht, in der Privatpersonen ihre Schätze bewerten lassen. Der Kunsthistoriker und ZI-Mitarbeiter Stephan Klingen saß vor dem Fernseher und erkannte in einem der vorgestellten Gemälde die „Bergpredigt“ Frans Francken II., die in Fachkreisen als Teil des Bunkerinventars bekannt war. Jahrzehntelang hing es bei den Erben des einstigen Kunstdiebes an der Wand, den Wert und die Herkunft nicht ahnend. Als der Fall bekannt wurde, kam es zum Prozess. Erben von Nazi-Opfern aus Frankreich stellten Ansprüche. Das Bild bleibt Eigentum der Münchner Familie, die es laut deutscher Rechtsprechung gutgläubig ersessen hat.
Ein jüngerer Fall wirft ein weiteres Schlaglicht auf die immer noch schwelende Sprengkraft dieses unaufgeklärten Kunstraubes. Im Wiener Auktionshaus „Im Kinsky“ sollte im April ein barockes Herrenporträt von Bartholomeus van der Helst, eingeliefert von einem österreichischen Sammler, versteigert werden. Doch die französische Justiz erwirkte eine vorläufige Sicherstellung des ovalen Gemäldes, da es sich um NS-Raubkunst aus der erwähnten Sammlung Schloss handelt. Laut Recherchen der Wiener Zeitung „Der Standard“ führt die Eigentümer-Spur zurück zu einer 1999 verstorbenen Münchner Kunsthändlerin. Dass der österreichische Sammler es rechtmäßig erworben hat, steht in Wien außer Frage. In Frankreich war man anderer Ansicht. Das Werk ist dort seit 50 Jahren auf einer Liste mit gesuchter Raubkunst verzeichnet. Der Käufer hätte sich informieren können und müssen, so die Argumentation. Dennoch wird das Gemälde in einer der kommenden Kinsky-Auktionen zum Aufruf kommen. Ernst Ploil, Rechtsanwalt und Kinsky-Geschäftsführer, teilte mit, dass die Anzeige in Österreich zurückgewiesen wurde: „Unsere Ankündigung, das Bild nun wieder in eine Auktion zu geben, wurde von den Rechtsvertretern in Frankreich nicht mehr weiter kommentiert.“ Ob das das letzte Wort in dieser Angelegenheit ist, bleibt abzuwarten.
Mit welchen Tücken jedoch Provenienzforschung und Restitution – nicht nur im juristischen Sinne – umzugehen haben, zeigt der Fall des Vedutenmalers Rudolf von Alt. Die Staatliche Graphische Sammlung München besitzt mehr als 600 Aquarelle und Zeichnungen des „österreichischen Menzels“ aus dem Besitz Martin Bormanns, des Reichsleiters der NSDAP-Parteizentrale. Der Verdacht auf NS-verfolgungsbedingt entzogenem Kulturgut liegt in der Luft. Trotz langjähriger gründlicher Recherche konnten bislang nur drei Arbeiten restituiert werden, mehrere Ansprüche erwiesen sich als unberechtigt. Das große Problem: Der Wiener Maler wiederholte über Jahrzehnte hinweg seine Motive mit der gleichen Verve und aus der selben Perspektive. Wie oft Rudolf von Alt den Stephansdom in Wien zu Papier gebracht hat, ist nicht zu ermessen. Nahezu identisch erscheinen zwei Versionen der Wiener Hofburg mit dem alten Burgtheater aus dieser Sammlung. In Registern und Katalogen lassen die immer gleichen, nur topografischen Betitelungen oft keine eindeutige Zuordnung zu.
Doch mitunter war es vor der Washingtoner Konferenz von 1998 auch das mangelnde Rechtsbewusstsein bezüglich Eigentumsansprüchen von NS-Opfern wie im Falle des letzen Aquarells „Arbeitszimmer des Künstlers“, das Rudolf von Alt 1905 kurz vor seinem Tod gefertigt hat und das sich einst in der Bormann-Sammlung befand. Das unverwechselbare Blatt gehörte bis 1938 dem jüdischen Industriellen Stephan Mautner. Um emigrieren zu können, hatte er es verkauft. Mautners Sohn Karl klopfte 1947 als Captain der US-Armee mit einer genauen Beschreibung an die Tür des Central Collecting Points. Aufgrund des Karteikarten-Titels „Interieur mit großem Schrank“ wurde es nicht gefunden. Das war Pech.
Doch 1980 entdeckte er das Aquarell im 1973 erschienenen Werkverzeichnis von Walter Koschatzky. „Ich bin gar nicht besonders auf Rückerstattung versessen“, schrieb er der Staatlichen Graphischen Sammlung in München. Er wollte die Wahrheit ans Licht bringen. In den Publikationen der Folgejahre gab es nicht einmal einen Hinweis auf die Provenienz. Inzwischen ist das Blatt restituiert und doch wieder in der München. Die Ernst von Siemens Kunststiftung hat es für einen sehr fairen fünfstelligen Preis erworben und als unbefristete Leihgabe an die Graphische Sammlung gegeben. Am Mittwoch waren die in den USA lebenden Enkel dabei, als das Aquarell „Arbeitszimmer des Künstlers“ an die Graphische Sammlung übergeben wurde. Es geht nicht nur um große Summen. Es geht um die Wahrheit. |