 |  | Gerhard Richter, Benjamin Katz, Köln 1995 | |
Seine Kunst verunsicherte, begeisterte, provozierte und verstörte das Publikum. Er wechselte zwischen den Spielarten der Malerei hin und her wie kein anderer. Darstellen und Verbergen, Realismus und Gegenstandslosigkeit, alles hat Gerhard Richter gemalt und doch kreist alles, was er in Farbe verwandelt, immer wieder nur um das eine Thema: die Malerei selbst: „Wenn man von einer Sache genug hat - dann muss man was anderes tun, vom Gefühl her“. Und so treibt ihn die „unstete Lust am Malen“ bis heute um.
Zu Anfang der 1960er Jahre, als die Malerei in Zeiten der Popart und des späten Informel mal wieder totgesagt wurde, siedelte der gebürtige Dresdner nach Düsseldorf in die rheinische Metropole und studierte ein zweites Mal - nach der akademischen Ausbildung in seiner Heimatstadt - Malerei. Mit seinen Künstlerkollegen und damaligen Kommilitonen Sigmar Polke, Manfred Kuttner und Konrad Lueg deklarierte Richter 1963 den „Kapitalistischen Realismus“, eine satirische Gegenposition zu Kunstdogmen - zum Sozialistischen Realismus des Ostens wie gegen die informelle Malerei des Westens und die amerikanische Pop-Art. Die Maler organisierten selbstständig Ausstellungen ihrer Werke, die zu humorvollen Happenings avancierten.
Der Maler, der sich nie in eine Schublade verweisen ließ, feiert am 9. Februar seinen 70. Geburtstag. Pünktlich zu diesem Anlass zeigt ab 14. Februar das New Yorker Museum of Modern Art ihm zu Ehren einen respektablen Querschnitt durch das Schaffen des Künstlers. Die Schau „Gerhard Richter: 40 years of painting“ liefert mit rund 180 Werken einen breitgefächerten Überblick über die Vielseitigkeit eines Malers, der, wie er sagt, alles mag „was keinen Stil hat: Wörterbücher, Fotos, die Natur, mich und meine Bilder.“ So dienen denn auch seit jeher Zeitungsfotos, unspektakuläre Familienschnappschüsse und selbstgemachte Fotografien aus dem Urlaub als Vorlage für seine Malerei. Mittlerweile existiert ein Riesenfundus an archivierten, ausgesuchten Lichtbildern, der als „Atlas“ 1997 auf der Documenta X zu sehen war.
Seine Gemälde lösen sich jedoch von der Fotografie, und schaffen durch Verwischungen und Unschärfen ihre eigene bildliche Realität, die nichts außer Malerei sein will. So postuliert Richter auch 1966: „Ich verfolge keine Absichten, kein System, keine Richtung. Ich habe kein Programm, keinen Stil, kein Anliegen.“ Zwischendurch spaltete der „Meister der Mehrdeutigkeit“ seine Malerei komplett vom Gegenstand ab und schuf monochrome graue Farbflächen, sowie minimalistische Farbfeldmalerei, kehrte später wieder zurück zur Figur und entwickelte rund zehn Jahre nach den Ereignissen in Stammheim seinen 15-teiligen Bilderzyklus „18. Oktober 1977“, gemalt nach Pressefotos der RAF-Häftlinge der Baader-Meinhof-Gruppe. Zeitgleich widmete er sich einem komplett anderen Genre der Malerei. Er malte farbenfrohe, in verschiedenen Schichten angelegte abstrakte Bilder.
1999 hat Gerhard Richter für den Bundestag im Reichstag in Berlin ein Farbkunstwerk von 21 Meter Höhe und 3 Meter Breite in den Farben Schwarz-Rot-Gold entworfen. Die Farben werden auf die Rückseite großer Glastafeln aufgetragen und erinnern an die Farben der deutschen Bundesflagge. Aber sowohl das hochrechteckige Format als auch die spiegelnden Glasflächen machen deutlich, dass es sich nicht um die Abbildung einer Flagge handelt, sondern um ein autonomes Farbkunstwerk. So ist es Gerhard Richter gelungen, mit sparsamen künstlerischen Mitteln eine zurückhaltende und gerade dadurch überzeugende künstlerische Gestaltung zu finden.
Ganz aktuell hat Richter seinen Sohn Moritz, den er bereits vor Jahren als Kleinkind fotografierte, nun in drei Varianten als „Selbstporträts“ gemalt. Auf diese Weise konfrontiert sich der Künstler nun mit dem eigenen Alter. Bis zum heutigen Tag verweigert sich Gerhard Richter, der in Köln lebt und arbeitet, jedem gängigen Trend und hält sich von der schillernden Welt der lauten Kunstschickeria fern. Und der Erfolg gibt ihm recht. Keine große Sammlung, kein Museum kommt ohne einen Richter aus. Der schon zu Lebzeiten als Klassiker Bezeichnete bringt mit die teuersten Kunstwerke eines noch lebenden Künstlers hervor. Die Spitzenwerke wechseln erst ab mehrfacher Millionen-Dollarhöhe den Besitzer. Und so ist es nicht verwunderlich, dass Richter sich seit 1988 mit seinen Künstlerkollegen Sigmar Polke, Frank Stella, Bruce Nauman und Georg Baselitz die ersten drei Plätze im Capital-Kunstkompass teilt.
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