 |  | Victor Hugo, Blick auf Türme mit einem Stern im Himmel, o.J. | |
„Ach, Sie kennen meine Sudeleien?“ – so spöttisch hinterfragte Victor Hugo 1855 in einem Brief an den Maler Jules Laurens sein eigenes zeichnerisches Schaffen. Die Gallionsfigur der französischen Romantik zählt wie William Blake und August Strindberg zu den raren Begabungen, die in mehreren künstlerischen Metiers Bleibendes geschaffen haben. Schon zu Lebzeiten wurde Victor Hugo für seine Literatur hoch geehrt, seine Zeichnungen hingegen waren lange Zeit nur einem Kreis von Eingeweihten bekannt. Nun zeigt das Wiener Leopold Museum in einer konzentrierten Schau rund 60 Exponate.
Victor Hugo war Schriftsteller, Autor von Romanen, Dramen, Gedichten, Reiseberichten und Essays. Seine Texte wurden in den Schulbüchern der Republik gelesen, sein Begräbnis im Jahr 1885 brachte zwei Millionen Menschen auf die Straße. Gleichzeitig war er ein politisch engagierter Intellektueller, Mitglied zahlreicher Parlamente, Anwalt der Benachteiligten und der Freiheit, Kämpfer gegen die Todesstrafe und ein Verfechter der Idee von vereinigten Staaten in Europa. Zwei Jahrzehnte war Hugo aus dem Exil heraus der scharfzüngige Rivale des Usurpators Napoleon III. und nach seiner Rückkehr nach Paris ein Nationalheld der Dritten Französischen Republik. Darüber hinaus war Victor Hugo auch ein höchst eigenwilliger Zeichner, der jene kleinformatigen dunklen Szenerien schuf, deren poetische Naturgewalt nicht zuletzt André Breton und die Surrealisten begeisterte. Sie schätzen Hugo wegen seiner inszenatorischen Qualitäten des Visionären und Traumhaften.
Die Ausstellung im Leopold Museum präsentiert Zeichnungen, die vor allem das experimentelle Interesse des Autors am Material, an der Technik des Zeichnens belegen. Aus wenigen, rasch hingeworfenen Strichen ließ Victor Hugo gekonnt ganze Landschaften entstehen. „Mit der Feder immer hin und her“, schrieb er neben eine Zeichnung, die aus wenigen, braun lavierten Tuschestrichen besteht. Auf das obere Drittel des Blattes setzte er eine waagerechte Linie – und so wurde aus den scheinbar absichtslos entstandenen Tupfen plötzlich ein tosendes Meer und aus der Linie ein Horizont. Bei einem anderen Blatt ergänzte Hugo die Silhouette einer Felsformation durch einen nebeligen Schatten und machte so aus einer völlig abstrakten Form „Die Erschaffung der Welt“.
Mehr als 3.500 Zeichnungen sind auf diese und andere Weisen entstanden – eine erstaunliche Zahl für jemanden, der sich vor allem als Dichter verstand. Für Victor Hugo waren sie nicht mehr als Kurzweil und Zerstreuung. Das Zeichnen „hält mich zwischen zwei Versen bei Laune“, schrieb er an den Dichterkollegen Charles Baudelaire. Was er zwischen den Versen schuf, war nur seinem näheren Umfeld bekannt. Hugo stellte seine Zeichnungen nicht aus, noch maß er sich an anderen Künstlern. Umso freier war er in seinem zeichnerischen Tun, das bar jeder akademischen Norm ist. Vielleicht auch um dem Unverständnis seiner Zeitgenossen vorzubeugen, bekannte sich der künstlerische Autodidakt zu seiner Amateurhaftigkeit. Das ließ ihm viel Raum fürs Experiment. Auf das Zusammenspiel von Zufallsprozess und Ausgestaltung kam es ihm an. Das Mischungsverhältnis beider Komponenten war unterschiedlich und reichte von unbeabsichtigten Farbspuren, die ihm als Movens für ein Sujet dienen konnten, bis zu verschiedenen Hilfsmitteln wie Spitzenstoffen und Schablonen.
So entstanden düstere Nachtstücke, unheimliche Wälder, dunkle Landschaften, Himmelsbilder, pittoreske Burgen, fantastische Tiere und geträumte Landschaften. Hugo ahmte nichts nach, sondern suchte die Form im Formlosen, den Gegenstand im Ungegenständlichen. Nicht selten verrieb er die Farbe mit den Händen, experimentierte mit eigenen Fingerabdrücken oder denen von Flaschenböden und Münzen, benutzte abgebrannte Streichhölzer, verwendete Kaffee, Milch, Zigarrenasche und Papierfetzen. Letzte Sicherheit über das Dargestellte schuf ein einzelnes, gezielt gesetztes Detail oder die Bildunterschrift. Ungeahnte filigrane Formen wie die „Flusslandschaft“ erreichte Victor Hugo durch Klappdrucke. Dafür präparierte er ein Stück Papier mit Farbe und faltete es entlang einer Mittellinie. Die beim Ablösen der beiden Hälften entstandenen Resultate bearbeitete er, bis sie zur gewünschten Form gelangten. Da er auch mit den frühen fotografischen Verfahren bestens vertraut war und sich insbesondere während seines Exils auf Jersey selbst als Fotograf versuchte, ließ er in seinen Zeichnungen auch Überbelichtungen zu einem neuen Stilmittel werden.
Dass er sich „zwischen zwei Versen“ nicht ausschließlich von Flecken und Tropfen, blasigen Formen und zart getönten Flächen anregen ließ, zeigen seine vedutenhaften Zeichnungen von Burgen und alten Häusern. Die deutschen Burgenlandschaften, denen er während mehrerer Reisen entlang des Rheins begegnete, beeinflussten nicht nur seine schriftstellerische Arbeit, wie etwa das Prosawerk „Le Rhin“. Auch in seinem zeichnerischen Werk schlugen sich diese Eindrücke mehrfach nieder.
Der Zeichner Hugo war unzeitgemäß, er war seiner Zeit um Jahre voraus, er war sogar dem Schriftsteller Hugo entschieden voraus. Allenfalls im Ansatz, im romantischen Sujet, in der Vorliebe für Ruinen, für bizarre und groteske Formationen, für die nächtliche Szenerie gibt es Parallelen zwischen der literarischen und der bildnerischen Produktion. Baudelaire bewunderte die apokalyptischen Visionen des Autodidakten. Und der Schriftsteller Théophile Gautier war sich ganz sicher: „Wäre Victor Hugo kein Dichter, dann wäre er ein Maler ersten Ranges. … Ihm gelingt es, in den dunklen und wilden Schöpfungen seiner Phantasie die Helldunkel-Effekte Goyas und die architektonischen Schreckensbilder eines Piranesi einfließen zu lassen.“ In seinen dunklen, visionären Zeichnungen und Aquarellen suchte Victor Hugo Antworten auf die politische Entwicklungen und gesellschaftliche Umbrüche seiner Epoche und war dabei doch vor allem ein Künstler, der sich die Freiheit nahm, den Zufall ganz genau zu beobachten.
Die Ausstellung „Victor Hugo. Der schwarze Romantiker“ läuft bis zum 15. Januar 2018. Das Leopold Museum hat täglich außer dienstags von 10 bis 18 Uhr, donnerstags zusätzlich bis 21 Uhr geöffnet. Das Haus bleibt an Heiligabend geschlossen. Der Eintritt beträgt regulär 13 Euro, es gibt mehrere Ermäßigungsstufen. Der Katalog zur Ausstellung kostet 24,90 Euro im Museumsshop. |