Kunstwelt trauert um Okwui Enwezor  |  | Okwui Enwezor ist gestorben | |
Erst im Juni 2018 hat sich Okwui Enwezor von seinem Posten als künstlerischer Leiter des Hauses der Kunst in München aufgrund gesundheitlicher Probleme zurückgezogen. Nun ist der 55jährige Kurator tot, der als einer der wichtigsten Ausstellungsmacher der Gegenwart galt. Er starb heute an den Folgen seiner Krebserkrankung. Das melden übereinstimmend mehrere Medien und Kunstinstitute, darunter die Biennale in Venedig, die Enwezor im Jahr 2015 verantwortete. Sein großes Verdienst war es, den euro- und nordamerikazentrischen Blick auf das Kunstschaffen aufgebrochen und ihn vor allem für seinen Heimatkontinent Afrika geweitet zu haben.
Zur Welt kam Okwui Enwezor 1963 in der nigerianischen Hafenstadt Calabar und ging 1982 nach New York, um Politikwissenschaft zu studieren. Den Zugang zur bildenden Kunst fand er über seine Leidenschaft für Lyrik und wurde Kurator am International Center of Photography in New York. Schon 1993 gründete er mit Kollegen das dreimal jährlich erscheinende Magazin „NKA: Journal of Contemporary African Art“, um der Fixierung des internationalen Kunstbetriebs auf Europa und Nordamerika einen Gegenpol zu setzen.
Schnell wurde Enwezor als Kurator zu wichtigen Großausstellungen verpflichtet. Sein steiler Aufstieg führte ihn über die Leitung der zweiten Johannesburg Biennale 1996/97 in Südafrika zum künstlerischen Gesamtverantwortlichen der elften Documenta in Kassel von 1998 bis 2002, mit der er als erster Vertreter eines nichtwestlichen Landes seinen internationalen Durchbruch feierte und überwiegend Anerkennung erntete. 2006 kuratierte er die Biennale für zeitgenössische Kunst in Sevilla, 2007/08 die siebte Gwangju Biennale in Südkorea. 2011 war er kuratorischer Berater von „Dublin Contemporary“ in Irland, 2012 Hauptkurator der Triennale in Paris. 2015 stand dann die Biennale in Venedig in seinem Terminkalender, mit der er starke künstlerische, politische und soziale Akzente setzte. In diesem Jahr wurde er als einer der künstlerischen Leiter der Documenta mit dem Hessischen Kulturpreis ausgezeichnet. 2014 hatte er schon den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland erhalten.
Seit 2011 war Okwui Enwezor Direktor am Haus der Kunst in München. Zu seinen wichtigsten Projekten zählten die Ausstellungen „Matthew Barney: River of Fundament“, „Louise Bourgeois. Strukturen des Daseins“ oder „Hanne Darboven. Aufklärung“. Zudem rückte er auch hier die außereuropäische Kunst immer wieder in den Blick und präsentierte dazu etwa den Südafrikaner Kendell Geers, den 1966 in Daressalam geborenen Architekten David Adjaye, die Malerin Lynette Yiadom-Boakye oder den Mexikaner Abraham Cruzvillegas. Auch mit der Schau „Postwar: Kunst zwischen Pazifik und Atlantik, 1945-1965“ wollte er den Betrachtungshorizont auf die Kunstentwicklung jener Zeit um eine globale Dimension erweitern. Sein kuratorisches Vermächtnis ist die aktuell laufende Retrospektive zu dem ghanaischen Künstler El Anatsui, die Okwui Enwezor für das Haus der Kunst noch mitorganisiert hat. |