Roger Melis’ DDR-Fotos in Berlin Die Stiftung Reinbeckhallen Sammlung für Gegenwartskunst in Berlin präsentiert ab morgen die Schau „Roger Melis: Die Ostdeutschen – Fotografien aus drei Jahrzehnten DDR“. Neben bekannten Aufnahmen sind auch bislang weniger geläufige Lichtbilder aus dem Nachlass des 2009 verstorbenen Fotografen zu sehen. „Die Bilder erzählen vom Stolz und Selbstbewusstsein der Ostdeutschen, lassen Zeichen von Skepsis und Resignation, aber auch Trotz und den wachsenden Mut erkennen, der das System schließlich zum Einsturz brachte“, erklärt Kurator Mathias Bertram.
Der 1940 in Berlin geboren Roger Melis absolvierte bis 1960 eine dreijährige Fotografenausbildung und gilt als Mitbegründer des ostdeutschen Fotorealismus. 30 Jahre lang dokumentierte er die DDR und habe laut Bertram das Land unter der SED oft als still und erstarrt empfunden. Seine dichten und symbolhaften Fotografien zeigen den Alltag in der Stadt und auf dem Land sowie die Arbeits- und Lebensbedingungen. Hinzu kommen die politischen Rituale des Sozialismus.
Roger Melis schuf eindringliche Bildnisse von Schriftstellern und bildenden Künstlern, die ihn in den 1960er Jahren in Ost und West bekannt machten. Viele seiner Porträts, etwa von Anna Seghers, Eva Maria Hagen oder Heiner Müller, prägten das „Gesicht“ der ostdeutschen Kultur. Melis’ Portrait des SED-Kritikers, Liedermachers und Lyrikers Wolf Biermann von 1972 präsentiert den Künstler vor einem aus Metall gearbeiteten deutschen Adler als „Preußischen Ikarus“. Der Schriftsteller lehnt in einem langen dunklen Mantel entspannt gegen das schwarze Metall, überschlägt die Beine und blickt direkt in die Kamera. Biermann erhielt Auftritts- und Publikationsverbot und durfte nach einer Tournee 1976 nicht wieder in die DDR einreisen.
Menschen aus allen sozialen Bereichen, Arbeiter und Betriebsdirektoren, Bauern, Kinder, Funktionäre und Dissidenten standen vor seiner Kamera. In seinen Bildern näherte sich Roger Melis den Portraitierten behutsam. In dem Foto „Feier zum Tag der deutschen Einheit“ in Berlin 1990 ist eine junge Mutter mit ihrem Baby zu sehen. Sie trägt eine dicke weiße Jacke und hält ihr Kind in einer weißen Decke warm. Inmitten der Aufregung umfließt sie eine ruhige Leere. Die Frau blickt mit ernster Miene in die Ferne.
Roger Melis arbeitete als Porträt-, Reportage- und Modefotograf für Publikationen wie „Sibylle“, „Neue Berliner Illustrierte“, „Die Zeit“, „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ oder „Süddeutsche Zeitung“. Wegen eines gemeinsamen Beitrags mit Erich Loest für die Zeitschrift „Geo“ erhielt er von 1981 bis 1989 eine Auftragssperre für die DDR-Presse, so dass er sich verstärkt Buch- und Ausstellungsprojekten zuwandte. Von 1978 bis 1990 lehrte Melis an der Kunsthochschule Weißensee und von 1993 bis 2006 unterrichtete er Fotografie beim Lette-Verein in Berlin.
Die Ausstellung „Roger Melis: Die Ostdeutschen – Fotografien aus drei Jahrzehnten DDR“ läuft vom 12. April bis zum 28. Juli. Die Reinbeckhallen sind donnerstags und freitags von 16 bis 20 Uhr, am Wochenende sowie feiertags von 11 bis 20 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 5 Euro, ermäßigt 3 Euro; freitags ist er frei, solange es kein Feiertag ist. Begleitend zur Schau erscheint der neue Fotoband „Die Ostdeutschen“ sowie eine zweisprachige Neuausgabe des vergriffenen Buches „In einem stillen Land“.
Stiftung Reinbeckhallen Sammlung für Gegenwartskunst
Reinbeckstraße 17
D-12459 Berlin
Telefon: +49 (0)30 – 20 39 310 |