 |  | Mathieu Befort, Bureau Plat, Paris 2. Hälfte 19. Jahrhundert | |
Das 19. Jahrhundert liebte Prunk- und Prachtentfaltung. Dabei kopierte man vor allem in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts gerne ältere Stile. Es entstanden die Neoromanik, die Neogotik oder das Neobarock. Da die handwerklichen Fähigkeiten ausgereift waren, konnten die Kunsthandwerker aus dem Vollen schöpfen, und man meint, sie wollten die vorangegangenen alten Zeiten sogar noch übertrumpfen, so makellos, aber auch so überschäumend haben sie ihre Objekte gestaltet. Dass die Perfektion häufig auf Kosten der Lebendigkeit und Originalität geht, dass das Zuviel an Zierrat gerne in den Kitsch abgleitet, zeigt nun die Versteigerung „Antiquitäten und Möbel“ im Dorotheum. Das Wiener Auktionshaus hat zahleiche Möbelstücke, Porzellane, Glaswaren, Skulpturen, Uhren und Ausstattungsgegenstände integriert, die genau diesem Schema folgen.
Da gibt es etwa ein Bureau Plat mit Schildpatt, Messingeinlagen und vergoldeten Bronzebeschlägen, bei dem Mathieu Befort eindeutig Ideen von Nicolas Sageot und André-Charles Boulle aufgegriffen hat. Der effektvolle Hell-Dunkel-Kontrast soll mit 45.000 bis 55.000 Euro honoriert werden. Ebenso überbordend mit Boulle-Marketerie sind eine Likörgarnitur von Alphonse-Gustave Giroux (Taxe 4.000 bis 5.000 EUR) oder ein Bureau Mazarin einer unbekannten französischen Werkstatt überzogen (Taxe 15.000 bis 20.000 EUR). Paul Sormani orientierte sich häufig an Vorbildern aus dem Schloss Versailles und statte sein halbhohes Kästchen mit einer Blumenmarketerie über dem strahlenförmigen Palisanderfurnier im Transitionstil aus (Taxe 30.000 bis 40.000 EUR). Ebenfalls auf Rokoko-Formen bezog sich um 1855/60 die Florentiner Werkstatt von Francesco Morini bei einer ausladenden, golden gefassten Sitzbank und arbeitete den Zierrat noch etwas verspielter aus (Taxe 6.000 bis 8.000 EUR).
Eine dunkel gebeizte italienische Uhr, die von einem Atlanten auf einem Steinsockel in die Höhe gewuchtet wird, lässt dann die Renaissance wieder aufleben (Taxe 25.000 bis 35.000 EUR), ebenso ein Eichen- und Nussholzschrank aus Paris. Der Ebenist Louis Malard schnitzte dafür reich Blumengehänge, Friese, Engelsköpfe und ein Relief mit der Jagdgöttin Diana und holte sich Louis Doyen, der die beiden Medaillons mit Frauenbüsten auf den Türen des Überbaus malte (Taxe 8.000 bis 10.000 EUR). Seiner Fantasie freien Lauf ließ Charles-Guillaume Diehl bei einem eklektizistischen Salontisch mit Schatulle und kombinierte dabei verschiedene Stile (Taxe 10.000 bis 12.000 EUR). Als Seltenheit weist das Dorotheum einen Vitrinenschrank von 1924 aus, in dem sich westlicher Art Déco und japanische Motive verbinden. Denn das Möbel in Pagodenform mit Seepferdcheneinlagen aus Perlmutt auf den Türen, einer bunten exotischen Landschaft in Innern, geschnitzten Drachen, Fabelwesen und Blumen sowie einer durchbrochenen Elfenbeinbordüre gilt als einziges in Wien hergestelltes Möbel dieser Mischung. Mehrmals taucht die Signatur des Bildhauers Wilhelm Hejda auf, der für das Schnitzwerk in Anspruch genommen wird (Taxe 30.000 bis 40.000 EUR).
Wohltutend zurückhaltend und fein sind die Möbel aus den originalen Epochen gehalten, etwa ein Konsoltisch aus dem Piemont oder dem Veneto um 1730/40, dessen Holzgestell mit Chinoiserie-Motiven lackiert ist (Taxe 18.000 bis 22.000 EUR), oder eine französische Lackkommode, bei der Nicolas Petit um 1760/65 ebenfalls in den Fernen Osten geblickt hat (Taxe 18.000 bis 25.000 EUR). Auch ein Kinderschlitten des 18. Jahrhunderts aus Holland oder Italien folgt dem Geschmack für das Fernöstliche (Taxe 6.000 bis 8.000 EUR). Georges Jacob wird für zwei Empire-Sessel um 1805/10 verantwortlich gemacht, die mit einer typischen Schwanenhalslehne ausgestattet sind und laut Stempelung ehemals im Palais des Tuileries standen (Taxe 6.000 bis 8.000 EUR).
In der Skulpturenabteilung gibt es ebenfalls historistische Werke, etwa einen neugotischen Flügelaltar aus Deutschland um 1880 mit zentraler geschnitzter Kreuzigungsszene und vier gemalten Heiligen auf den Seitenflügeln. Auch er wirkt perfekt, gleichzeitig aber etwas leblos und mechanisch (Taxe 12.000 bis 16.000 EUR). Es geht aber auch älter: Ein beidseitig gearbeitetes Marmorrelief mit Madonnen- und Ecce Homo-Darstellung datiert in die ursprüngliche Gotik um 1320/40. Es folgt eine hieratisch thronende Maria mit Kind, die um 1500 in Nordfrankreich oder Flandern aus Kalkstein gehauen und farbig gefasst wurde. Der italienischen Renaissance ist ein Stuckrelief gleichen Themas zugehörig, in dem wohl die Werkstatt Desiderio da Settignanos den Christusknaben übergroß ausgearbeitet hat (Taxe je 20.000 bis 30.000 EUR).
Für einen auf Wolken schwebenden Gottvater, dem die Arme schon etwas abhanden gekommen sind, wird um 1630 der hauptsächlich in Tirol tätige Bildschnitzer Hans Patsch verantwortlich gemacht (Taxe 14.000 bis 16.000 EUR). Etwas günstiger ist mit 8.000 bis 10.000 Euro ein Posaune blasendes Engelpaar um 1610/20, das dem Weilheimer Plastiker Bartholomäus Steinle aufgrund des typischen Faltenstils zugeordnet wird. In den Spätbarock geht es mit einer für die private Andacht aus Obstholz geschnitzten Kreuzigung Christi samt Maria Magdalena von Johann Franz Schwanthaler (Taxe 5.000 bis 7.000 EUR), ins Rokoko mit einem freudig lächelnden Engelspaar von Ignaz Günther (Taxe 20.000 bis 30.000 EUR).
Übertriebenes Pathos der Zeit um 1880/90 schwingt bei Marius Jean Antonin Merciés Bronzegruppe „Gloria Victis“ mit, in der ein Engel samt großen Schwingen einen gefallenen Helden mit sich trägt (Taxe 12.000 bis 14.000 EUR). Schelmischer kommt der junge Soldat daher, den Valentino Panciera um 1897/98 aus Zirbenholz mit venezianischem Markus-Löwen auf seiner Renaissance-Rüstung gearbeitet hat (Taxe 25.000 bis 35.000 EUR), liebestrunken die Marmorgruppe „Pan und Syrinx“ seines italienischen Kollegen Clemente Origo aus dieser Zeit (Taxe 20.000 bis 26.000 EUR). Neckisch lässt Fritz Heinemann seinen ebenfalls marmornen „Kleinen Narziss“ in einen runden Spiegel blicken (Taxe 5.000 bis 6.000 EUR).
Eines der ältesten Objekte in der Glasabteilung ist ein leicht graustichiges deutsches Passglas mit vier Ringen aus der Mitte des 17. Jahrhundert für 10.000 bis 15.000 Euro, das beim Heilbronner Glasspezialisten Fischer im Oktober 2014 schon einmal netto 15.000 Euro einbrachte. Mit „Roßbach fecit Berlin“ ist ein Potsdamer Pokal mit spielenden Kindern in einer Landschaft in feinem Glasschnitt signiert, hinter dem der Glasschneider Elias Rosbach stehen könnte, der für seine Kinderszenen bekannt ist (Taxe 4.000 bis 6.000 EUR). Sicher zugewiesen ist ein flacher, oktogonal geformter Flakon um 1725/30 mit sitzenden Chinesen zwischen Bandelwerk an Ignaz Preissler (Taxe 3.000 bis 4.000 EUR), ein Pokal um 1795 mit dem Scherenschnittportrait eines Herrn an den ebenfalls in Schlesien tätigen Johann Sigismund Menzel (Taxe 3.000 bis 5.000 EUR) und ein Freundschaftsbecher von 1802 mit ligiertem goldenem Monogramm auf rotem Fond an Johann Joseph Mildner (Taxe 5.000 bis 9.000 EUR).
In diese Preiskategorie ordnet sich ein Becher Anton Kothgassers mit dem Spruch „Schlühset euch fest an den biederen Freund, der immer sagt was er redlich auch meint“ und dem Monogramm JL ein, das aus Rosen und Vergissmeinnicht aufgebaut ist (Taxe 5.000 bis 7.000 EUR). Etwa das Doppelte soll Kothgassers Ranftbecher von 1832 mit der Sicht auf den gotischen Stephansdom in Wien und Samuel Mohns Becher von 1810 mit den schwarz gemalten Silhouetten eines Herrn und einer Dame in gelb gebeizten Medaillons samt Blumengirlande und Eichenlaubbordüre einbringen (Taxe je 10.000 bis 15.000 EUR). Schon deutlich ins 20. Jahrhundert weist ein Glasfenster mit Personifikationen von vier Berufen, das Karl Muggly um 1920 in Bielefeld in einem abstrahierten Jugendstil schuf (Taxe 6.500 bis 10.000 EUR). Mit einer Schätzung von 14.000 bis 18.000 Euro stehen zwei Milchglasvasen, die um 1840/55 in der französischen Cristallerie Baccarat wohl von Jean-François Robert mit dichten prächtigen Blumenbuketts bemalt wurden, an der Spitze der Glasabteilung.
Diese Blumenpracht führt beim Porzellan Joseph Fischer weiter, der als einer der besten Blumenmaler der Kaiserlichen Porzellanmanufaktur Wien gilt und 1822 ein Porzellanbild mit einem Strauß in einer Glasvase auf einer Steinplatte malte (Taxe 18.000 bis 30.000 EUR). Aus der Kaiserlichen Manufaktur stammen etwa noch eine Gruppe mit zwei Liebespaaren, Kindern und Hund, die sich seit etwa 1770 um einen Felsblock versammelt haben (Taxe 3.600 bis 5.000 EUR), eine Familie mit Kind auf einem Grassockel, die mit „Das Geheimnis“ betitelt ist (Taxe 3.000 bis 5.000 EUR), oder mehrere Bildteller, darunter mit pompejischen Motiven für jeweils 3.600 bis 4.500 Euro. KPM steuert dann eine blau grundierte Vase mit goldenem Zierrat und dem Brustbild König Friedrich Wilhelms III. nach Franz Krüger um 1840 bei (Taxe 50.000 bis 70.000 EUR).
Den Großteil der Porzellanwaren bestreitet die Meißner Manufaktur, häufig mit neuwertigen Objekten, die alte Modelle aufgreifen, so auch eine hohe Deckelvase mit Schneeballblüten, vier Vögeln und einem Vogelkäfig. Sie geht auf einen Entwurf Johann Joachim Kändlers um 1760 zurück, wurde aber erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts produziert. Mit 80.000 bis 120.000 Euro steht sie an der Spitze der Auktion. Auch Ernst August Leuteritz griff 1854 auf ein Modell Kändlers zurück und gestaltete so seinen „Großen Paduaner Hahn“ (Taxe 11.000 bis 15.000 EUR). Unter Leuteritz’ Ägide entstanden zudem ein Tablett und ein Vasenpaar mit mythologischen Frauenfiguren in blauer Limoges-Malerei (Taxen 10.000 bis 15.000 EUR und 15.000 bis 25.000 EUR). In die Anfangszeit der Meißner Manufaktur datieren eine Punschbowle mit Genreszenen nach William Hogarth um 1750 (Taxe 5.000 bis 9.000 EUR), eine Kaffeekanne mit Schmetterlings- und Insektenmalerei um 1740/45 (Taxe 2.800 bis 3.200 EUR) oder Johann Friedrich Eberleins als Räuchergefäße ausformuliertes Chinesenpaar um 1735 (Taxe 26.000 bis 40.000 EUR).
Die Auktion beginnt am 2. Mai um 14 Uhr. Die Besichtigung ist bis zum Auktionsbeginn außer am 1. Mai täglich von 10 bis 18 Uhr möglich. Der Internetkatalog listet die Objekte unter www.dorotheum.com. |