 |  | Giovanni Battista Tiepolo, Apelles und Campaspe, um 1725/30 | |
Geradewegs steht der Eintretende vor einem Bildnis in eigener Sache: Fußend auf einer Erzählung von Plinius dem Älteren, arbeitet der Maler Apelles an einem Porträt der Hetäre Campaspe, der Geliebten Alexanders des Großen. Nicht wenige erkennen in dem Künstler Giovanni Battista Tiepolo, der gerade an einem delikaten Teil, der Brustwarze Campaspes, pinselt. Mit verrenktem Hals dreht er sich zu seinem Modell um. Aus der rechten dunklen Bildhälfte blickt er mit weit geöffneten Augen über Campaspe hinweg, so als suche er nach Einfällen. Denn im linken, deutlich lichteren Teil thronen auf einem Podest neben dem Modell Alexander der Große mit dem Lorbeerkranz und ein Soldat, der sich schützend über das Paar beugt und eine abwehrende Geste in Richtung des Porträtisten vornimmt. Genau diese beiden getrennten Sphären markieren überdeutlich die Abhängigkeit des Hofkünstlers vom Auftraggeber. Auf der einen Seite die finstere Werkstatt mit großformatigen Bildern und einem an der Staffelei gelehnten Pagen, auf der anderen Seite für den Porträtisten unerreichbarer Glanz und Erotik. Aus dem Kreis der Mächtigen bleibt der Maler eines in der Gattungshierarchie weit unten angesiedelten Genres ausgeschlossen. Mit Ironie und Kritik kommentierte Giovanni Battista Tiepolo um 1725/30 in diesem Gemälde das Verhältnis eines Künstlers zum Besteller.
Tiepolos Historie „Apelles malt das Bildnis der Campaspe“ ist nun von Montreal in die Staatsgalerie Stuttgart gereist. Dort erinnert man mit rund 120 Arbeiten, darunter 25 Gemälden, über 50 Zeichnungen und mehreren Radierfolgen, an den 250. Todestag des großen venezianischen Meisters am 27. März 1770. Kernanliegen der Auswahl ist es, nachdrücklich Tiepolos Spiel mit dem Sinnesreiz des Publikums offenzulegen. Ausgehend vom beachtlichen eigenen Tiepolo-Fundus reihen sich in lockerer chronologischer Anordnung aparte Gemälde mit Motiven aus Mythologie und Historie, dramatische religiöse Sujets oder Karikaturen und Drucke aneinander. Einen deutlichen Hinweis auf einen Schaffensschwerpunkt gibt eine vorbereitende Ölskizze aus den Jahren um 1724/25. Die „Macht der Beredsamkeit“, eine in antike Mythen eingebettete Lobpreisung der Redekunst, beschreibt den Künstler in seinem ersten Auftrag zu einem Deckenfresko für den neuen Palazzo des venezianischen Anwalts Tommaso Sandi. Das Werk gilt als Anfang vieler wandfester Raumausstattungen, die untrennbar mit dem jeweiligen Ort verbunden und daher nicht ausleihbar sind. Sie machen etwa ein Drittel seines Œuvres aus. Eine universale Retrospektive zu Giovanni Battista Tiepolo ist damit unmöglich.
Die Ausstellung wartet dann mit der um 1720 einsetzenden Gemäldeserie mythologischer Motive auf, deren traditionelle Arrangements mit Witz und Ironie emotional bewegen sollen. Neben „Diana und Aktäon“, „Apoll und Daphne“ zählt dazu auch der „Raub der Europa“. Hier treibt Giovanni Battista Tiepolo die Komik auf die Spitze, indem über der unbeholfen auf einem Stier sitzenden Europa ein Putto auf einer Wolke schwebt und sich über der Szenerie erleichtert. Während in dem um 1720/22 entstandenen Gemälde noch düsteres Licht und diffuse Atmosphäre vorherrschen, hellte Tiepolo seine Palette mit den Jahren immer stärker auf. Dies zeigt sich schon deutlich beim Porträt des Gelehrten Antonio Riccobono aus den Jahren um 1744. Der gezielte Einsatz von Licht und Schatten sowie „sprechende Hände“ geben Kunde von einer charakterstarken Persönlichkeit. Das Beispiel für Tiepolos Betätigung als Porträtmaler verweist auf seine Reputation und den Aufstieg zum gefragten Maler für Altarbilder und Raumausstattungen weit über Oberitalien hinaus.
Die religiösen Werke des Malers werden weniger öffentlich wahrgenommen, obgleich sie zu seinen eindrücklichsten Schöpfungen zählen. Dies bewog die Kuratorin Annette Hojer dazu, diesem Aspekt ein eigenes Kapitel zu widmen. Unübersehbar allein schon aufgrund der Größe von über drei Metern Höhe ist der heilige Jakobus d.Ä. Das für die Kapelle der spanischen Botschaft in London bestimmte, im Jahr 1750 vollendete Altarbild war originell, wie umstritten. Der auf einem Schimmel reitende, weiß gewandete Heilige bekämpft und bekehrt zugleich mit dem ausgestreckten Schwert den knienden dunkelhäutigen afrikanischen Fürsten quasi in einer spanisch-katholischen Überlegenheitsgeste.
Im Folgenden bringt die Ausstellung Würzburg ins Spiel. Konzeptionelle Ideenskizzen sowie Musterzeichnungen mit Rötel und weißer Kreide auf blauem Papier mit immer wieder verwendbarem, in kräftigen Umrisslinien und Straffuren akzentuiertem Figurenrepertoire – darunter oft Männer mit exotischen Gewändern – oder auf Leinwand ausgeführte Ölstudien dokumentieren die Bildfindungen für die 1751 bis 1753 geschaffenen wandfesten Fresken im Kaisersaal und im Treppenhaus der Würzburger Residenz. Als Referenz an die wohl berühmteste Freskenausstattung Tiepolos vermittelt in Stuttgart ein unter die Decke gehängtes Großbanner das Gewölbebild des Treppenhauses als Kopie. Rückenakte der darunter platzierten Skizzen tauchen in den Fresken wieder auf.
Im November 1753 kehrte Tiepolo von Würzburg nach Venedig zurück. Weitere Großaufträge warteten. Im Sommer 1762 reiste er nach Madrid, wo er für König Karl III. den Palacio Real mit Freskendekorationen ausstatten sollte, die Spanien und seine Bedeutung als Weltreich feiern. Eine planende Ölskizze präsentiert in der Ausstellung das im Vorraum des Thronsaales verwirklichte Sujet einer „Apotheose der spanischen Monarchie“ mit der krönenden, von vier Erdteilen umgebenden „Hispania“.
Adäquat arrangiert, fügen sich zwischen den Ölbildern jenseits öffentlicher Aufträge geschaffene Zeichnungen ein, die die eigenwillige und moderne Kunstauffassung Giovanni Battista Tiepolos offenbaren. Hinzu kommen seine Radierfolgen mit rätselhaften Gegenständen und von unheimlichen Charakter. Grandiose Kreativität und Erfindungsgabe, fantasievolle Mehrdeutigkeiten ohne Vorstellung einer griffigen Bilderzählung, wie es die traditionelle Kunsttheorie vorsah, wurden bei Tiepolo zum Programm. Da erweisen sich die als Dialog dazu wenig glücklich eingestreuten vier Arbeiten des 1964 geborenen Künstlers Christoph Brech als deutliches Absinken von der Geisteshöhe Tiepolos. Brechs bildhafte Meditationen über Natur und Mensch, Raum und Zeit, Schönheit und Vergänglichkeit sind da eher dünnblütige Zwischenspiele.
Zuletzt macht die Schau die Landschaft zum Thema. Das zum Bestand der Staatsgalerie gehörende, 1770 vollendete Bild „Ruhe auf der Flucht nach Ägypten“ löst mit seinen bizarren, in die Wolken übergehenden Felsformen und der diagonalen Spitze des Nadelbaumes hinter der verschwindend kleinen Heiligen Familie gemischte Empfindungen beim Betrachter aus. Dabei weist es in der subtilen Andeutung zunehmender Autonomie künstlerischer Gebote weit voraus.
Die Ausstellung „Tiepolo. Der beste Maler Venedigs“ ist noch bis zum 2. Februar zu sehen. Die Staatsgalerie Stuttgart hat täglich außer montags von 10 bis 17 Uhr, donnerstags bis 20 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 12 Euro, ermäßigt 10 Euro. Der Ausstellungskatalog ist im Sandstein Verlag erschienen und kostet im Museum 29,90 Euro. Parallel läuft im Graphik-Kabinett die Schau „La Serenissima. Zeichenkunst in Venedig vom 16. bis 18. Jahrhundert“. |