Pritzker-Preis für Yvonne Farrell und Shelley McNamara  |  | Der Pritzker Prize 2020 geht an Yvonne Farrell und Shelley McNamara, den Gründerinnen von Grafton Architects | |
Die beiden irischen Architektinnen Yvonne Farrell und Shelley McNamara erhalten den diesjährigen Pritzker Prize der Hyatt Foundation in Chicago. Die Jury überzeugte vor allem „ihr unablässiges Engagement für hervorragende Architektur, ihre verantwortungsbewusste Haltung gegenüber der Umwelt, ihre Fähigkeit, kosmopolitisch zu sein und gleichzeitig die Einzigartigkeit jedes Ortes, an dem sie arbeiten, zu schätzen“. Der Juryvorsitzende Stephen Breyer begründete die Entscheidung damit, dass Farrell und McNamara bei ihrer Arbeit stets die drängenden Fragen der Menschheit im Blick hätten: „Wie bauen wir Häuser und Arbeitsorte in einer Welt, in der die Hälfte der Bevölkerung in einem urbanen Umfeld lebt und viele sich keinen Luxus leisten können?“
„Eine Architektin zu sein, ist ein großes Privileg. Diesen Preis zu gewinnen, ist eine wundervolle Bestätigung unseres Vertrauens in die Architektur“, so Farrell zur Bekanntgabe. „Es ist auch eine wunderbare Anerkennung für den Ehrgeiz und die Vision der Kunden, die uns beauftragt und es uns ermöglicht haben, unsere Gebäude zu verwirklichen“, ergänzte McNamara. „Zum Ethos unserer Arbeit gehört es, Raum für die Umsetzung von Werten wie Humanismus, Handwerk, Großzügigkeit und kultureller Verbindung zu finden. Es ist daher äußerst erfreulich, dass diese Anerkennung uns, unserer Praxis und dem Werk, das wir über viele Jahre hinweg geschaffen haben, zuteil wird.“
Farrell und McNamara haben gemeinsam 1978 in Dublin das Büro „Grafton Architects“ gegründet, dessen Bauten inzwischen vielfach preisgekrönt sind. So erhielten sie vor kurzem die Royal Gold Medal des Royal Institute of British Architects in London. 2018 kuratierte das Duo die Architektur-Biennale in Venedig. Die Architektinnen gehen den Dialog zwischen Innerem und Äußerem bewusst an, was sich in der Vermischung von öffentlichen und privaten Räumen und der Auswahl der verbauten Materialien zeigt. „Wir versuchen, uns in unserer Arbeit der verschiedenen Ebenen der Bürgerschaft bewusst zu sein und eine Architektur zu finden, die diese Beziehung untereinander ermöglicht“, veranschaulicht Farrell.
Eines der bekanntesten Werke der Architektinnen ist der Grafton-Bau der Universität Bocconi in Mailand, der 2008 vom World Architecture Festival zum „Gebäude des Jahres“ ernannt wurde. Dieser betont die Gemeinschaft zwischen den Nutzern des Gebäudes und der Stadt vor allem durch den verglasten öffentlichen Raum im Erdgeschoss, der sich im Inneren fortsetzt, und das schwebende Vordach, das den Platz darunter überdeckt und Passanten mit den Studenten in Kontakt bringt. Ähnliche Ambitionen offenbart auch ihr letztes Projekt. Die Université Toulouse 1 Capitole die das Duo im vergangenen Jahr fertiggestellt hat. Sie verfügt über gemauerte Strebepfeiler, Rampen und Höfe, die als Metaphern für die Stadt mit ihren Brücken, Mauern, Promenaden und Steintürmen stehen.
Yvonne Farrell und Shelley McNamara sind die ersten Iren, die den mit 100.000 Dollar dotierten Pritzker-Preis entgegennehmen. Die Medaille, die seit 1979 jährlich verliehen wird, gilt als die international bedeutendste Auszeichnung für Architekten. Preisträger waren unter anderem Arata Isozaki, Philip Johnson, James Stirling, Ieoh Ming Pei, Richard Meier, Hans Hollein, Frank O. Gehry, Aldo Rossi, Renzo Piano, Norman Foster, Rem Koolhaas, Zaha Hadid, Richard Rogers, Peter Zumthor sowie als bislang einzige Deutsche 1986 Gottfried Böhm und 2015 posthum Frei Otto. |