 |  | Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland | |
Sie hatte mit einigen Geburtswehen zu kämpfen, die Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, die am vergangenen Mittwoch in Bonn ihr 10jähriges Bestehen feierte. Als die ersten Ideen zu einem solchen Haus laut wurden, sahen die Länder ihre Kulturhoheit angegriffen. Vor allem Bayern und Nordrhein-Westfalen sprachen sich zunächst gegen diese Einrichtung des Bundes aus. Und als am 17. Oktober 1989 der Grundstein zum Bau der Bundeskunsthalle gelegt wurde, konnte niemand ahnen, dass einen Monat später die Mauer fallen würde. Somit war ziemlich schnell klar, dass Bonn nicht mehr allzu lange alleinige Hauptstadt der Deutschen bleiben würde. Die Diskussion um die Realisierung der Ausstellungshalle unter diesen veränderten politischen Perspektiven entfachte wieder.
Und obwohl am 28. Februar 1990 das Bundeskabinett beschloss, den begonnen Bau in Bonn zu Ende zu führen, schrieb die „Zeit“ im März 1992 kurz vor der Eröffnung des Museums noch: „Alle Wortgirlanden können nicht verdecken, daß es schon jetzt etwas Anachronistisches, ja Absurdes hat, in Bonn noch so aufzutrumpfen ... Der Optimismus der Bauministerin und des Kunsthallen-Direktors gehört zu jener Gesundbeterei, mit der Bonn über seine wahren Zukunftsaussichten getäuscht wird“.
Jetzt, nach 10jähriger Arbeit mit mehr als 100 Ausstellungen in eigener Regie und 4600 Fremdveranstaltungen, will der Bundeskunsthalle niemand mehr den Erfolg absprechen. Insgesamt kamen 7 Millionen Menschen ins Haus. Das bisherige Rekordjahr war 2001 mit einer Besucherzahl von gut 1,1 Millionen. Das lag vor allem an der Anziehungskraft der Troia-Schau. Heuer wird man diesen Wert sicherlich noch übertreffen. Denn in den ersten fünf Monaten kamen bisher schon 900.000 Besucher in die Bundeskunsthalle. Die Museumspädagogik führte 26.000 Gruppen durch die Kunsthalle und gestaltete 1.700 Workshops für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Grund für den regen Zuspruch ist die Qualität und Vielfalt der Veranstaltungen. Die gesamte Kultur- und Wissensgeschichte ist Thema, gegliedert nach „Grosse Sammlungen und Museen der Welt“, „Monografischen Ausstellungen“, „Wissenschaftsausstellungen“, Kulturhistorische Ausstellungen“, „Architektur und Design, Film und Fotografie“ und „Kunststudenten stellen aus“.
So waren in Bonn die Kunstschätze des Museum of Modern Art, New York, die Eremitage und das Russische Museum aus Sankt Petersburg, das Moderna Museet aus Stockholm, das Petit Palais, Paris, oder die Vatikanischen Museen aus Rom zu Gast. Niki de Saint Phalle, Sam Francis, Gerhard Richter, Claes Oldenburg, Sigmar Polke, David Hockney und Alex Katz ehrte man mit Retrospektiven. Publikumserfolge waren die archäologischen Ausstellungen „Die Königsgräber von Sipán“, „Die Hethiter“ und „Troia“. Ökologische Fragen oder ethisch-moralische Aspekte wurden beispielsweise in „Arktis – Antarktis“ und „Gen-Welten“ erörtert und man beschäftigte sich genauso mit dem Islam, Buddhismus und Christentum, wie mit Marlene Dietrich, italienischem Design, Jürgen Klauke oder Renzo Piano.
Dass so verschiedene Veranstaltungen – dazu kommen noch die Kongresse, die Filmmusikbiennale und die Theater-, Ballett- und Opernaufführungen im Forum – unter einem Dach stattfinden können, ist mit der Verdienst des österreichischen Architekten Gustav Peichl, der 1986 als Sieger aus dem Architekturwettbewerb hervorging. Geschaffen hat er auf quadratischem Grundriss von 96 Metern Seitenlänge eine nach Außen schlichte, abweisende Haut, ein Schätzkästchen, das seinen wertvollen Inhalt zu bergen und verbergen sucht. Nur durch einen schmalen Zugang gelangt man ins Innere und ist von der Weite und Großzügigkeit des Raumes überrascht. Platzmangel gibt es auf den 5.600 Quadratmetern zurückhaltender Ausstellungsfläche nicht, die ein Raumangebot unterschiedlichen Charakters bieten. Und die zusätzlichen 8.000 Quadratmeter auf dem Dach beziehen die Außenwelt geschickt mit ein. Dort hat Peichl als Markenzeichen drei spitze Türme hinterlassen, die Tageslicht in die Innenräume lenken.
Nun musste die Fläche auch bespielt werden. Da die Kunst- und Ausstellungshalle keine eigene Sammlung vorzuweisen hat, ist sie auf Leihgaben anderer Häuser angewiesen und kann nicht, wie bei Museen untereinander üblich, mit Gegenleihgaben aufwarten. Dafür konstituierte man einen Programmrat, in dem auch einige Direktoren anderer deutscher und internationaler Museen sitzen, und holte sie gleich mit an Bord. Ausserdem gewann man durch Vermittlung von Johannes Cladders Pontus Hulten als Intendanten der Bundeskunsthalle, der einen ganzen Schwung von Kontakten in die Kunstszene mitbrachte. Den schwedischen Kunsthistoriker und Tausendsassa, der das Moderna Museet in Stockholm und das Centre Pompidou mit aufgebaut und im Museum of Contemporary Art in Los Angeles den Direktorenposten inne hatte, warb man dem Palazzo Grassi in Venedig ab, wo er zuletzt Chef war, und gab ihm mit Wenzel Jacob einen geschäftsführenden Direktor zur Seite.
Standen am Anfang der Idee zu einer Ausstellungshalle des Bundes föderale Bedenken der Länder in Raum, ist sie - seitdem Berlin Hauptstadt ist - vielmehr ein Zeichen des Föderalismus. Untersuchungen zur Besucherstruktur ergaben, dass etwa 40 Prozent aus Bonn und dem näheren Umfeld kommen. Der Rest reist aus weiterer Distanz und aus den Benelux-Ländern und Frankreich an. Zwar fliesst auch nicht mehr soviel Geld aus Berlin in die Bundeskunsthalle. Der Bund schiesst in diesem Jahr rund 7 Millionen Euro zu. Mit einem Gesamtetat von 15 Millionen Euro - darin sind ein eigen erwirtschafteter Anteil von 5,7 Millionen Euro enthalten – hat die Bundeskunsthalle ein finanzielles Polster ohnegleichen. Somit bestreit sie 35 Prozent ihres Haushaltes selbst. Das lässt sich bei einem Haus dieser Größe bundesweit nicht so schnell einholen. Dazu tragen die spektakulären Ausstellungen, aber vor allem auch die Open-air-Veranstaltungen mit Stars wie Joe Cocker, Diana Ross, Rod Stewart oder Den Ärzten auf dem Platz vor der Kunsthalle bei.
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