Berlin schaut auf die Architektur der 80er Jahre  |  | Manfred Prasser, Dieter Banker und Walter Schwarz, Friedrichstadt-Palast, kurz nach seiner Eröffnung im Jahr 1984 | |
Die Berlinische Galerie öffnet ab diesem Wochenende wieder ihre Türen und heißt die Gäste unter anderem mit der groß angelegten Schau „Anything Goes“ zur Architektur der 1980er Jahre willkommen. Baukunst in der geteilten deutschen Hauptstadt war in hohem Maße Ausdrucksmittel eines Systemwettbewerbs. Bei allen Unterschieden kämpften der Westen genauso wie der Osten im Vorwendejahrzehnt gegen die selben Probleme: Wohnungsnot, Bewältigung der Stadtreparatur, Überwindung der versteinerten Trostlosigkeit und der kubischen Monotonie in Großsiedlungen der 1970er Jahre. Erstaunlicherweise wurde in beiden Stadthälften bei der Behebung dieser Mängel auf die Postmoderne zurückgegriffen. Hier wie dort interpretierte man auf eigene Weise das unernste Spiel mit Versatzstücken aus der Baugeschichte. Die Schnelllebigkeit der Architektur führte inzwischen zu Verlusten: 2013 wurde eine Wohnanlage am Lützowplatz von Oswald Mathias Ungers abgerissen; im Ostteil wichen die Friedrichstadt-Passagen bereits 1991 den Baggern.
Einen Überblick zu den Problemlösungen im Baugeschehen gaben bereits 1987 zwei Ausstellungen anlässlich der Feiern zum 750jährigen Stadtjubiläum. Die Hauptstadt Ost-Berlin als ein Ort, in dem die nationale Identität greifbar verwurzelt sein sollte, katapultierte die Baupolitik zum Staatsereignis. So zeigte die Bauausstellung der DDR historisierende Plattenbaumodule. Die typisierten, seriell gefertigten, „gehübschten“ Platten kamen etwa im neohistorischen Altstadtquartier Nikolaiviertel (1980-1987) oder beim Friedrichstadt-Palast (1981-1984) zum Einsatz. Dieser von Manfred Prasser entworfene, aus Betonfertigteilen verkleidete Vergnügungstempel sollte Heiterkeit und Lebensfreude vorspielen; er gilt als Triumph des „DDR-Historismus“ und wurde im vergangenen Jahr in die Denkmalliste aufgenommen.
Im Westen dagegen agierte die von Josef Paul Kleihues geleitete Internationale Bauausstellung IBA im Sinne einer behutsamen Stadterneuerung unter den Vorzeichen einer „Kritischen Rekonstruktion“. Neben vielen Wohnzeilen und neuartigen „Stadtvillen“ gilt das von James Stirling bis 1988 realisierte neue Wissenschaftszentrum für Sozialforschung als Vorzeigeprojekt. Es ist eine City im Kleinformal aus abstrakten historischen Versatzstücken in bonbonfarbenem Kolorit. Analog plante Aldo Rossi für das Deutsche Historische Museum eine Museumsstadt mit Verweisen auf die Berliner Architekturtradition. Doch mit der Wiedervereinigung wurde das Projekt obsolet, und der Dekonstruktivismus spiegelte fortan das zerbrochene Weltgerüst.
Kuratorin Ursula Müller stellt mit Originalmodellen, Fotografien, Zeichnungen und Pläne Projekte von rund 40 Architekten vor, darunter von Raimund Abraham, Peter Eisenman, Arata Isozaki, Michael Kny, Robert Venturi oder Myra Warhaftig. In einer einzigartigen Dichte an einem Ort gebündelt, führen sie die Strömungen der 1980er Jahre vor Augen. Installationen der Künstlerin Isa Melsheimer und der Gruppe Guerilla Architects bieten eine zeitgenössische Perspektive auf die präsentierten postmodernen Bauten. Audiowalks mit Hörspaziergängen durch die Stadt, ein umfangreiches Filmprogramm, eine Online-Kampagne sowie ein lesenswerter, reich bebilderter Katalog, der mit seinen fundierten Beiträgen ein umfassendes Hintergrundbild der damaligen Konstellationen vermittelt, begleiten die Schau.
Die Ausstellung „Anything Goes – Berliner Architekturen der 1980er Jahre“ ist bis zum 16. August zu sehen. Die Berlinische Galerie hat täglich außer dienstags von 10 bis 18 Uhr unter Einhaltung der aktuellen Abstands- und Hygienemaßnahmen geöffnet. Voraussetzung für den Besuch ist die Buchung eines Zeitfenstertickets. Der Eintritt beträgt 10 Euro, ermäßigt 7 Euro. Zur Ausstellung ist ein umfangreicher Katalog im Kerber Verlag erschienen, der im Museum 29,80 Euro, im Buchhandel 45 Euro kostet.
Berlinische Galerie
Alte Jakobstraße 124-128
D-10969 Berlin
Telefon: +49 (0)30 – 78 902 600
Telefax: +49 (0)30 – 78 902 700 |