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Marktberichte

Aktuellzum Archiv:Auktions-Vorbericht

Die Auswahl an Druckgrafik bei Bassenge in Berlin ist wieder umfangreich und qualitätvoll und führt die Meisterschaft dieser Gattung von der Spätgotik bis ins frühe 20. Jahrhundert vor Augen

Erste Versuche und ungelöste Geheimnisse



Albrecht Dürer,  Die Melancholie (Melencolia I), 1514

Albrecht Dürer, Die Melancholie (Melencolia I), 1514

Bis heute gibt sie der kunsthistorischen Forschung Rätsel auf, die nachdenklich auf einer Steinbank sitzende und geflügelte Dame, die ihren Kopf aufgestützt hält und schwermütig vor sich hinbrütet. Albrecht Dürer nannte sie treffend „Melencolia“. Doch was sein Kupferstich aus dem Jahr 1514 alles aussagen will, ist an der Fülle der symbolischen Gegenstände nicht einfach ablesbar. Einige Forscher gehen davon aus, in der berühmten Allegorie ein verstecktes Selbstbildnis des Künstlers zu sehen. Brachte doch Dürer die seit der Antike bestehende Charakterisierung der negativ besetzten Trübsal mit intellektueller Kreativität in Verbindung und schuf so ein neues Künstlerbild: Genialität und Melancholie bedingen sich gegenseitig. Doch nicht nur der mystisch verklärte Symbolcharakter macht Dürers Werk so interessant, sondern auch dessen virtuose Ausführung in technischer Meisterschaft. Für einen harmonischen kräftigen Abzug des zweiten Zustands, in dem schon die Ziffer 9 auf der magischen Tafel richtiggestellt und der daher in die Mitte der 1520er Jahre zu datieren ist, fordert Bassenge nun 120.000 Euro und liegt angesichts von Werten aus den letzten Jahren bis zu 160.000 Euro für diese Druckqualität nicht zu hoch.


Weitere Kupferstiche und Holzschnitte Albrecht Dürers flankieren dieses berühmte Blatt. Herausragend sind dabei das vor 1500 gedruckte „Meerwunder“, das mit der Aktfigur nach antiker Mythologie auch „Der Raub der Amymone“ genannt wird, in einem schönen Exemplar für 60.000 Euro und „Der Gewalttätige“, mit dem Dürer das Thema des Liebespaares im Garten auf drastische Weise als junge verheiratete Frau und personifizierten Tod paraphrasiert. Entstanden um 1495, gilt er als der früheste Kupferstich Dürers und will 25.000 Euro sehen. Die übrigen Blätter des Nürnbergers liegen meist im vierstelligen Bereich, etwa die beiden „Apokalypse“-Holzschnitte „Marter des Evangelisten Johannes“ und „Lobgesang der Auserwählten im Himmel“ für jeweils 3.000 Euro oder der Kupferstich „Die sechs Kriegsleute“ um 1495/96 für 4.500 Euro. In die Fünfsteilligkeit ragen dann noch die ebenfalls symbolschwangere Eisenradierung „Der sogenannte Verzweifelnde“ um 1515 für 12.000 Euro und der unübertroffen detailreiche Kupferstich des heiligen Hubertus von etwa 1501 zum Doppelten hinein.

Druckgraphik Alter Meister

Albrecht Dürer tritt dann nicht nur verklausuliert, sondern auch in persona in langer Lockenmähne, Bart und pelzverbrämten Mantel in einem Kupferstich Lucas Kilians nach Hans Rottenhammer um 1608 in Erscheinung (Taxe 3.500 EUR). An früherer Portraitkunst listet der Katalog zur Auktion „Druckgraphik des 15. bis 19. Jahrhunderts“ noch Erhard Schöns eindrucksvollen Holzschnitt mit dem berühmten genuesischen Seehelden Andrea Doria im klassischen Profil und altem Kolorit von 1532 (Taxe 3.000 EUR). Ein militärischer Nachfolger Dorias war der 1619 in Prag geborene Ruprecht von der Pfalz aus dem Hause der Wittelsbacher, der Generalissimus aller englischen Armeen war und als Lord High Admiral auch die königliche Flotte leitete. Er war aber auch den schönen Künsten zugeneigt und trug etwa zur Verbreitung der Schabkunst in England bei. In dieser Technik führte Ruprecht das kleine Brustbild eines nach unten blickenden Mädchens mit Turban aus, von dem nur zwei weitere Abzüge bekannt sind (Taxe 3.000 EUR).

Noch vor Dürer war Martin Schongauers Einfluss auf die Kunst umfassend; er darf als erster „Weltstar“ der Grafik gelten. Davon zeugen bei Bassenge fünf biblische Kupferstiche, unter denen Schongauer mit dem um 1470 entstandenen „Tod Mariens“ ein frühes Bravourstück in dem noch jungen Medium vorgelegt hat (Taxe 7.500 EUR). Ein klassisches Renaissance-Thema behandelte Francesco Mazzola, der eher unter seinem Beinamen Parmigianino bekannt ist, in dem delikaten, zweifarbigen Clair-obscur-Holzschnitt „Die Madonna mit dem Kind“ (Taxe 4.500 EUR). Mit ihren betonten, oft gedrehten Köperformen weisen die vielen Götter in den Wolken bei der „Hochzeit von Amor und Psyche“ schon in den Manierismus; für seinen seltenen Kupferstich nach Bartholomäus Spranger musste Hendrick Goltzius 1587 wegen der Breite von 85 Zentimetern drei Platten aufwenden. Ein ungewöhnlich großes Blatt ist gleichfalls die kolorierte Radierung „Frauen im Bade“, in der sich Jean Mignon, ein Künstler aus der Schule von Fontainebleau, auf eine Vorlage von Luca Penni berufen und eine elegante Schau der Entblößung inszeniert hat (Taxe je 15.000 EUR).

Hauptkünstler der Barockzeit ist Rembrandt, allein schon wegen seiner hohen Anzahl von 21 Positionen. Darunter befinden sich etwa die neutestamentlichen Nachtstücke „Die Verkündigung an die Hirten“ von 1634 (Taxe 6.000 EUR) und „Die Flucht nach Ägypten“ von 1651 (Taxe 4.000 EUR), die weite Landschaft „Ansicht von Amsterdam“ um 1640 (Taxe 12.000 EUR) oder das stille Portrait „Rembrandts Mutter mit schwarzem Schleier“ um 1631 (Taxe 4.500 EUR). Auf Hell-Dunkel-Effekte setzte auch Paulus Pontius, um sein Zweipersonenstück „Die alte Frau mit der Kerze“ nach Peter Paul Rubens wirkungsvoll auszuleuchten (Taxe 1.200 EUR). Über Georg Degler ist wenig bekannt, ansprechend aber seine braun-schwarze Radierung „Memento mori“ von 1660 mit einem Totenkopf, aus dem eine Schlange kriecht, und einem verglimmenden Wachsdocht, mit dem der gebürtige Weilheimer sich der brocken Todessehnsucht hingab (Taxe 2.400 EUR). Mehr Diesseitsfreude spricht aus Nicolaas Verkolje malerischem Mezzotinto-Blatt „Der weiße Hund“, der sich auf einem Stuhl aufmerksam einer Sache außerhalb der Darstellung zuwendet (Taxe 1.200 EUR). Magdalena van de Passe war eine der wenigen grafischen Künstlerinnen des 17. Jahrhundert. Ausgebildet von ihrem Vater Crispijn van de Passe d.Ä. und eingebunden in den Familienbetrieb, schuf sie die vierteilige Radierfolge mit Szenen der Geschichte des Propheten Elija nach Roelant Savery und Adam Willaerts als detailreiche und feine Landschaften (Taxe 3.000 EUR).

Druckgraphik des 18. Jahrhunderts

Preislich stehen auch bei der Druckgrafik des 18. Jahrhunderts die bekannten Namen an der Spitze. Da sind zunächst zwei der bekannten Dresden-Ansichten von Bernardo Bellotto: Die „Vue de la Place de la ville-neuve de Dresden“ von 1750 soll 7.500 Euro kosten, die „Vue de la Grande Place du Vieux Marché“ von 1752 nochmals 500 Euro mehr. Bis zu diesen Werten rücken zudem Giovanni Battista Piranesis Frühdrucke aus der Folge „Carceri d’invenzione“ in der dafür üblichen helleren Gesamtwirkung auf: „Der Bogen mit dem Muschelornament“ auf 6.000 Euro, „Der Pfeiler mit den Ketten“ im ersten Zustand auf 4.000 Euro und „Der Treppenaufgang mit den Trophäen“ auf 8.000 Euro.

Der Katalog listet aber auch einige ausgefallene Werke, etwa die karikierende Radierung „Ein Scharlatan rühmt sein als Antidot angepriesenes Heilmittel“ des französischen Amateurkünstlers Joseph François Foulquier von 1776 (Taxe 1.200 EUR) oder Johann Friedrich Bolts kleines intimes Selbstbildnis in Schabkunst von 1799 (Taxe 900 EUR). Ab September 1781 begab sich der russische Großfürst Paul Petrowitsch gemeinsam mit seiner Gattin Maria Fjodorowna auf Grand Tour nach Westeuropa und besuchte im Januar 1782 Venedig und den Karneval. Ihnen zu Ehren wurde am 22. Januar ein Bankett im prächtig geschmückten Teatro San Benedetto ausgerichtet. Den Pomp jener Feier und das begeisterte neugierige Publikum hielt Antonio Baratti mit zahlreichen anekdotischen Details noch im selben Jahr nach einer Vorzeichnung Giovanni Battista Canals fest (Taxe 2.400 EUR).

Druckgraphik des 19. Jahrhunderts

Einen starken, wenn auch nicht hochpreisigen Auftritt hat im Kapitel des 19. Jahrhunderts die Portraitgrafik. Ferdinand Piloty d.Ä. lithografierte um 1813 die Töchter des bayrischen Königs Max I. Joseph nach zeichnerischen Vorlagen Josef Karl Stielers. Den sechs charmanten Blättern sind über hundert weitere Lithografien und Kupferstiche des 18. und 19. Jahrhunderts in einem Album beigebunden, die alle zusammen 4.000 Euro einbringen sollen. Romantisch empfunden ist Johann Adam Kleins Radierung „Der Landschaftsmahler auf der Reise“, in der er 1814 seinen Nürnberger Gefährten Johann Jakob Kirchner am Ufer der Donau rauchend und zeichnend verewigte (Taxe 600 EUR). Zu dieser Bewertung treten gleichfalls die dem Realismus verpflichteten Portraits „Bauernbursche mit Krug“ und „Brustbildnis einer Bäuerin mit kartiertem Hemd“ von Wilhelm Leibl aus der Mitte der 1870er Jahre an. Dann gibt es etwa noch Loÿs Delteils Freundschaftsbild seines Kollegen Paul Renouard beim Radieren vom 1898 (Taxe 400 EUR) oder Jean-François Raffaëllis Selbstbildnis beim konzentrierten Malen vor der Staffelei von 1895 (Taxe 750 EUR).

Monumental hob Otto Greiner 1914 seinen Mitstreiter Max Klinger frontal ins Bild (Taxe 2.400 EUR). Klinger steuert zwei eigenhändige Portraits von sich bei, das „Selbstbildnis von vorn mit auf die geballte Hand gestütztem Kopf“ von 1918 für 1.500 Euro und die fünf Jahre ältere Aquatintaradierung „Der Künstler in der Dachstube“ für 2.400 Euro. Daneben verzeichnet die Auktion weitere Grafiken des Leipziger Symbolisten, darunter Klingers ersten Radierversuch „Die Sphinx“ in einer kargen Berglandschaft von 1878, den Bassenge als „das einzige im Handel verfügbare Exemplar von allergrößter Seltenheit“ für 12.000 Euro anpreist. Symbolistisch bleibt es unter anderem mit James Ensors bekannter Kaltnadelradierung „La Cathedrale“ von 1886 und der gleichaltrigen an Rembrandt erinnernden Figurenszene „Iston, Pouffamatus ... examinant les Selles de Darius“ mit eigenhändiger Widmung an Henry van de Velde (Taxe je 2.400 EUR) oder den beiden aus dem nebulösen dunklen Nichts auftauchenden Selbstbildnissen von Hermann Sandkuhl (Taxe 400 EUR) und Richard Winckel von 1904 unter dem Titel „Prosit“ (Taxe 350 EUR).

Von Innigkeit und Wärme zeugt Jan Toorops liebevolle Radierung seiner Tochter „Charley Voor Het Raam“, also „Charley vor dem Fenster“, aus dem Jahr 1902 (Taxe 3.200 EUR). Mit seinen fantastisch-visionären Schöpfungen gilt Rodolphe Bresdin als ein Vorläufer der Surrealisten; auch sein undurchdringliches Dickicht aus Büschen und Bäumen mit knorrigem Geäst sowie Affen, Eulen, Fledermäusen und anderen Lebewesen lässt seine Lithografie mit dem biblischen Thema „Le bon Samaritain“ von 1861 zwischen Traum und Alptraum oszillieren (Taxe 6.000 EUR). Im französischen Kulturkreis bleibt es mit Eugène Delacroix’ orientalischer Wüstenszene der lagernden „Arabes d’Oran“ von 1833 (Taxe 4.000 EUR). Teuerster Posten bei 19. Jahrhundert sind die zwölf romantischen Illustrationen zu Goethes Faust von Peter Cornelius, die 1816 von Ferdinand Ruscheweyh und Julius Thaeter gestochen wurden und bei Bassenge in der ersten Auflage für marktgerechte 15.000 Euro vorliegen.

Die Auktion „Druckgraphik des 15 bis 19. Jahrhunderts“ beginnt am 9. Juni um 10 Uhr. Die Vorbesichtigung ist bis zum 7. Juni täglich von 10 bis 18 Uhr, am 8. Juni von 10 bis 15 Uhr möglich. Aufgrund der aktuellen Corona-Einschränkungen bittet Bassenge um vorherige Anmeldung. Der Internetkatalog listet die Objekte unter www.bassenge.com.

Kontakt:

Galerie Bassenge

Erdener Straße 5a

DE-14193 Berlin

Telefon:+49 (030) 893 80 290

Telefax:+49 (030) 891 80 25

E-Mail: info@bassenge.com

Startseite: www.bassenge.com



06.06.2021

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Ulrich Raphael Firsching

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