 |  | Albrecht Dürer, Kopf eines Walrosses, 1521 | |
Albrecht Dürer reiste zeitlebens. Er war es gewohnt, viel unterwegs zu sein. Dabei wollte er neue künstlerische Entwicklungen studieren, sich Inspiration holen, vor allem aber den Vertrieb seiner Druckgrafiken organisieren. Denn das Ausnahmetalent der deutschen Renaissancekunst besaß einen starken Geschäftssinn. Dieser monetäre Aspekt war ein entscheidender, wenn auch nicht alleiniger Anlass für die letzte große Reise des seinerzeit fast 50jährigen, dessen internationale Reputation schon längst gefestigt war. Denn nach dem Ableben Kaiser Maximilians I. im Jahr 1519 weigerte sich Nürnberg, die vom Herrscher zulasten der Stadtkasse zugebilligte jährliche Leibrente von 100 Gulden auszuzahlen, ehe der neue Regent dieses Privileg nicht bestätigt hatte. Karl V. wurde am 23. Oktober 1520 in Aachen zum römisch-deutschen König unter Beisein Dürers gekrönt. Kurz nach der Krönung wurde Dürers Leibrente bestätigt, auch dank vorheriger intensiver Kontaktpflege im höfischen Umfeld.
Als ideales Basisquartier bot sich dem Maler Antwerpen an, das er am 2. August 1520 erreichte. Von hier aus unternahm Dürer zahlreiche Abstecher nach Brüssel, Brügge, Gent oder Mechelen. Aachen besuchte er auf der Rückreise nach Nürnberg im Juli 1521 sogar zum zweiten Mal. Diese Ereignisse bilden den Hintergrund einer Ausstellung im Aachener Suermondt-Ludwig-Museum, die die gesamte Reise, den künstlerischen Ertrag und die Wirkungsgeschichte am Beispiel erlesener Grafiken und Gemälde bilanziert. Analog dazu dokumentiert ein fast fünf Kilogramm schwerer, nicht nur physisch gewichtiger, 680 Seiten umfassender Begleitkatalog alle 264 in Aachen und im Anschluss in London präsentierten Arbeiten. Dieser Prachtband, zugleich als Höhepunkt zum 25jährigen Jubiläum des Michael Imhof Verlags angelegt, stellt in 26 erkenntnisreichen Beiträgen den aktuellen Stand der Forschung vor. Was für ein Glück, dass das in sieben Jahren vorbereitete Megaprojekt mit internationalen Leihgaben aus fast 70 Sammlungen trotz Lockdown nun doch noch während des 500jährigen Jubiläums starten konnte.
Basis des Vorhabens bildete die in zwei Abschriften nebst zwei originalen Blättern erhaltene Dokumentation der Reise in der Form eines Tagebuchs. Gesprächspartner, ausgeführte Arbeiten, Speisen oder Ausgaben hielt Albrecht Dürer detailliert fest. Penibel rechnete er Gaben und Gegengaben auf. Unter dem Strich bilanzierte er keinen Gewinn, sondern sogar Einbußen. Seine Frau wurde bestohlen, er selbst geriet einmal in Seenot und zog sich eine malariaähnliche Krankheit zu, von der er sich nie mehr erholte. So gehen dann Werkschau und Publikation unter dem Titel „Dürer war hier“ weit über rein künstlerische Aspekte hinaus. Vor allem Zeichnungen dokumentieren die vielen Blickwinkel. In den Niederlanden schuf Dürer davon weit mehr als üblich und in verschiedenen Techniken wie Silberstift, Bleistift, Kreide, Kohle, Feder sowie einige Aquarelle. Etwa 140 sind im Tagebuch gelistet, ein elementarer Korpus von insgesamt rund 1000 nachweislich geschaffenen Blättern.
Mit Portraits zu Ansehen und Geld
Hauptsächlich Bildnisse, Natur-, Tier- und Stadtansichten sind darunter. In Aachen richtete Dürer seine Aufmerksamkeit besonders auf architektonische Details, wie Silberstiftzeichnungen vom Rathaus oder dem Marienmünster mit den hier eingebauten antiken Spolien zeigen. Daneben beflügelte ihn das müßiggängerische Badeleben jenseits ehelicher Kontrolle. 1520 skizzierte er den Hafen Antwerpens beim Scheldetor. Den für gewöhnlich betriebsamem Anlegeplatz hielt Dürer eher als melancholisches Idyll fest. Nur knapp wird das Verladen der Fracht angedeutet. Die flämische Handelsstadt galt als Tor zur Welt. In dem internationalen Umschlag- und Austauschort von Vorstellungen und Ideen faszinierten den Meister exotische Trachten ebenso wie fremde Tiere. Der „Kopf eines Wahlrosses“ gilt als beredtes Zeichen und Krönung seines Scharfblicks.
Vor allem aber schuf er viele Bildnisse. Dokumentiert sind 80 Porträtzeichnungen von teils eindrucksvoller Größe, die insbesondere der Einkommenssicherung dienten. Kaufleute, Höflinge, Adelige oder Kollegen empfingen Zeichnungen oft als Entlohnung oder als Mittel der Beziehungspflege. Das gezeichnete Porträt als eigenständiges Kunstwerk, mit dem er sich ein Alleinstellungsmerkmal am Markt eroberte, verhalf Albrecht Dürer zur Geltung. Sein Talent erstarkte beim Bestreben, die Modelle durch Einbinden von Charakterzügen, wie Bescheidenheit, Schüchternheit, Arroganz oder Emotionen, lebendig werden zu lassen. Dies erreichte er beispielsweise durch unübertroffene Eleganz bei der Wiedergabe von Frisuren, zurückhaltenden Einsatz von Schraffuren sowie durch das vielfältige Repertoire beim Inszenieren von Posen, Licht und Stimmungen. Mehrere Federzeichnungen dokumentieren in Aachen, wie besessen er ein Gemälde mit Maria und dem Christuskind vorbereitete, vermutlich ein nie realisierter Auftrag der Herzogin Margarete von Österreich, Statthalterin der habsburgischen Niederlande, die Dürer mehrfach traf. Einige Ideen und Skizzen fertige er später weiter aus, etwa das 1526 in Nürnberg vollendete Kupferstichporträt des Humanisten Erasmus von Rotterdam.
Glanzstück unter den wenigen auf der Reise gefertigten Gemälden ist das Halbfigurenbildnis des heiligen Hieronymus im Studierzimmer. Konzipiert als Geschenk für einen portugiesischen Kaufmann und Freund, fasziniert der in Nahsicht nach einem lebenden 93jährigen Modell illustrierte, mit direktem offenem Blick vorgestellte Heilige durch intensive Interaktion mit dem Betrachter. Die rechte Hand an den Kopf geführt und mit der linken den Fingerzeig auf den Totenschädel als Symbol der Buße und Vergänglichkeit gerichtet, folgt der Ausdruck humanistischer Frömmigkeit einem neuen ikonografischen Konzept, was vor allem der Verzicht auf den Kardinalshut unterstreicht. Die enorme Wirkungsgeschichte dieser Arbeit unterstreichen viele Kopien und serielle Reproduktionen.
Gerade noch rechtzeitig verließ der Reformationsanhänger Dürer Antwerpen, bevor die Vernichtungswelle protestantischer Schriften anlief und Parteigänger Martin Luthers festgenommen wurden. Kurz darauf wurde auch Nürnberg im Jahr 1525 protestantisch. Was blieb, war die Festigung der Berühmtheit des Meisters aus Nürnberg. Denn Dürers weit verbreitete, in technischer und künstlerischer Hinsicht überragende Kupferstiche und Holzschnitte dienten bereits vor seiner Reise Malern und Bildhauern als Vorlage.
Dabei griff Albrecht Dürer auf dem Gipfel seines Schaffens weniger innovative Impulse auf, wie es etwa nach der Rückkehr von seiner 1496 unternommen Venedig-Tour der Fall war. Die künstlerischen Neuerungen der Niederlande ließ er links liegen und malte bewusst traditionsbezogener. Dialoge mit Werken anderer bedeutender Künstler wie Lucas van Leyden, Jan Gossaert oder Dirk Jakobsz Vellert unterstreichen in der Ausstellung Nachhall und Einfluss seiner Bildfindungen in den Niederlanden. Dies gilt vor allem für den „Großen Kalvarienberg“, der über 100 Jahre danach Basis für neue Werke, Kopien oder Modulationen bildete. In den drei Jahrzehnten nach seinem Besuch entwickelte sich Antwerpen zu einem Grafikzentrum von Weltrang. Außerordentlich rasant belebte sich nach 1520 hier die Produktion. Viele Künstler begannen nun damit, wie Dürer ihre Werke mit einem Monogramm und einer Datierung zu versehen. Der Weg zum autonomen, individuell geprägten Künstlertum, ja zur Markenbildung, setzte sich mit großer Macht fort.
Die Ausstellung „Dürer war hier. Eine Reise wird Legende“ ist bis zum 24. Oktober zu sehen. Das Suermondt-Ludwig-Museum hat täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr, donnerstags zusätzlich bis 20 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist nur mit vorheriger Ticketbuchung möglich und beträgt 6 Euro, ermäßigt 4 Euro. Zu empfehlen ist der im Michael Imhof Verlag erschienene Begleitkatalog zur Ausstellung, der im Museum 39 Euro, im Buchhandel mit Subskriptionspreis bis zum 31. Dezember 49,95 Euro, danach 69 Euro kostet. |