Zum Tod von Richard Rogers  |  | Der Architekt Richard Rogers ist gestorben | |
Richard Rogers ist tot. Der weltbekannte Baumeister und Pritzker-Preisträger starb am Samstagabend im Alter von 88 Jahren in London. Rogers revolutionierte die modernde Architektur als Vertreter der „High-Tech“-Bewegung, als deren Markenzeichen Glas- und Stahlstrukturen sowie freiliegende Rohrleitungen gelten. 1977 wurde er durch seinen gemeinsam mit Renzo Piano erarbeiteten Entwurf für das Centre Pompidou in Paris international bekannt. Das Bauwerk vereint bereits die charakteristischen Stilmittel des Briten: leuchtende Farben und nach außen gekehrte Leitungssysteme. Die Rohre für Heizung, Wasser und Strom sowie Rolltreppen und Aufzüge verlaufen außen an der Fassade und begünstigen großzügige und helle Räume im Inneren des Hauses. Rogers verstand sich selbst als „Wissenschaftler und Künstler“ und die Architektur als sichtbaren Konstruktionsprozess: „Man erkennt alle Bestandteile, die Mechanik ist offengelegt.“
Außerdem konzipierte Richard Rogers Bürogebäude am Potsdamer Platz in Berlin, den Bau des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte in Straßburg, den Terminal 4 des internationalen Flughafens Barajas in Madrid sowie den „Millennium Dome“ in London. Vor drei Jahren vollendete er das „Three World Trade Center“, ein 80stöckiges Hochhaus an der Stelle der Zwillingstürme in New York. Seine Architektur war nie Selbstzweck, sondern als Ort der gesellschaftlichen Begegnung und des kulturellen Austausches gedacht. Als solches dient auch sein letztes vollendetes, erst im Februar dieses Jahres eröffnetes Bauwerk: die kleine, aber effektvolle „Richard Rogers Drawing Gallery“ im Château La Coste. In der malerischen Hügellandschaft des südfranzösischen Weinguts rund zwanzig Kilometer nördlich von Aix-en-Provence ließ er den 27 Meter langen Quader in einem orangefarbenen Stahlgerüst über einen von Bäumen bestandenen Hang schweben.
Geboren am 23. Juli 1933 in Florenz, emigrierte Richard Rogers wegen der jüdischen Herkunft seines Vaters 1938 mit der Familie nach London. Auf Grund seiner Sprachkenntnisse wurde er zum Wehrdienst nach Italien versetzt und arbeitete in seiner Freizeit im Architekturbüro seines Cousins. Obwohl er keinen Schulabschluss hatte, gelang es ihm, an einem Diplomkurs der britischen Architectural Association School in London teilzunehmen und in Yale Architektur zu studieren. Von 1963 bis 1968 betrieb Rogers mit Norman Foster, ebenfalls einem Anhänger der High-Tech“-Bewegung, sowie ihren jeweiligen Partnerinnen das Büro „Team 4“. Für ihre innovativen Konstruktionen aus Eisen, Stahl und Glas dienten den jungen Architekten die Eisenbahnprojekte des Ingenieurs Isambard Kingdom Brunel und die Gewächshäuser Joseph Paxtons als Inspiration. Als erstes Objekt baute das Team ein Haus für Rogers’ Eltern in Wimbledon, dessen transparente Glasfassade und versetzbare Innenwände eine variationsreiche Gestaltung des Innenraumes gestattet.
Nach dem weltweiten Erfolg des Centre Pompidou entwarf Rogers in England das Hauptquartier für die Versicherungsbörse Lloyd’s of London, dessen „Innenleben“ ebenfalls vor die hohe Glasfassade verlegt wurde, den Terminal 5 des Flughafens Heathrow sowie das Leadenhall Building im Finanzbezirk, das wegen seines keilförmigen Querschnittes im Volksmund „Cheesegrater“, Käsereibe, genannt wird. Bei Letzterem trug Rogers mit einer bepflanzten Anlage unter den Stelzen des erhöhten Foyers zur Begrünung der Stadt bei, deren „wuchernde“ Ausdehnung er im Hinblick auf die Umweltkrise mit Sorgen sah. In den letzten Jahren stieg Richard Rogers von seinen Bauten in technischer Maschinenoptik auf umweltfreundliche Holztürme um, deren Fassaden für die Gewinnung erneuerbarer Energien genutzt werden können.
In seinem langen Schaffen erhielt der Architekt zahlreiche renommierte Auszeichnungen, unter anderem wurde er 1991 zum Ritter geschlagen und in den Adelsstand erhoben. 2007 nahm Rogers für seine „einzigartige Interpretation der Faszination der modernen Bewegung für das Gebäude als Maschine“ den Pritzker Prize entgegen. 2000 war er der Gewinner des japanischen Praemium Imperiale im Bereich der Baukunst, und das American Institute for Architects verlieh Rogers im Jahr 2019 mit der AIA Goldmedaille eine weitere hohe architektonische Ehrung. |