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Das Museum Folkwang feiert seinen 100. Geburtstag. Die Jubiläumsschau in Essen beleuchtet die eigene Geschichte und Gegenwart durch Verbindung des Bestandes mit der Kollektion eines im Geiste verwandten Sammlers

Ein deutscher Mäzen und ein japanischer Krupp



Claude Monet, Sur le bateau (Jeunes filles en barque), 1887

Claude Monet, Sur le bateau (Jeunes filles en barque), 1887

Weltweit basiert der Fundus vieler Museen auf vormaligen privaten Kollektionen, die visionäre Schöngeister zusammentrugen. In der Gruppe prägender deutscher Kunstsammler gehört der Hagener Bankiers- und Kaufmannssohn Karl Ernst Osthaus zu den prominentesten. Seit 1897 legte sich der Millionenerbe einen respektablen Fundus von zunächst französischen Impressionisten zu, beginnend mit Pierre-Auguste Renoirs Gemälde „Lise mit dem Sonnenschirm“ aus dem Jahr 1867. Als ein Jahr später sein von Henry van de Velde gestaltetes neues Kunstmuseum in Hagen eröffnete, konnte es als erstes deutsches Haus mit einem Gemälde von Vincent van Gogh aufwarten. Erst ab 1913 rückten die Expressionisten in den Fokus des neuen Museums Folkwang, dessen aus dem Nordischen entlehnter Name mit „Volkshalle“ zu deuten ist. Ein Haus für alle, für moderne Kunst und gattungsübergreifend auch für kunstgewerbliche und naturwissenschaftliche Artefakte war Osthaus’ Idee, mit der er seiner Zeit weit voraus war.


Nach seinem frühen Tod im Jahr 1921 bildete sich im 50 Kilometer entfernten Essen rasch ein Verbund aus Stadt und Unternehmen, um die geforderte Kaufsumme von 15 Millionen Mark für seine renommierte Sammlung zusammenzubringen. Dieser Stifterkreis, in dem das Rheinisch-Westfälische Kohlen-Syndikat den größten Anteil von sechs Millionen Mark aufbrachte, ging im Juni 1922 in den Folkwang-Museumsverein auf. Bis jetzt fördern die Nachfolgeunternehmen wie RWE, RAG-Stiftung und Evonik Industries das nach Essen transferierte, mit dem vormaligen städtischen Kunstmuseum vereinte und am 29. Oktober 1922 eröffnete Museum Folkwang.

Die Geschichte des Hauses in einen internationalen Kontext zu stellen, ist die Absicht der aktuellen Jubiläumsschau. Dazu kooperiert sie mit einer Kollektion in vergleichbarer Ausrichtung, Geschichte und Biografie eines Mäzens. Idealerweise bot sich der 1866 geborene japanische Schiffbauunternehmer Kojiro Matsukata an. Ebenfalls aus einem industriellen Umfeld heraus entwickelte er eine Leidenschaft für Kunst. Seine Ansichten über den Beginn der Moderne mit den französischen Impressionisten deckten sich dabei mit den Ideen Osthaus’. Von 1916 bis 1927 trug Matsukata über 3.000 Werke von erlesener Qualität zusammen, um als Anschauungsmaterial für Japaner die Seele Europas, den Geist und die Psychologie westlicher Kultur zu erkunden.

Die Museumspläne Kojiro Matsukatas kamen leider nicht zur Ausführung. Durch Beschlagnahmungen und Veräußerungen in großen Teilen global zerstreut, zuweilen auch vernichtet, bilden dennoch über 400 Werke dieses Fundus den Kernbestand des National Museum of Western Art in Tokio. So wartet nun das Museum Folkwang mit einem dialogischen Gang durch die Geschichte zweier hochkarätiger, von ähnlichem Geist geprägter Kollektionen auf. Von den rund 120 Exponaten stammen 60 aus der Osthausschen Sammlung und 46 aus der Matsukatas, ergänzt durch Leihgaben aus internationalen Museen und von drei zeitgenössischen Positionen.

Zwei Porträts am Beginn des Parcours stellen die in Kunstfragen vereinten, unternehmerisch aber divergierenden Persönlichkeiten vor. Während Ida Gerhardi Karl Ernst Osthaus in aktiver Pose vor einem Bücherregal auf einem Tisch mit Schriften und Zeichnungen gestützt illustrierte, hielt Frank Brangwyn den Japaner im Sessel beim entspannten Pfeiferauchen als Unternehmenspatriarch fest. Claude Monets heitere Stimmung „Im Boot (Junge Mädchen im Ruderboot)“ von 1887 leitet in strahlend blauem, wässrig verschwommenem Kolorit als erster programmatischer und visueller Höhepunkt den Reigen herausragender „Postkartenbilder“ der Impressionisten ein. Weitere erlesene Gemälde von Monet, Edouard Manet, Camille Pissarro oder Théo van Rysselberghe schließen sich an. Hinter Pierre-Auguste Renoirs großformatiger „Lise mit dem Sonnenschirm“ öffnet sich Auguste Rodins „Höllentor“ in einer fulminanten Inszenierung aus mehreren damit in Verbindung stehenden Klein- und Großplastiken. Matsukata baute eine der größten privaten Rodin-Sammlungen auf, und auch Osthaus tätigte eine Reihe von Erwerbungen bei seinen Besuchen im Pariser Atelier des Bilderhauers.

Die hohe Wertschätzung japanischer Kunst in Europa nach Öffnung des Landes zum Westen bot Künstlern und Sammlern Anregungen und neue Sichtweisen. Von Osthaus erworbene Grafiken, insbesondere Farbholzschnitte, Bilder, Keramiken oder Hängerollen avancierten rasch zu einem Schwerpunkt in seinem Museum. Andererseits erwarb Matsukata tausende japanische Holzschnitte aus Europa zurück, um zur Wertschätzung der eigenen Kunst anzuregen. Zugleich besuchte er auf seinen Europa-Reisen bedeutende Künstler, allen voran Monet, von dem er allein 34 Ölgemälde erstand. Trotz vieler missbilligender Kritiken entwickelte sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts rasch ein Markt für den Impressionismus, in dem Osthaus, als auch Matsukata kräftig mitmischten.

Zu den bewegenden raumgreifenden Inszenierungen der Schau gehört die Teilrekonstruktion des großen Bildersaales im Hagener Museum Folkwang. Beidseitig eines historischen Großfotos finden sich kongenial angeordnete Werke und verdeutlichen die Konzeption des Hauses als Gesamtkunstwerk. Auf dem historischen Foto ist auch Paul Signacs einzigartiges Gemälde „Der Hafen von Saint-Tropez“ zu sehen, das 1971 vom Museum Folkwang im Tausch an das Museum of Western Art in Tokio abgegeben wurde und bedingt durch seine hohe Fragilität nun ein letztes Mal nach Essen zurückgekehrt ist.

Schon früh hatte Osthaus den Neoimpressionismus in seine Sammlung integriert und auf Farbkontraste beruhende pointillitische Gemälde von Paul Signac, Georges Seurat oder Maurice Denis erworben. Ihnen schließen sich berühmte Bilder Vincent van Goghs an, für die zu Beginn des 20. Jahrhunderts kein großes Interesse auf dem Kunstmarkt vorhanden war. Osthaus erwarb allein sechs seiner Werke. Im Jahr 1905 veranstaltete er in Hagener Museum die erste monografische Schau van Goghs in einem deutschen Museum. Auch Matsukata teilte die Leidenschaft für den Künstler und erwarb mehrere seiner Arbeiten. Auch Paul Gauguin rückte erst spät in den Fokus des Kunstmarkes. Matsukata konnte allein 20 Werke von ihm ankaufen, Osthaus erwarb ab 1903 sechs Gemälde Gauguins.

Drei raumgreifende Installationen in der einen siebenstelligen Kostenrahmen beanspruchenden, von Nadine Engel kuratierten Schau sollen Gedanken beider Sammler in die Gegenwart tragen. Dazu zählen Diversität, disziplinarische Vielfalt sowie Ost- und Westaustausch. Im Zentrum des größten Saales greift die Japanerin Chiharu Shiota mit ihrer Arbeit „I hope…“ das Motiv einer schwebenden Welt in Form einer an roten Schnüren schwebenden Landschaft mit Booten und Wunschzetteln auf. Die japanische Künstlerin Tabaimo visualisiert in einem schwarzen trichterförmigen Raum mit seitlichen Spiegelwänden in ihrer Videoinstallation „midnight sea“ eine motivisch an japanische Holzschnitte angelehnte, stilisierte nächtliche Meereslandschaft mit bewegten weißen Wellen. Den Schluss der Ausstellung bestreitet Tabaimos zweite Arbeit „flower in the shadow“. Von Osthaus gesammelte Masken des japanischen No-Theaters überführt sie mithilfe eines Videos in die Gegenwart.

Die Ausstellung „Renoir, Monet, Gauguin. Bilder einer fließenden Welt. Die Sammlungen von Kojiro Matsukata und Karl Ernst Osthaus“ ist bis zum 15. Mai zu sehen. Das Museum Folkwang hat täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr, donnerstags und freitags bis 20 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 14 Euro, ermäßigt 8 Euro. Der Ausstellungskatalog kostet im Museumsshop 42,80 Euro, im Buchhandel 54 Euro.

Kontakt:

Museum Folkwang

Museumsplatz 1

DE-45128 Essen

Telefon:+49 (0201) 88 45 444

Telefax:+49 (0201) 88 45 330

Startseite: www.museum-folkwang.de



08.02.2022

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Hans-Peter Schwanke

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