 |  | Vittore Carpaccio, Markuslöwe, 1516 | |
Um den realen Glanz und die Einmaligkeit der Lagunenstadt erleben zu können, bleibt einem auch heute noch einzig eine Reise nach Venedig. Nichts kann die Anschauung vor Ort ersetzen, die mit einem Eintritt ins Mittelalter, der Renaissance und dem Barock gleichzusetzen ist. Die Vielzahl der großartigen Paläste, Kirchen, Museen und Ausstellungen lässt vieles von dem vergessen, was die Stadt an negativen Begleiterscheinungen der Geschichte erdulden musste. Dazu zählt die Zerpflückung von großen Kunstsammlungen. Heute über alle Welt verstreut, feiern sie nun in einer grandiosen Ausstellung in Bonn ihre Wiederauferstehung. Leihgaben von Meisterwerken aus zahlreichen Museen erlauben die Rekonstruktion ursprünglicher Zusammenhänge. In geschichtlicher Abfolge präsentiert, wirft die Schau in der Bundeskunsthalle in Kohärenz mit dem Kernthema einen einmalig instruktiven Blick auf Geschichte und Politik der Serenissima.
Im fünften Jahrhundert gegründet, erstarkten die Venezianer so rasch, dass ihnen im neunten Jahrhundert der Raub der Gebeine des Apostels Markus aus Alexandria gelang. Fortan löste er den griechischen Soldatenheiligen Theodor als Schutzpatron der Stadt ab. Das Zeichen des Evangelisten Markus, der geflügelte Löwe, entwickelte sich zum Symbol für die Machtansprüche der Republik Venedig. Seit dem 13. Jahrhundert ist der geflügelte Löwe als Herrschaftszeichen allgegenwärtig. Die feudale Piazza am Eingang der Schau in der Bundeskunsthalle beherrscht er folglich sowohl plastisch als auch mit Bildmotiven. Im Rahmen von Portraits werden hier weiter wichtige Sammlerpersönlichkeiten der Stadt den Eintretenden vorgestellt.
Ein nahezu die gesamte Fußbodenfläche einnehmendes, begehbares Luftfoto Venedigs lädt zu "Entdeckungen von oben" ein. Reihum werden dann die Kunstsammlungen vorgestellt. Den Einstieg des öffentlichen wie privaten Sammelns bildet die im 12. Jahrhundert eingerichtete Schatzkammer der Palastkapelle des Dogen in San Marco. Als erstes staatliches Museum mit öffentlichem Publikumsverkehr sollten die kostbaren Reliquien in nicht minder wertvollen Behältnissen demonstrieren, dass Staat und Repräsentation unter göttlichen Schutz stehen. Kleinode wie Reliquienkästchen, Weihrauchschiffchen oder Räuchergefäßen reihen sich aneinander.
Je weiter die Zeit fortschreitet, desto fassbarer werden Sammlungen und Sammler. Die erste konkret nachweisbare Sammlerpersönlichkeit ist mit Oliviero Forzetta (1300-1373) ein Notar, der in seinem Palast neben antiken Skulpturen Münzen, Zeichnungen und Handschriften zusammentrug. Adelige, Kardinäle, Handelsleute gehörten zur Sammlerschicht. Im 15. und 16. Jahrhundert durch florierenden Orient- und Gewürzhandel sowie durch Eroberungen erstärkt, erlebte Venedig eine einzigartige künstlerische Blüte. Giorgione, Tizian, Tintoretto waren Künstler von europäischem Ruf und ihre Werke schon damals teuer und begehrt. Venezianischer Buchdruck galt qualitativ wie quantitativ als führend.
Die seinerzeit bedeutendste Sammlung in der Stadt, die der Familie Grimani mit über 200 Antiken, 500 Gemälden und 15.000 Büchern, besaß in ihrem Palazzo eine Schatzkammer, die sogenannte Tribuna. Entsprechend einer Vorliebe der Ausstellungsmacher in der Bundeskunsthalle wurde dieser Raum rekonstruiert. Der überkuppelte, nahezu quadratische Raum von acht Metern Kantenlänge enthielt in Nischen, unter Giebeln oder auf Säulen rund 130 Antiken, die in einer Auswahl den Weg in die Ausstellung gefunden haben.
Private Sammler, Kunstausstattungen in öffentlichen Behörden oder Bruderschaften standen in Konkurrenz zueinander. Während am Ende des 16. Jahrhunderts noch zirka 2000 Sammler mit über zehn Bildern existierten, stieg ihre Zahl im 17. Jahrhundert sprunghaft an. Neben einer prachtvollen Residenz war nunmehr eine Kunstsammlung unabdingbare Voraussetzung für die Wahrung der Standeswürde. Übliche Objekte der Begierde stellten Gemälde, antike Skulpturen, Gemmen, Münzen, Bücher, Zeichnungen oder auch kuriose Objekte dar. Bibliotheken entstanden. Wissenschaftliche und nautische Instrumente sowie Karten sollten einen umfassenden Bildungsanspruch dokumentieren.
Vieles von dem ging als Stiftung an die Republik Venedig. Denn die venezianische Adelsherrschaft basierte auf einem strikten Gleichgewicht zwischen den wichtigsten Familien. Soziale Stiftungen und Taten zum Wohle der Allgemeinheit sicherten ihre Macht und bewahrten vor Unruhen. Ein gegenseitiges Kontroll- und Abhängigkeitssystem sowie ausgeprägtes Denunziantentum hielten das diffizile Gebilde der Machtstrukturen über Jahrhunderte zusammen. Daraus erwuchs die gerühmte innere Stabilität sowie Kraft für Eroberungen und geschlossene Verteidigung der Vorherrschaft im Handel.
Im 17. Jahrhundert allerdings reduzierte sich nach und nach der Einfluss der Lagunenrepublik. Besitzungen in Dalmatien und Griechenland mussten aufgegeben werden. Venedig wurde touristisches Ziel, blieb aber Zentrum des internationalen Kunsthandels. Gesammelt wurde weiter. Die Auftraggeber der neuen venezianischen Künstlergeneration mit Sebastiano Ricci, Canaletto, Pietro Longhi oder den Guardis fanden sich nunmehr nicht primär in Adelskreisen, sondern unter den "Neureichen" und Ausländern. Der englische Konsul in Venedig, Joseph Smith (1674-1770) und der Feldmarschall Johann Matthias von der Schulenburg (1661-1747) werden in der Ausstellung exemplarisch vorgestellt. Smith bedachte Canaletto persönlich mit bedeutenden Aufträgen und suchte für ihn neue ausländische Auftraggeber. Eine Reihe von Blättern Sebastianos und Marcos Ricci sowie Canalettos aus seiner Sammlung sind zu bewundern. Der Militär von der Schulenburg gab natürlich Bildern mit Schlachtenszenen den Vorzug, aber auch Landschafts- und Historienbilder waren in seiner Sammlung vertreten, die leider entgegen seinem Willen 1775 von den Erben versteigert wurde.
Am Ende der Selbstinszenierung und nach letzten Triumphfeiern steht der Rücktritt des letzten Dogen 1797. Napoleon befindet sich bereits vor der Stadt. Ab 1815 ist Venedig Teil des Königreiches Lombardo-Venetien. Modernisierung, Industrialisierung, Eisenbahnanschluss sollen den Abstieg aufhalten. Armut, Hunger, Typhus grassieren in der Stadt. Die Gunst der Stunde nutzen wiederum andere, ihre Sammelleidenschaft zu befriedigen. Theodoro Correr (1750-1830) stopft 20 Säle seines Palastes mit Kunst voll. Ein Raum daraus, die "Camera IV", ist zum Ausklang noch einmal als Rekonstruktion wiederentstanden. Zwei Wochen vor seinem Tod 1830 stiftet Correr seine Sammlung der Stadt Venedig. Sie bildet fortan den Grundstock des heutigen gleichnamigen Museums sowie der weiteren, insgesamt 14 städtischen Museen.
Bis heute bleibt das Gesamtkunstwerk Venedig Anziehungspunkt für Touristen, Kunstsammler und Künstler. Dass noch längst nicht alles über Venedig erforscht und bekannt ist, zeigt sich im Rahmen der Aufarbeitung der Sammlungsgeschichte in dieser verdienstvollen Ausstellung. Wohl kaum ein Institut wäre besser in der Lage gewesen, sich diesem Desiderat anzunehmen, als die Bundeskunsthalle. Ihr Beitrag zeichnet sich besonders durch die konkreten Bezüge zur Geschichte und Politik aus, die latent mancherlei Korrespondenzen zur Jetztzeit offenlegen. Und dies alles geschieht vor dem Hintergrund einer exzellenten Exponatenauswahl, die wieder mal erkennen lässt, wo dieses Haus spielt, nämlich in der Weltliga.
Die Ausstellung „Venezia! Kunst aus venezianischen Palästen – Sammlungsgeschichte Venedigs vom 13. bis 19. Jahrhundert“ läuft bis zum 12. Januar 2003. Sie hat Dienstag und Mittwoch von 10 bis 21 Uhr, Donnerstag bis Sonntag von 10 bis 19 Uhr und freitags zusätzlich schon ab 9 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 6,50 Euro, ermäßigt 3,50 Euro und die Familienkarte kostet 10,50 Euro.
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