Geordnete Verhältnisse in Nürnberg Die Kunsthalle der Stadt Nürnberg zeigt unter dem Titel „Geordnete Verhältnisse“ eine Schau zu künstlerischen Konzepten, die sich mit ordnenden und systematisierenden Kunstwerken beschäftigen. Kuratorin Harriet Zilch hat Arbeiten versammelt, die bestehende Welterklärungsmodelle reflektieren oder neue Ordnungssysteme definieren. So entstehen oft überraschende Bildmetaphern, die neue Perspektiven auf die vielfältigen Zusammenhänge unserer Welt anbieten. Einen möglichst ganzheitlichen Blick auf unsere Galaxie versucht die iranische Künstlerin Toulu Hassani in ihrem Werk „Kiss Me“ einzunehmen. Eine der Leinwände zeigt den Sternenhimmel in seiner Ganzheit, die anderen fünf Gemälde jeweils nur Ausschnitte des nächtlichen Firmaments. Diese kombiniert Hassani mit abstrahierten grafischen Darstellungen von Sternspektren, die sie mit einer Airbrush-Technik malerisch umsetzt. Der Titel ihrer Werkreihe verweist auf eine Pionierarbeit amerikanischer Astronominnen am Harvard College Observatory: Anfang des 20. Jahrhunderts gelang es den Frauen, anhand von Fotografien Sternspektren und Helligkeitswerte zu erfassen und zu katalogisieren. „Oh Be A Fine Girl Kiss Me“ diente dabei als Merkspruch zur Klassifizierung der Sterne.
Der 2016 verstorbene Biologe und Künstler Erwin Hapke schuf sich privat ein ganz eigenes Ordnungssystem. In seinem Elternhaus bei Unna faltete der promovierte Wissenschaftler – völlig zurückgezogen – über drei Jahrzehnte hinweg zehntausende Figuren aus Papier mit ebenso enzyklopädischem wie künstlerischem Anspruch. Insekten und andere Tiere, Menschen, Architekturen: Der Autodidakt Hapke entwarf mit seinen komplexen Faltcodes nicht nur für das Tierreich eine alternative Ordnung, sondern faltete sich eine Welt, deren Erschaffer und einziger Bewohner er war. Alex Müllers Serie „Vom Mähen zum Frieden“ erscheint wie ein gezeichnetes Tagebuch: Immer ein Blatt im Format DIN A3, immer eine Zeichnung pro Tag. Das erste Blatt „Tag 1 c. Mähen“ entstand am Tag der Krebsdiagnose ihres Vaters. Die letzte Zeichnung „Tag 107 c. Peace“ erfolgt 107 Tage später an seinem Todestag. Dieses für die Künstlerin einschneidende Ereignis fällt in die Zeit, in der sich die Welt und das Zusammenleben durch die Corona-Pandemie verändert hat. So dokumentieren die 107 Blätter auch den Wunsch der Künstlerin, einer als unkontrollierbar empfundenen Situation eine Struktur zu geben.
Von der 2009 verstorbene deutsche Konzeptkünstlerin Hanne Darboven präsentiert Zilch das aus 101 Blättern bestehende „Kalenderbuch 92“. Die fotografischen Aufnahmen der Kalenderseiten, die die Künstlerin mit Termineintragungen, kurzen Notaten und wellenförmigen Schreiblinien füllte, visualisieren auch das Werden und Vergehen der Zeit. Die 1984 geborene Sophia Pompéry untersucht in ihrer Fotoserie „Stilles Wasser“ die menschliche Wahrnehmung. So scheint das von ihr fotografierte Glas über einer Tischkante zu schweben oder einen unmöglichen Schatten zu werfen. Mit dieser wahrnehmungspsychologischen Irritation hinterfragt sie optische und physikalische Gewissheiten. Für ihre installative Arbeit „Worlds“ nutzte Pompéry Reliefkarten unterschiedlicher Formate. Diese übermalte sie mit Tafelfarbe vollständig, so dass Grenzen, Flussläufe, Gewässer, Städte und Straßennetze nicht länger sichtbar sind und Platz für imaginäre Weltentwürfe bieten. Schließlich ist noch Peter Dreher mit seiner bekannten konzeptuellen Bildserie „Tag um Tag guter Tag“ vertreten, in der er über drei Jahrzehnte hinweg über 5.000 kleinformatige Gemälde des stets gleichen Wasserglases gemalt hat. Durch die permanente Wiederholung wird seine Malerei inhaltslos und ist nur noch der Malerei verpflichtet.
Die Ausstellung „Geordnete Verhältnisse“ läuft bis zum 28. August. Die Kunsthalle Nürnberg hat dienstags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr, mittwochs bis 20 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt regulär 5 Euro, ermäßigt 2,50 Euro. Für Kinder und Jugendliche bis zum vollendeten 18. Lebensjahr ist er frei, wie auch an jedem Mittwoch zwischen 18 und 20 Uhr.
Kunsthalle Nürnberg
Lorenzer Straße 32
D-90402 Nürnberg
Telefon: +49 (0)911 – 231 28 53 |