Hamburg auf den Spuren der Femme Fatale  |  | John William Waterhouse, Circe offering the cup to Ulysses, 1891 | |
Die Hamburger Kunsthalle widmet sich aktuell dem Mythos der Femme Fatale in der Kunst und betrachtet dafür Positionen des frühen 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart. Das Sujet der erotisch-verführerischen und begehrenswerten Frau, deren Bann Männer ins Unglück stürzt, wurde lange aus einem männlichen Blickwinkel und einem binären Geschlechterverständnis beurteilt. Die Schau „Femme Fatale. Blick – Macht – Gender“ möchte diese Sichtweise aufbrechen, indem sie nach historischen Transformationen und Aneignungsprozessen sowie nach der gegenwärtigen Bedeutung und dem Umgang aktueller Kunstschaffender mit der Thematik und den damit verbundenen Blick-, Macht- und Genderkonstellationen fragt. Der Parcours umfasst rund 200 Gemälde, Zeichnungen, Druckgrafiken, Fotografien, Skulpturen, Installationen und Videoarbeiten, die teils aus dem hauseigenen Bestand stammen und teils von hochrangigen internationalen Leihgebern zur Verfügung gestellt wurden. Das Spektrum reicht von Romantikern, Präraffaeliten und Symbolisten über Impressionisten und Expressionisten, Künstler*innen der Neuen Sachlichkeit, die feministische Avantgarde sowie aktuelle Arbeiten mit intersektionalen und queeren Ansätzen.
Das in Arbeiten der Jahre 1860 bis 1920 reproduzierte „klassische“ Bild der hinterhältigen Verführerin basierte insbesondere auf den Figuren der Bibel wie Delilah oder Salome, der klassischen Mythologie in Form der Medusa oder Sirene oder der zeitgenössischen Literatur. In diesem Reigen darf auch die ebenso faszinierende, wie mordlüsterne Gestalt der Sphinx nicht fehlen, der sich sowohl Gustave Moreau 1864 als auch Franz von Stuck 1904 gewidmet haben. Die ambivalente Sichtweise der Frau, deren Sexualität einerseits als Objekt des Begehrens stilisiert und andererseits als dämonischer Zug verpönt wird, übertrug sich um die Jahrhundertwende zunehmend auch auf reale Personen des öffentlichen Lebens wie die Schauspielerin Sarah Bernhardt, Alma Mahler oder die Tänzerin Anita Berber. Die von Markus Bertsch kuratierte Ausstellung deutet das Aufkommen des „Femme fatale“-Typus jedoch auch als wichtigen Meilenstein für eine voranschreitende Emanzipation der Frau. Max Liebermann nennt zwar sein Gemälde aus dem Jahr 1902 noch „Simson und Delila“, um seine Aktdarstellungen zu rechtfertigen. Er wählt jedoch eine sehr nüchterne und moderne Interpretation der Szene, indem er die Protagonisten ohne weitere Accessoires vor einem neutralen Hintergrund platziert.
Als logische Weiterentwicklung des Gedankens der starken, für ihre Interessen eintretenden Frau beleuchtet die Ausstellung mit Arbeiten von Dodo, Oskar Kokoschka, Jeanne Mammen oder Gerda Wegener zudem das Ideal der „Neuen Frau“ der 1920er Jahre sowie die endgültige Dekonstruktion des Mythos der „Femme Fatale“ in den 1960er Jahren, etwa mit Sylvia Sleighs doppelgeschlechtlicher „Lilith“ oder Maria Lassnigs riesenhafter, in einem Häusermeer marschierender „Woman Power“. Aktuelle künstlerische Positionen, wie Sonia Boyces vieldiskutierte Videoinstallation „Six Acts“ von 2018 oder Nan Goldins junge Videoarbeit „Salome“ von 2019, thematisieren dann Genderidentitäten, weibliche Körperlichkeit und Sexualität ebenso wie die #MeToo-Bewegung und den male gaze und etablieren explizite Gegenerzählungen.
Neben einer adäquaten Genderdebatte legt die Kunsthalle Hamburg bei ihrer aktuellen Sonderausstellung Wert auf einen möglichst barrierefreien Zugang für alle Besucher*innen: Das jüngere Publikum kann über einen Chatbot mittels künstlicher Intelligenz mit sechs Figuren aus den gezeigten Kunstwerken kommunizieren. Zudem bietet das Haus erstmals Audiodeskriptionen und Tastkopien für Menschen mit Behinderung an.
Die Ausstellung „Femme Fatale. Blick – Macht – Gender“ läuft bis zum 10. April 2023. Die Hamburger Kunsthalle hat dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr sowie donnerstags bis 21 Uhr geöffnet. An Heiligabend und 1. Weihnachtstag ist geschlossen. Der Eintritt beträgt regulär 14 Euro, ermäßigt 8 Euro. Für Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren ist er frei. Anfang 2023 soll ein begleitender Katalog zur Schau im Kerber Verlag erscheinen, der für 39 Euro im Museum oder für 50 Euro im Buchhandel erhältlich sein wird.
Hamburger Kunsthalle
Glockengießerwall
D-20095 Hamburg
Telefon: +49 (0)40 – 428 131 200 |