 |  | Fede Galizia, Judith mit dem Haupt des Holofernes, um 1610/15 | |
Für Fede Galizia war die biblische Gestalt der Judith von einiger Bedeutung. Die in der Mitte der 1570er Jahre geborene lombardische Malerin schuf eine erste Fassung ihres Gemäldes „Judith mit dem Haupt des Holofernes“ schon in den frühen 1590er Jahren, eine nächste datiert ins Jahr 1596. Später widmete sich Galizia noch häufiger diesem Thema, bei dem die israelitische Heldin Judith ihr Volk vor der Vernichtung durch die assyrische Armee rettet, indem sie sich nur mit ihrer Magd ins feindliche Lager wagt, den Heerführer Holofernes mit ihrer Schönheit verzaubert, ihn trunken macht und im Schlaf dann enthauptet. Nun offeriert das Dorotheum in Wien eine bisher unpublizierte weitere Version Galizias aus einer europäischen Privatsammlung, in der die barbusige Judith das erhobene Schwert in ihrer rechten Hand hält und den abgetrennten Kopf eben in einen Sack steckt. Werden Stillleben von Fede Galizia schon mit Millionenwerten bedacht, hat sich das Dorotheum wegen mangelnder Vergleiche bei dem um 1610/15 datierten Gemälde für eine moderate Schätzung von 200.000 bis 300.000 Euro entschieden.
Auch andere Malerinnen des Barock, wie Elisabetta Sirani und vor allem Artemisia Gentileschi, sahen in der alttestamentlichen Judith eine Identifikationsfigur; stand sie doch für den Kampf der Frauen um Anerkennung in einer von Männern dominierten Welt. Aber auch zahlreiche ihrer männlichen Kollegen nahmen sich dieser Erzählung an, was die Erzählung von Judith zu einem der meist behandelten Bildthemen vom späten Mittelalter bis ins frühe 20. Jahrhundert macht. Der Katalog des Dorotheums listet dafür ein Beispiel von dem wenig bekannten, erst vor kurzem namentlich identifizierten Italiener Bartolomeo Mendozzi, der die Szene in einem starken Hell-Dunkel-Kontrast und blutspritzend bei der Enthauptung dramatischer angelegt hat. 400.000 bis 600.000 Euro stehen hier auf dem Etikett. Diesen Spitzenpreis der Auktion hat das Dorotheum ein zweites Mal vergeben: Der Utrechter Caravaggist Hendrick ter Brugghen will diesen Betrag für seinen marktfrischen, formatfüllend ins Bild gerückten „Lautenspieler“ sehen, bei dem der Realismus und die Unmittelbarkeit überzeugen.
Zu den ältesten Werken der Versteigerung am 3. Mai zählen Gemälde aus der italienischen Renaissance. Hier macht vor allem ein heiliger Sebastian auf sich aufmerksam. Die schöne Gestalt des jugendlichen, gar nicht leidenden Mannes hat die Werkstatt Pietro Peruginos nach einer eigenhändigen Arbeit des Meisters im frühen 16. Jahrhundert qualitätvoll wiederholt (Taxe 300.000 bis 400.000 EUR). Darum gruppieren sich etwa eine statische Kreuzigung Christi unter dunklen Wolken von Bernardino Luini und seiner Werkstatt (Taxe 200.000 bis 300.000 EUR), Giovanni Francesco Carotos Portrait eines charmanten jungen Mannes vor schwarzem Hintergrund oder eine Anbetung des Jesusknaben durch Maria und Johannes den Täufer mit der Stigmatisierung des heiligen Franziskus im Landschaftshintergrund auf einem Tondo aus der Werkstatt Domenico Ghirlandaios (Taxe je 60.000 bis 80.000 EUR).
Nach Deutschland geht es mit einer lebensfrohen mythologischen Szene aus dem Atelier Hans Baldung Griens, in deren Zentrum der betrunkene Gott Bacchus schwerfällig am Boden sitzt und von zahlreichen ausgelassenen Putten begleitet wird (Taxe 25.000 bis 35.000 EUR), und vor allem mit Bartholomäus Bruyn d.Ä. Der in Köln tätige Maler schuf für die dortige Stiftskirche St. Kunibert einen mehrflügeligen Cyriacus-Altar, von dem drei Tafeln erhalten sind: „Papst Marcellus weiht Cyriacus zum Diakon“, „Der heilige Cyriacus wird ins Gefängnis gebracht“ und „Der heilige Cyriacus verweigert den Götzendienst“, die im Juli 2015 bei Grisebach in Berlin netto 180.000 Euro kosteten und nun mit 200.000 bis 300.000 Euro antreten. In der Zeit der Dürer-Renaissance um 1600 soll sich Dresdner Hofmaler Zacharias Wehme auf den Nürnberger Meister bezogen und dessen Kupferstich „Maria mit der Meerkatze“ malerisch auf einer kleinen Tafel frei adaptiert haben (Taxe 15.000 bis 20.000 EUR).
Aus dem niederländischen Kulturkreis der späten Renaissance und des Barock ragt die Portraitmalerei heraus, darunter Adriaen Thomasz Keys Bildnis eines älteren bärtigen Mannes mit naturalistisch wiedergegebenem Gesicht und nachdenklichem Blick (Taxe 50.000 bis 70.000 EUR) oder Ferdinand de Boisschot, Baron von Saventhem, als Ritter des Santiago-Ordens von Anthonis van Dyck und seiner Werkstatt (Taxe 80.000 bis 120.000 EUR). Von dem nach London ausgewanderten Maler gibt es zudem noch die eindringliche Darstellung des Apostel Andreas aus seiner frühen Antwerpener Zeit (Taxe 200.000 bis 300.000 EUR). Den umgekehrten Weg von London in die Niederlande schlug Cornelis Janssens van Ceulen I. ein, der die Pendants eines vornehmen Mannes in schwarzer Rüstung und seiner Gattin mit weißem ausladendem Spitzenkragen von 1636 beisteuert, die traditionell als Lord und Lady Waterpark identifiziert werden (Taxe 50.000 bis 70.000 EUR).
Gut aufgestellt ist die italienische Barockmalerei und dabei die religiöse Kunst, etwa mit Jacopo Negretti, genannt Palma il Giovane, und seiner figurenreichen „Anbetung der Könige“ in prachtvollen Gewändern (Taxe 50.000 bis 70.000 EUR) oder Jusepe de Riberas „Büßenden heiligen Franziskus“ mit Kreuz und Totenkopf in einer Höhle (Taxe 80.000 bis 120.000 EUR). Etwas teurer wird es mit 100.000 bis 150.000 Euro bei einer „Grablegung Christi“ eines unbekannten neapolitanischen Kollegen, bei der vor allem das ausgefallene Kolorit, etwa im grau-blauen Inkarnat des Leichnams Jesu oder im Gesicht Mariens, besonders heraussticht. Um Galizias Judith hat das Dorotheum einige Werke von Malerinnen gruppiert, dabei etwa die ebenfalls in Neapel tätige Diana de Rosa mit einer heiligen Cecilia samt musizierenden Engeln (Taxe 30.000 bis 40.000 EUR). Zu diesen Preisvorstellungen gibt es zudem eine heilige Familie mit dem Johannesknaben, eine neuentdeckte Ergänzung im schmalen Œuvre von Barbara Longhi, und für 10.000 Euro weniger eine feingliedrige heilige Katharina von Alexandrien aus der Hand der Ordensschwester Orsola Maddalena Caccia. Auch Artemisia Gentileschi tut sich hier hervor. Zusammen mit ihrem Schüler Onofrio Palumbo malte sie auf großem Format „Abraham und die drei Engel“. Die Erzählung aus dem Alten Testament war schon im vergangenen Jahr im Dorotheum zu haben, blieb bei 250.000 bis 300.000 Euro allerdings liegen. Nun ist die Schätzung auf 150.000 bis 200.000 Euro reduziert.
Giovanni Benedetto Castiglione hat sich der Mythologie zugewandt und die Sage um den ersten Perser-König Cyrus bildlich umgesetzt: Damit er nicht seine Macht verliert, lässt sein Großvater den kleinen Cyrus im Wald aussetzen, um ihn zu töten. Doch sein Plan scheitert an der Hirtin Spaco, die das Kind nicht seinem Schicksal überlassen will und es einer Hündin anvertraut, die es stillt (Taxe 80.000 bis 120.000 EUR). Paolo de Matteis behandelt mit dem „Triumph der Galatea“, die auf einer Muschel mit ihrem Gefolge durch das Meer reitet, dann eine bekanntere Geschichte aus der antiken Sagenwelt (Taxe 100.000 bis 150.000 EUR). In der Antike galt die Legende der „Caritas Romana“, in der die junge Pero ihrem Vater Cimon im Gefängnis die Brust reicht, um ihn vom Hungertod zu retten, als Musterbeispiel für treue Kindesliebe. Das Christentum deutete dies im Sinne der allgemeinen Nächstenliebe und Barmherzigkeit um, wohingegen der Genueser Maler Gregorio de Ferrari zu Beginn des 18. Jahrhunderts ohne christliche Attribute auskommt (Taxe 150.000 bis 200.000 EUR).
Der französische Rokokomaler Gabriel François Doyen feiert dann das ungezügelte Leben und lässt ein ausgelassenes Bacchanal mit ineinander verschlungenen Akten bei einer mit prallen aufgeplatzten Früchten geschmückten Herme im Wald spielen (Taxe 100.000 bis 150.000 EUR). Subtiler geht es bei einem Blumenstillleben zu, bei dem Jan Breughel d.J. in den 1630er Jahren die zahlreichen Blüten in einem Korb und auf einer Tazza geschickt arrangiert hat. 2019 im Dorotheum schon einmal für netto 120.000 Euro gehandelt, orientiert sich die Schätzung nun mit 100.000 bis 200.000 Euro daran. Überbordend sind dann die Äpfel, Birnen, Trauben und Pfirsiche, die Frans Snyders in einem Korb angehäuft hat. Darum hat er für 200.000 bis 300.000 Euro noch einen Hummer auf einer Porzellanplatte, Spargel, Artischocken und weiteres Obst auf einen Tisch gruppiert. Bei der flämischen Kunst kommt noch Gillis van Tilborgh mit einem fast drei Meter breiten ländlichen Festmahl vor einem Gasthaus für 80.000 bis 120.000 Euro zum Zug.
Die idealisierte Vorstellung von Arkadien bediente Jan Frans van Bloemen in seinen beiden Capricci mit berühmten Bauwerken aus dem alten Rom, in die er im Vordergrund Landleute mit ihren Viehherden bei der Arbeit integriert hat. „Das Kolosseum in Rom mit dem Konstantinbogen und Figurenstaffage“ und „Der Palatin und der Dioskurentempel in Rom mit Figurenstaffage“ kratzen mit einer Bewertung von 80.000 bis 120.000 Euro wiederum an der Sechsstelligkeit. Den Abschluss der Versteigerung bilden einige realistischere Veduten aus Venedig. Francesco Tironi hielt sich am Himmelfahrtstag bei der heute nicht mehr existierenden Chiesa San Nicolò di Castello auf und beobachtete die Festlichkeiten mit dem Dogen in dessen Bucintoro (Taxe 50.000 bis 70.000 EUR). Noch mehr Postkartenmotiv ist die Sicht auf die Rialtobrücke, den Palazzo dei Camerlenghi und die Fabbriche Vecchie, die Michele Marieschi mit Gondeln, Booten und Personen bei der Überfahrt belebt hat (Taxe 200.000 bis 300.000 EUR).
Die Auktion beginnt am 3. Mai um 18 Uhr. Die Besichtigung ist bis zum Auktionsbeginn täglich von 10 bis 18 Uhr, am 30. April und 1. Mai von 14 bis 17 Uhr möglich. Der Katalog listet die Kunstwerke unter www.dorotheum.com. |