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Jahresauftakt bei Winterberg in Heidelberg

Lateinisch-französisches Stundenbuch „Horae Beatae Mariae Virginis“, Rennes, um 1430/40

Der Heidelberger Versteigerer Thilo Winterberg startet am Wochenende mit knapp 700 malerischen und vor allem grafischen Arbeiten in sein neues Auktionsjahr. Unangefochtener Spitzenreiter ist mit 50.000 Euro das lateinisch-französische Stundenbuch „Horae Beatae Mariae Virginis“ mit Schmuck-Initialen aus Rennes um 1430, das gut hundert Jahre später um Miniaturen, unter anderem mit einem Stifterpaar, ergänzt wurde. Bei den Druckgrafiken der Alten Meister ragen Jan Lievens’ Radierung „Die Auferweckung des Lazarus“ (Taxe 500 EUR) und Lucas van Leydens Vanitas-Motiv „Junger Mann mit Totenschädel“ heraus (Taxe 1.800 EUR). Das 18. Jahrhundert macht sich vor allem mit beliebten Rom-Ansichten von Giovanni Battista Piranesi bemerkbar, darunter mit der mit der „Veduta della Basilica di Sta. Maria Maggiore con le due Fabbriche laterali di detta Basilica“ von 1749 (Taxe 2.500 EUR) und der zwei Jahre jüngeren „Veduta della Piazza della Rotonda“ (Taxe 3.400 EUR).

Im 19. Jahrhundert nimmt die malerische Ausbeute zu und startet mit Joseph Binders Brustbildnis des Malers Moritz von Schwind von 1827 im strengen Profil nach links (Taxe 3.000 EUR). Schwind selbst tritt mit dem Portrait seiner Schwester Wilhelmine Josefa von Schwind um 1830 für 4.800 Euro an. Während Rudolf Hofmann mit seinem Gemälde „Die Heimkehr aus dem Krieg“ von 1840 in seiner näheren Heimat blieb und im Oberhessischen einen Soldaten in der Uniform der Chevauleger sah, der von zwei Mädchen in Breidenbacher Tracht etwas vorsichtig begrüßt wird (Taxe 9.500 EUR), zog es Isidor Popper in den Süden, wo er im selben Jahr einer Italienerin mit Tamburin in der Tracht der Albaner Berge huldigte (Taxe 1.800 EUR). In seinen Schöpfungen orientiere sich Wilhelm Steuerwaldt oft an seinem Lehrer Carl Georg Hasenpflug und malte wie jener Ausblicke aus mittelalterlichen Gebäuden, wie seinen Kreuzgang einer Kirche mit Blick auf eine Burgruine im Winter von 1853 (Taxe 2.500 EUR). Für eine Abendstimmung am Heidelberger Schloss mit Blick auf die Altstadt und den Neckar von Frederik Marinus Kruseman um 1837 erwartet Winterberg mit Lokalzuschlag 18.000 Euro.

Zeichnerisch wird es mit zwei Baumstudien von Christian Friedrich Gille aus den späten 1840er Jahren für 1.200 Euro und 1.450 Euro und Friedrich Overbecks männlichem Brustbild im Dreiviertelprofil nach rechts nach dem niederländischen Altmeister Jan van Scorel (Taxe 5.800 EUR). Auch eine Skulptur hat sich unter das Angebot gemischt: Constantin Meuniers naturalistische Bronze „Cheval à l’Abreuvoir“ mit einem Reiter samt Pferd an der Tränke von 1889/90 will 6.800 Euro sehen. Den Weg in die Moderne beschreiten zudem Hans Thoma in seinem Gemälde eines stillen Schwarzwaldtals mit kleinem Wasserfall bei Bernau von 1918 (Taxe 18.500 EUR) und Wilhelm Trübner in seinem hochformatigen stehenden weiblichen Rückenakt mit grünen Hautpartien vor dem Grün der Natur um 1898 (Taxe 4.800 EUR).

Im 20. Jahrhundert ist die Grafikabteilung wieder gut ausgebaut. Höhepunkte sind etwa Otto Muellers schwarzweiße Lithografie mit der Natur-Mensch-Verschmelzung „Adam und Eva“ von 1920/23 (Taxe 9.500 EUR), Karl Schmidt-Rottluffs kantige Holzschnitte „Christus flucht dem Feigenbaum“ von 1918 (Taxe 6.500 EUR) und „Häuser und Mond“ von 1919 (Taxe 7.500 EUR) oder Marc Chagalls Farblithografie „Le Cirque à l’Etoile“ von 1965 (Taxe 28.000 EUR). Auch Georg Alexander Mathéy hat sich schon 1922 mit dem Zirkusleben beschäftigt und seinen schwarzweißen, kubistisch stilisierten Holzschnitt „Cirque de Paris“ in der dritten Mappe der „Schaffenden“ herausgegeben (Taxe 580 EUR). Mehr Farbe kommt dann bei Serge Poliakoffs Aquatintaradierung „Composition bleue et rouge“ von 1967 ins Spiel (Taxe 15.000 EUR), während sich Günther Uecker bei seinem weißen Prägedruck „Meer“ von 2001 ganz auf die wogende Struktur der Nägel verließ (Taxe 9.800 EUR).

Eine arkadische Utopie der Moderne schuf Ludwig von Hofmann um 1905 mit seinem symbolistischen Ölgemälde „Jünglinge mit Pferden in Gebirgslandschaft“. Die Suche nach der Harmonie zwischen Mensch und Natur hatte auch einem prominenten Vorbesitzer und gehörte einstmals Gerhart Hauptmann (Taxe 24.500 EUR). Mit impressionistischer Verve nahm Isaac Israëls einen Eselreiter am Strand auf (Taxe 9.500 EUR). Deftiger geht es dann auf einer Bordellszene von George Grosz zu: Seine um 1921/22 entstandene Tuschpinselzeichnung „Freudlos lebt die Schöne“ verlangt hohe 28.000 Euro. Auch Karl Holtz nahm kein Blatt vor dem Mund, als er 1918 Kaiser Wilhelm II. beim Besteigen eines Zuges „Auf dem Weg nach Spa“ ins Exil zeichnete (Taxe 400 EUR). Eine seiner weiteren humoristischen Karikaturen ist „Der arme Kaiser“, der traurig in seinen leeren Geldbeutel blickt (Taxe 300 EUR).

Unverfänglicher sind da Karl Stohners Stillleben mit Spargel und Zitronen von 1917 (Taxe 1.450 EUR), Maria Caspar-Filsers 1924 gemalter Blumenstrauß in einer blauen Vase samt Trauben (Taxe 6.800 EUR), Franz Lenks menschenleere neusachliche „Heuberglandschaft I“ von 1932 (Taxe 2.800 EUR) oder Rudolf Schlichters 1953 aquarellierter Blick in eine „Klamm im Hochgebirge“ (Taxe 2.400 EUR). Ein gewisser Exotismus prägt Lorenz Böskens knienden weiblichen Akt mit einem bunten Tuch über den Beinen (Taxe 2.400 EUR), während Konrad Böse um 1900 auf einer Bleistiftzeichnung eindrücklich den Kopf eines Bauern aus Deutschland schildert (Taxe 420 EUR). Eine frühe Arbeit von Günter Fruhtrunk listet der Katalog mit einer Komposition aus Gouache und Collage, die um 1959 noch einer gestischen Ausrichtung folgt (Taxe 9.800 EUR). Eine der jüngsten Arbeiten der Auktion ist Markus Lüpertz’ handbemalte Bronzefigur „Hora“, eine kopflose Allegorie auf die Zeit aus dem Jahr 2016 (Taxe 14.500 EUR).

Die Auktion beginnt am 22. April um 11 Uhr. Die Besichtigung ist bis zum 19. April täglich von 10 bis 17:30 Uhr möglich. Der Internetkatalog listet die Objekte unter www.winterberg-kunst.de.


18.04.2023

Quelle: Kunstmarkt.com/Ulrich Raphael Firsching

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