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Im kommenden Jahr feiert Deutschland den 250. Geburtstag von Caspar David Friedrich. Am Anfang vieler Jubiläumsausstellungen steht eine Schau in Schweinfurt. Sie legt die Latte für alle nachfolgenden Präsentationen recht hoch Der erste Stimmungsmaler der Nation
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| | Caspar David Friedrich, Morgennebel im Gebirge, 1808 | |
Der Betrachter stochert sprichwörtlich im Nebel. Erst bei näherem Hinsehen lichtet sich der Schleier. Dann tauchen aus den trüben Nebelschwaden kleine Tannenwipfel auf und lenken den Blick nach oben auf einen pyramidenförmig zugespitzten Berg. Am Gipfel der mächtigen Gesteinsbrocken ragt eine Felsnadel empor, über der der Himmel in zartem Blauweiß aufreißt. Als Caspar David Friedrich im Jahr 1808 den „Morgennebel im Gebirge“ nahezu monochrom in einem abgetönten grauweißen Kolorit malte, rückte er nah an die Grenze zur Abstraktion heran und hatte sich damit evident vom gängigen Strom zeitgenössischer Landschaftsmalerei entfernt. Fast schlug er eine Brücke zum flirrenden Duktus des Jahrzehnte später einsetzenden Impressionismus oder gar zur gestisch-spontanen Rhythmik des Informel der Nachkriegsjahre.
Mit der Auftaktschau „Caspar David Friedrich und die Vorboten der Romantik“ betten die Kuratoren Wolf Eiermann vom Museum Georg Schäfer in Schweinfurt und Konrad Bitterli für die zweite Station im Kunstmuseum Winterthur das Werk des Romantikers in die Entwicklung der Landschaftsmalerei ein und betonen dabei Friedrichs neue Ansätze. Unter den 105 Exponaten befinden sich 25 hochkarätige Gemälde und 13 Zeichnungen des Künstlers. Dies war nur durch die Kooperation der beiden Museen möglich, deren Basis die Kollektionen der Sammler Georg Schäfer und Oskar Reinhart mit herausragenden Werken deutscher Malerei bilden. Neben Friedrichs Hauptwerk „Kreidefelsen auf Rügen“, das normalerweise in Winterthur zu sehen ist, erwarten den Besucher so berühmte Gemälde wie der „Wanderer über dem Nebelmeer“, die „Wiesen bei Greifswald“ oder eine der vier Fassungen von „Zwei Personen bei der Betrachtung des Mondes“.
Die Landschaftsmalerei hat ihren Ursprung in den Niederlanden und nahm hinter der Historienmalerei zunächst einen niederen Status ein. Lange Zeit war der Realismus der Alten Meister wichtigster Gradmesser. Auch während seiner Ausbildung an der Königlich Dänischen Kunstakademie in Kopenhagen und ab 1798 an der Akademie in Dresden, einer Stadt, in der Caspar David Friedrich ab 1802 permanent lebte, orientierte sich die Lehre an der italienischen und niederländischen Kunst, deren Duktus auf heimische Landschaftssujets übertragen wurde. Friedrich distanzierte sich von der eklektischen Malweise und ihren stark idealisierten Kompositionen. Hinsichtlich der Erzeugung von Stimmungen orientierte er sich jedoch an den Landschaftsmalern des 17. Jahrhunderts und deren durch genaue Naturbeobachtung gewonnenen Erkenntnissen.
Im Mittelpunkt der Ausstellung steht die Entwicklung von Stimmungsauslösern in der Landschaftsmalerei; als deren Vorboten werden Werke Claude Lorrains, Jacob van Ruisdaels oder Jan van Goyens angeführt. Schon früh wurden die Tageszeiten mit bestimmten Stimmungen verbunden, wie der Sonnenaufgang mit Freude oder der Nachmittag mit Zügellosigkeit. Bis etwa 1812 waren die Tageszeiten ein zentrales Thema in Friedrichs Œuvre, wobei er sich besonders auf die Erfassung von Lichtwirkungen zur Visualisierung atmosphärischer Empfindungen konzentrierte. Tragische oder traurige Themen illustrierte er durch trübe Wetterphänomene.
Nach Themen und Motiven gegliedert, nimmt die Schweinfurter Schau exemplarisch etwa die Nacht, den Sonnenuntergang, Küstenbilder, Kreuze, Eichen und den deutschen Wald oder das Gebirge in den Blick. Ruinen und dazu besonders inspirierende Orte wie die sächsische Klosterburg Oybin dienten nicht nur Friedrich, sondern auch Malern wie Carl Gustav Carus als Verweis auf die Vergänglichkeit und träumerische Seelenzustände. Mittelalterliche Kathedralen vermittelten die Sehnsucht nach einer historisch verankerten Utopie der zu erneuernden Einheit von Staat und Kirche. Visionär aufscheinende, idealisierte Kirchenbauten fanden ab 1811 Eingang in Friedrichs Motivschatz und zeugen von frühen Idealvorstellungen vollendeter Kathedralen in mittelalterlichen Stilformen. Als neuen Stimmungsträger nahm er den Nebel mit den aus dem Dunstschleier aufragenden gotischen Türmen in seinen Kanon auf. Zwischen Rettung und Hoffnung, Freude und Sorge erzeugte er damit differenzierte und teils gegensätzliche Gefühlsebenen.
Friedrichs Bildfindungen sind klar strukturierte „Kompositlandschaften“, die das real Gesehene abstrahieren und inhaltlich aufladen. Der Bildraum löst sich vom Erfahrungshorizont des Betrachters. Friedrich durchbrach die Konventionen der Landschaftsmalerei seiner Zeit. So ist es auch verständlich, dass er keine repräsentativen Gemälde für Fürstenhäuser schuf, sondern subjektive Bildfindungen für ein aufgeklärtes Bürgertum. Sein vielschichtiges Œuvre bietet viele Deutungsansätze und Interpretationen: Persönliche Schicksalsschläge, verklausulierte politische Ansichten, restaurative Ideale, religiöse Anspielungen. Mit dieser Vieldeutigkeit avancierte er neben anderen Künstlern wie Francisco de Goya, William Turner oder Karl Friedrich Schinkel zu einer Symbolfigur an der Schwelle zur Moderne. Friedrichs Stimmungslandschaften sind dazu ein individueller und einzigartiger Beitrag.
Die Ausstellung „Caspar David Friedrich und die Verboten der Romantik“ läuft bis zum 2. Juli. Das Museum Georg Schäfer hat mittwochs bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr sowie dienstags bis 20 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 10 Euro, ermäßigt 8 Euro. Der Ausstellungskatalog kostet im Museum 45 Euro. Ab dem 26. August ist die Schau im Kunstmuseum Winterthur zu besichtigen. | | Kontakt: Museum Georg Schäfer Brückenstraße 20 DE-97421 Schweinfurt |
| Telefon:+49 (09721) 519 19 | Telefax:+49 (09721) 513 71 | | | E-Mail: info@mgs-online.de | | Startseite: www.museumgeorgschaefer.de |
27.06.2023 |
Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Hans-Peter Schwanke | |
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Jacob van Ruisdael,
Landschaft mit
Wasserfall, um
1670/75 | | | | | | | |
Carl Gustav Carus,
Das Eismeer von
Chamonix, 1825/27 | | | | | | | |
Caspar David
Friedrich,
Fischerboote auf der
Ostsee (Abend am
Meer), um 1825/26 | | | | | | | |
Caspar David
Friedrich, Die
Kathedrale, um 1818 | | | | | | | |
Caspar David
Friedrich,
Kreidefelsen auf
Rügen, 1818 | | | | | | | |
Caspar David
Friedrich, Das Kreuz
auf Rügen, nach 1815 | | | | | | | |
Caspar David
Friedrich, Blick auf
den Lilienstein, um
1834/35 | | | | | | | |
Caspar David
Friedrich, Ruine
Eldena im
Riesengebirge, um
1830/34 | | | | | | | |
Caspar David
Friedrich, Wanderer
über dem Nebelmeer,
um 1817 | | | | | | | |
Gerhard von
Kügelgen, Bildnis
Caspar David
Friedrich, um
1806/11, | | | | | | | |
Caspar David
Friedrich, Ruine
Eldena, um 1828 | | | | | | | |
Caspar David
Friedrich,
Landschaft mit
Eichen und Jäger,
1811 | | | | | | | |
Jan van Goyen,
Ansicht von
Dordrecht, 1646 | | | | |
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