 |  | Georg Scholz, Die Schwestern, 1928 | |
Das Konzept ging wieder einmal auf: Mit moderaten Schätzpreisen weckt die Berliner Auktionatorin Irene Lehr das Interesse ihrer Kunden, was hohe Verkaufsraten und oft auch erkleckliche Wertsteigerungen zur Folge hat. So blieben bei der vergangenen Auktion von den 389 Losen nur 19 unverkauft, die Zuschlagsquote lag damit bei hohen 95,1 Prozent. Das ist viel im Vergleich zur Konkurrenz. Und auch Lehrs Highlight, Georg Scholz’ innige, nach eigenen Worten „ein wenig schwule“ Mittagsruhe der beiden „Schwestern“, ließ keine Wünsche offen. Schon in der Oktober-Auktion 2022 konnte Lehr das Stillleben „Tote Hühner“ des großen Gesellschaftskritikers bei einer Schätzung von 100.000 Euro für immerhin 400.000 Euro an den Mann bringen. Folgerichtig hatte sie die intime Szene mit Scholz’ Ehefrau und seiner Schwägerin, die sich halbnackt in seidenem Unterkleid und perlmuttfarbenen Strümpfen auf einem Diwan eng aneinanderschmiegen, mit 200.000 Euro angesetzt. Vor allem ein Münchner Sammler engagierte sich ausgiebig für das neusachliche Gemälde aus dem Jahr 1928, konnte seine Mitbewerber erst bei 650.000 Euro abschütteln und zahlte schließlich mit Aufgeld 832.000 Euro.
Auch die übrigen Positionen von Georg Scholz standen in Berlin auf den Einkaufslisten gleich mehrerer Sammler: Die vorbereitende Bleistiftzeichnung zu den „Schwestern“ kletterte von 1.500 Euro auf 8.000 Euro, sein 1929 gemaltes „Selbstbildnis mit Malerkittel“ und skeptischem Blick verdoppelte seinen Wert auf 20.000 Euro, und für die Tuschezeichnung „Der Glockenturm“ von 1919, in der frühen futuristischen Phase in einzelne Kreissegmente zergliedert, lautete das Schlussgebot 26.000 Euro (Taxe 15.000 EUR). Andere Werke der Neuen Sachlichkeit stießen gleichfalls auf regen Zuspruch, etwa Will Küppers menschenleere stille „Brücke bei Cöln“ von 1928 mit 3.600 Euro (Taxe 600 EUR) oder Werner Carl Schmidts kühl-erotisch aufgeladenes „Selbstporträt mit Akt“ von 1930 mit 7.500 Euro (Taxe 6.000 EUR). Etwas Zurückhaltung legte die Kundschaft bei höher taxierten Gemälden an den Tag, so bei Georg Schrimpfs besinnlichem Frauenbildnis „Ausschauende“ mit introvertiertem Blick von 1923 mit 46.000 Euro oder bei Franz Radziwills magisch-realistischem bizarrem Naturschauspiel „Blick von den Dünen von Schoorl“ aus dem Jahr 1926 mit 44.000 Euro (Taxe je 50.000 EUR).
Den zweithöchsten Preis gab es am 29. April für ein farbfrisches Stillleben mit „Blumen und Schatten“ von Gabriele Münter aus dem Jahr 1935 mit guten 75.000 Euro (Taxe 60.000 EUR). Christian Rohlfs schloss sich gattungsmäßig daran mit seinen drei sonnengelben Quitten in einer Schale aus dem Jahr 1921 bei 17.000 Euro an (Taxe 20.000 EUR). Vor allem für weniger bekannte Künstlerinnen und Künstler der Zwischenkriegszeit konnte Irene Lehr wieder gute Ergebnisse erwirtschaften, etwa für Dörte Clara Wolff, alias Dodo. Auf ihrem Aquarell „Keine Chance“, mit dem Dodo das alte Motiv des ungleichen Paares aufgreift, macht sich ein asiatischer Herr bei einer unnahbaren europäischen Dame von Welt falsche Hoffnungen und auch falsche Vorstellungen über den Preis: Aus den anvisierten 8.000 Euro wurden letztendlich 36.000 Euro. Auf niedrigerem Niveau ging es für Julius Klabers spätimpressionistischen heiter-sommerlichen Ostseestrand mit zahlreichen Badegästen von 1925 bei 3.400 Euro aufwärts (Taxe 700 EUR), ebenso für Martha Bernsteins gemäßigt expressive Szene eines alten Paars im Vorgarten zwischen Rosenkugeln von 1921 bei 2.200 Euro (Taxe 500 EUR) oder Grethe Jürgens’ sozialkritische Gouache eines Kiepenmanns in Rückenansicht aus dieser Zeit zum gleichen Wert (Taxe 1.000 EUR).
Die Unbekannten
Für die gestalterische Vielfalt der Moderne standen etwa noch Rudolf Auslegers flächig kubistisch konzipierte „Dame“ von 1930 für 8.000 Euro (Taxe 6.000 EUR), Margarete Kubickas Aquarell „Tod des Amundsen“ von 1927/28 mit kleiner Figurengruppe in kristallin gebrochenen Eisfeldern der Barentssee für 12.000 Euro (Taxe 5.000 EUR) oder Louise Loebers und Dirk Konings zu geometrischen Farbflächen geronnenes Blumenstillleben „Aronskelk II“ aus dem Jahr 1928 für 6.000 Euro (Taxe 3.500 EUR). Auch Carl Lohse tat sich mit seinen vier Positionen leicht und trennte sich bei 11.000 Euro von seiner spätexpressionistischen „Nächtlichen Ostseelandschaft bei Ahrenshoop“ in Blaugrau und Schwarz von 1937 (Taxe 5.000 EUR) und erst bei 24.000 Euro von seiner ebenfalls mit welligem Pinselstrich aufgetragenen „Herbststimmung“ unter einer Baumallee mit einsamer Spaziergängerin (Taxe 7.000 EUR). Otto Nagel blickte an einem trüben Tag des Jahres 1934 aus einem Fenster und sah den nun 13.500 Euro teuren „Frühling am Wedding“ mit einem ruhigen Treiben auf den Straßen Berlins (Taxe 8.000 EUR). Ernst Wolfhagens trautes Paar im Grünen von 1939 brachte mit 9.000 Euro das Doppelte der Erwartung ein.
Eine rege Nachfrage löste das intensive, beinahe brennende Selbstbildnis des norddeutschen Malers Johann Valett von 1919 aus. Das durch die Fronterlebnisse des Ersten Weltkriegs geprägte Portrait auf rot glühendem Grund verbesserte sich von 2.500 Euro auf 18.000 Euro. Während Theodor Rosenhauers pastos gespachtelte graue Tonvase mit Zinnien, Malven, Nelken und Rittersporn bei taxgerechten 20.000 Euro aus dem Auktionssaal wanderte, gab Maria Caspar-Filsers furios angestimmtes Blumenstillleben mit Rosen, Lilien und Rittersporn in einer weißen Vase von 1915 leicht auf 11.000 Euro nach (Taxe 12.000 EUR). Deutlicher war der Abschlag bei Jeanne Mammens Aquarell einer sich eben schick zurechtmachende „Fräulein Kunstmalerin“ im Dessous samt schwarzer Katze aus dem Jahr 1925 mit 20.000 Euro (Taxe 35.000 EUR), wohingegen ihr Tuscheblatt „Die dicke Sängerin I“ um 1932 auf 4.200 Euro (Taxe 3.000 EUR) und ihre lavierte Zeichnung einer Frau mit zwei Männern „Im Gespräch“ auf 5.000 Euro zulegen konnten (Taxe 1.200 EUR).
Bei der Skulptur der Moderne war der Zuspruch wiederum geteilt. Für den Steinguss von Wilhelm Lehmbrucks nachdenklichem „Kopf der großen Sinnenden“ fiel der Hammer schon bei 36.000 Euro; eigentlich hätten es 50.000 Euro sein sollen. Dafür regte sich die Kauflaune bei William Wauers dynamisch-kantigem „Steinstoßer“ von 1920, dessen Wert von 5.000 Euro auf 30.000 Euro schnellte. Gerhard Marcks’ später gemütlicher Bronze-Elefant von 1970 trabte bei 13.000 Euro davon (Taxe 6.000 EUR). Zu den wenigen abstrakten Positionen vor dem Zweiten Weltkrieg gehörten zwei Arbeiten von Erich Buchholz. Sein buntes Aquarell „Vier oder sieben Senkrechte“ holte sich 4.800 Euro (Taxe 3.000 EUR), und die ein Jahr jüngere Sperrholzplatte, auf die Buchholz geometrische Formen in „Dunkel gegen Hell I“ setzte, verdoppelte ihren Wert auf 16.000 Euro. Geheimnisvolle fremde Gestalten, die an etwas Organisches und die Werkreihe „Triebkräfte der Erde“ erinnern, verlockten in Fritz Winters früher Komposition von 1931 zu 20.000 Euro (Taxe 9.000 EUR).
Die Jüngeren
Da war die Kunst des Informel aus der Nachkriegsepoche nicht mehr weit, die unter anderem Winters rhythmisierte Mischtechnik „Mitschwingendes Blau“ von 1953 für 7.000 Euro (Taxe 6.000 EUR) oder Theodor Werners schwebende Farbseen auf der teils in Abklatschtechnik gefertigten Leinwand „Blühen“ von 1956 für 8.500 Euro zu bieten hatte (Taxe 4.000 EUR). Rolf Cavael trat mit seiner „Abstrakten Komposition N° 63/N7“, in der er die Farbinseln auf weißem Grund mit schwarzen Kritzeleien überzog, bei 4.000 Euro hinzu (Taxe 1.500 EUR). Bei Gerhard Altenbourgs dichtem poetischem Aquarell „Vögel“ von 1951, das sich bei 15.000 Euro gewinnbringend platzierte, überwog der abstrakte Ansatz (Taxe 10.000 EUR), ebenso bei HAP Grieshabers gleichaltrigem, blau dominiertem Farbholzschnitt „Vogelfrei“, wofür bei nur zehn bekannten Exemplaren 7.500 Euro fällig waren (Taxe 6.000 EUR).
Der Katalog listete auch einige streng geometrische Ansätze, darunter die hochformatige Leinwand „Modular“ des polnisch-amerikanischen Malers Julian Stanczak von 1981 mit einem scheinbar sich hervorwölbenden Rechteck für 28.000 Euro (Taxe 25.000 EUR). Anton Stankowski ergänzte mit seinen beiden Quadraten „Schrägelement vielfarbig“ von 1972 für 2.600 Euro (Taxe 2.000 EUR) und „Schrägelement in ganzer Farbskala“ von 1976 für 8.000 Euro (Taxe 3.000 EUR), Klaus Staudt dann mit seinem unikaten weißen Relief „Einheit und Vielfalt“ von 2004, auf dem schräg gestellte Rechteckplättchen neun Quadrate ausbilden, für 14.000 Euro (Taxe 9.000 EUR). Aus der Konzeptkunst beteiligten sich Robert Barry mit einer seiner charakteristischen „Wort-Arbeiten“ auf rosafarbenem Grund von 1987 für 4.000 Euro (Taxe 3.000 EUR) und der ebenfalls mit Sprache und Schrift agierende László Lakner. 1976 malte er auf der großformatigen Leinwand „Décédé“ die Todesurkunde für den Künstlerkollegen Chaïm Soutine aus dem Jahr 1943 nach und erhielt dafür nun 22.000 Euro (Taxe 9.000 EUR).
Doch auch bei der jüngeren Kunst behielt das Figurative die Oberhand. Christian Ludwig Attersees freche bunte Zeichnungen „Marokko“ von 1971 und „Tanzstellung mit Bauchtakelage“ von 1972 in einem erotischen Surrealismus wurden jeweils mit 3.200 Euro umworben (Taxe je 1.500 EUR). Gewitzt war zudem Paul Floras für 5.000 Euro ersteigertes Tuscheblatt „Bonaparte“, auf dem der französische Machthaber um 1975 in einer übermächtigen Pyramide versinkt (Taxe 2.000 EUR). Als Zeichner trat außerdem Uwe Lausen auf und brachte unter anderem sein schwarzweißes, mit Text übersätes Bild „Ohne Risiko ist das Leben langweilig“ für 2.200 Euro an den Sammler (Taxe 1.000 EUR), die farbige halluzinatorische Skizze „Au Gust Sea“ für 3.800 Euro (Taxe 2.000 EUR).
Bei den Bildhauern taten sich Fritz Koenig mit seiner aufgerissenen metaphysischen Bronzeplastik „Ursprung“ von 1964 für 24.000 Euro (Taxe 7.000 EUR) und Werner Stötzer mit der „Sitzenden mit aufgestütztem Arm“ und angezogenem Bein von 1970/74 als Portrait von Werra für 16.000 Euro hervor (Taxe 4.000 EUR). Zum fünfjährigen Bestehen seiner Galerie im Jahr 1969 lud der Berliner Kunsthändler René Block 19 Künstler dazu ein, einen hölzernen Rollschrank mit ihren Objekten zu bestücken. Das Miniaturmuseum „En Bloc“, die 20. Edition der Galerie, an der unter anderen Joseph Beuys, KP Brehmer, Hansjoachim Dietrich, Bernd Lohaus, Blinky Palermo, Sigmar Polke, Gerhard Richter, Dieter Roth, Tomas Schmit oder Wolf Vostell mitgewirkt haben, erzielte 65.000 Euro (Taxe 60.000 EUR).
Malerisch wurde es noch einmal mit Clemens Gröszers veristischer „Sächsischer Venus“, einem extravaganten Akt von 1992 mit roten Handschuhen für 16.000 Euro (Taxe 14.000 EUR), und mit Volker Stelzmanns Menschen, die seit 1996 auf „Schmaler Bühne“ ungelenk und geheimnisvoll agieren, für 17.000 Euro (Taxe 10.000 EUR). Der in Frankreich lebende Vietnamese Mai Trung Thu, der in seiner Kunst westliche und östliche Einflüsse kombinierte, musste für die sich schminkende Asiatin „Maquillage (Jeune femme au miroir)“ von 1967 einen Abschlag auf 37.000 Euro hinnehmen (Taxe 50.000 EUR). Dafür konnte Irene Lehr noch einen Auktionsrekord generieren: Albert Eberts nächtliches, beinahe märchenhaftes „Laternenfest an der Saale“ von 1951/54 ist ein charmantes, feinsinniges und ungewöhnlich großes Gemälde im Schaffen des „Rousseau von der Saale“. Die Schätzung von 35.000 Euro hätte eigentlich schon für den neuen Spitzenpreis genügt. Doch dabei beließen es die Sammler nicht und spendierten schließlich 54.000 Euro.
Die Ergebnisse verstehen sich als Zuschlag ohne das Aufgeld. |