 |  | Gustav Klimt, Dame mit Fächer, 1917/18 | |
Es ist das teuerste Kunstwerk, das jemals in Europa bei einer Versteigerung gehandelt wurde. So preist Sotheby’s die „Dame mit Fächer“ von Gustav Klimt an, die vergangene Woche in London Auktionsgeschichte geschrieben und mehrere Rekorde aufgestellt hat. Dafür musste schon ein Meistwerk herhalten. Die sinnliche Schöne, die nach Klimts Tod im Februar 1918 noch auf der Staffelei in seinem Atelier stand, hatte das Zeug dazu, zumal sie noch bis vor kurzem ihren großen Auftritt im Wiener Belvedere hatte. 1917 begann der Jugendstilmaler mit dem Portrait der jungen faszinierenden Unbekannten im Profil vor einer gelben Tapete mit Pfauen- und Blütenmotiven. Der damals so gewichtige japanische Einfluss zeigt sich auch im Kimono, der ihr gerade von der Schulter rutscht. Vier Bieter stritten sich um die verführerische Dame, darunter auch die Kunstberaterin Patti Wong, frühere Vorsitzende von Sotheby’s International, die sich letztlich für ihren Kunden aus Hongkong bei 74 Millionen Pfund gegen einen weiteren Mitstreiter aus Asien unter Beifall durchsetzen konnte. Mit dem Aufgeld fallen für den chinesischen Sammler nun rund 85,3 Millionen Pfund an. Veranschlagt waren mehr als 65 Millionen Pfund.
Zuletzt hatte das Gemälde im Mai 1994 bei Sotheby’s in New York 10,6 Millionen Dollar netto eingebracht – schon damals der Rekord für Klimt. Auch der aktuelle Preis markiert die neue Klimt-Höchstmarke und übertrifft mit seinen umgerechnet 94,3 Millionen US-Dollar die 91 Millionen Dollar, die Christie’s erst im vergangenen November für den „Birkenwald“ aus der Sammlung des Mircosoft-Mitbegründers Paul Allen erzielen konnte. Die „Dame mit Fächer“ stellte zudem die 58 Millionen Pfund in den Schatten, die 2010 bei Sotheby’s für Alberto Giacomettis Bronzefigur „L’Homme qui marche I“ zusammenkamen und bisher der Spitzenpreis für ein Kunstwerk in Europa waren. Und schließlich macht Sotheby’s für die „Dame mit Fächer“ noch den zweithöchsten Auktionszuschlag für ein Porträt egal aus welcher Epoche aus.
Gut, dass sich Sotheby’s mit dem Klimt-Werk die mit Abstand teuerste Position der Londoner Saison sichern konnte. Denn die 85,3 Millionen Pfund machen fast schon die Hälfte des Gesamtumsatzes von gut 190 Millionen Pfund aus, und trotz der hohen losbezogenen Zuschlagsquote von 85 Prozent ist eine gewisse Beruhigung auf dem Kunstmarkt spürbar. Denn Sotheby’s wie auch die Konkurrenz mussten sich arg anstrengen, gute Kunst für die Auktionswoche zu akquirieren. Mehr als ein Drittel der Lose war mit Garantiesummen und unwiderruflichen Geboten versehen, die auf Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts ausgerichtete Auktion mit nicht wenigen Arbeiten des 19. Jahrhunderts unterfüttert. Abseits des Klimt-Portraits lief die Versteigerung weitgehend geschäftsmäßig und ohne großes Aufsehen ab. Platz 2 belegte bei 8,1 Millionen Pfund und damit 100.000 Pfund über dem unteren Grenzwert Lucian Freuds „Night Interior“, ein ruhiges Aktbild von Penelope Cuthbertson auf einem Fauteuil neben einer Badewanne von 1968/69.
Beide Gemälde gehörten zu einer dreizehn Lose umfassenden eigenen Abteilung der Auktion, die Sotheby’s anlässlich der eben wiedereröffneten Londoner National Portrait Gallery unter das Motto „Face to Face: A Celebration of Portraiture“ gestellt hatte. Hier taten sich Alberto Giacometti mit seiner schrundig aufgerissenen, teils farbig gefassten „Buste de Diego au col roulé“ von 1951 bei 4,6 Millionen Pfund (Taxe 4 bis 6 Millionen GBP), Jenny Saville mit ihrem überlebensgroßen Kopfbild „Shadow Study“ von 2006/07 für 2,8 Millionen Pfund (Taxe 2 bis 3 Millionen GBP) und Leonor Fini mit ihrem 1938/41 gemalten, etwas unsicher gehaltenen „Autoportrait au turban rouge“ bei 560.000 Pfund hervor (Taxe 400.000 bis 600.000 GBP). Während Kerry James Marshall mit seinem markanten Bildnis einer schwarzen Frau in buntem Kleid über limonenfarbenem Grund wenigstens noch 2,5 Millionen Pfund einnahm (Taxe 2,8 bis 4,5 Millionen GBP), interessierte sich niemand für Edvard Munchs frühes lebensgroßes Portrait seines jung verstorbenen Malerkollegen Karl Jensen-Hjell von 1885 (Taxe 2,5 bis 3,5 Millionen GBP). Gerhard Richters grau verschwommenes, unfertig wirkendes „Portrait Laszlo“ von 1966 konnte sich dann wieder bei 600.000 Pfund an der unteren Schätzung durchsetzen.
Der 92jährige deutsch-britische Künstler Frank Auerbach steuerte ebenfalls Portraitkunst zur Auktion am 27. Juni bei und nahm für die 1963 dick in Gelb, Rot und Blau aufgespachelte, gar nicht mehr als Frau erkennbare „E.O.W. on her Blue Eiderdown VII“, hinter der sein bevorzugtes Modell Estella Olive West steht, gute 3,7 Millionen Pfund ein (Taxe 2,5 bis 3,5 Millionen GBP). Mit seiner ebenfalls pastosen Londoner Stadtansicht „Mornington Crescent“ von 1969 verfehlte Auerbach bei 4,6 Millionen Pfund seinen bisherigen Auktionsrekord nur um 100.000 Pfund (Taxe 3,5 bis 4,5 Millionen GBP). Cy Twombly hatte nicht soviel Glück. Seine Leinwand „Untitled“ von 1970 mit roten Kringellinien auf grauweißen Grund ging schon bei 7,9 Millionen Pfund an den Garantiegeber (Taxe 8 bis 12 Millionen GBP), ebenso Jean-Michel Basquiats „Big Snow“ von 1984 mit einer Hommage an den schwarzen Sportler Jesse Owens an der unteren Schätzgrenze von 3,5 Millionen Pfund.
Mehr Euphorie kam bei einigen Positionen der Moderne auf, etwa bei Chaïm Soutines expressiver, aus dem Lot geratener Landschaft „Les gorges du Loup (La maison hantée) IV“ um 1921 mit 900.000 Pfund (Taxe 650.000 bis 850.000 GBP) oder bei René Magrittes surrealer Gouache „La Savoir“ mit 3,4 Millionen Pfund, bei der eine geöffnete Tür zur Tageszeit auf einer Anhöhe über einem Tal steht, aber den Blick durch den Türrahmen in eine mondbeschienene Nacht freigibt (Taxe 1,6 bis 2,6 Millionen GBP). Bei jeweils 3,3 Millionen Pfund ging es für Lucio Fontanas schnittgesättigtes „Concetto spaziale, Attese“ von 1960 in Rosa bergauf (Taxe 2 bis 3 Millionen GBP), für Barbara Hepworths glatte, ovale und geöffnete Bronzeform „Elegy III“ allerdings bergab (Taxe 4 bis 6 Millionen GBP). Zwei weitere Bildhauerinnen trumpften in der Versteigerung dann aber mit neuen Rekordwerten auf: die Libanesin Saloua Raouda Choucair mit ihrer totemartigen Bronzestele „Poem“ von 1963 im einem Guss des Jahres 2013 bei 550.000 Pfund (Taxe 250.000 bis 350.000 GBP) und die kenianisch-britische Töpferin Magdalene Odundo mit ihrer elegant stilisierten, schwarzbraunen Terrakottavase von 1999 bei 420.000 Pfund (Taxe 100.000 bis 150.000 GBP).
Am 27. Juni stand bei Sotheby’s in London außerdem „The Now Evening Auction“ mit junger Kunst auf dem Programm. Bei vierzehn Losen, von denen eines liegenblieb, kamen hier noch einmal 8,7 Millionen Pfund zusammen. An erster Stelle positionierte sich Mark Bradfords „Stand down soldier…“, eine großformatige Leinwand mit der Neuinterpretation eines wuseligen Stadtplans von Los Angeles aus dem Jahr 2018, zur niederen Schätzung von 2,5 Millionen Pfund. Steigerungen um ein Vielfaches, wie sonst nicht üblich, blieben diesmal aus. Die meisten Arbeiten hielten sich an die Vorgaben, etwa Sarah Lucas’ eigenwillige, ihrem Namen folgende Bronzeskulptur „Tit-Cat Down“, die 2015 im britischen Pavillon auf der Biennale in Venedig zu sehen war, an 75.000 Pfund (Taxe 65.000 bis 85.000 GBP) oder die gleichaltrige schwarze Keramikbüste „Mandeville“ der Goldenen Löwen-Gewinnerin Simone Leigh mit einem Haarkranz aus blauen Rosen an 380.000 Pfund (Taxe 300.000 bis 400.000 GBP).
Bei einigen Positionen gab es dann aber doch Ausschläge nach oben. Caroline Walkers unheimliches Interieur „Red Sky Morning“ aus dem Jahr 2013 legte von 200.000 Pfund auf 360.000 Pfund zu. Michel Majerus’ „MoM Block Nr. 57“, eine Hommage an Jean-Michel Basquiat aus dem Jahr 1999, verzeichnete 520.000 Pfund und landete damit hinter einer motivgleichen Arbeit, die im vergangenen Jahr bei Sotheby’s für 880.000 Singapur-Dollar, damals rund 537.000 Pfund, zugeschlagen wurde, auf Platz zwei der Majerus-Auktionsrangliste (Taxe 250.000 bis 350.000 GBP). Bei einer noch mageren Ausbeute an Auktionsergebnissen reichten Arthur Jafa 110.000 Pfund für den ersten Platz. Sein Schwarzweißfoto mit dem bezwingenden Selbstporträt „Monster“ von 2018 hätte 40.000 bis 60.000 Pfund kosten sollen.
Die Ergebnisse verstehen sich als Zuschlag ohne das Aufgeld. |