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Marktberichte

Aktuellzum Archiv:Auktions-Nachbericht

Das Dorotheum hatte in seiner Auktion „Gemälde Alter Meister“ mit einer deutlichen Zurückhaltung bei den hohen Schätzungen zu kämpfen. Nur selten griffen die Sammler tief in die Tasche, dann aber mit Schmackes

Judith, geliebt und verschmäht



Fede Galizia,  Judith mit dem Haupt des Holofernes, um 1610/15

Fede Galizia, Judith mit dem Haupt des Holofernes, um 1610/15

Die biblische Gestalt der Judith war für viele Malerinnen früherer Jahrhunderte eine Identifikationsfigur. Sahen sie in ihr doch eine selbstbewusste Frau, die sich der Übermacht und Fremdbestimmung durch das männliche Geschlecht kraftvoll und siegreich entgegenstellt. Auch die in der Mitte der 1570er Jahre geborene Lombardin Fede Galizia nahm sich des Sujets der israelitischen Heldin, die ihr Volk vor der Vernichtung durch die assyrische Armee rettet, häufiger an und malte erstmals in den frühen 1590er Jahren ihre „Judith mit dem Haupt des Holofernes“. Eine spätere, bisher unbekannte Version der schönen Witwe, die sich nur mit ihrer Magd ins feindliche Lager wagt, den Heerführer Holofernes mit ihren Reizen um den Finger wickelt, ihn trunken macht und dann im Schlaf enthauptet, war der Star in der Auktion „Alte Meister“ beim Dorotheum. Ausgehend von einer moderaten Schätzung von 200.000 bis 300.000 Euro – für Stillleben von Fede Galizia werden mitunter Millionenbeträge bezahlt – verdoppelte sich der Wert für das um 1610/15 datierte Gemälde auf 480.000 Euro, womit es die Spitzenposition der Versteigerung einnahm.


Aber auch für Männer war Judith ein Thema. Dazu hatte das Dorotheum am 3. Mai den erst vor kurzem namentlich identifizierten Italiener Bartolomeo Mendozzi aufgefahren. Doch seine blutspritzende Enthauptungsszene in starkem Hell-Dunkel-Kontrast wollte bei 400.000 bis 600.000 Euro niemand haben. Die Favoritenrolle hatte das Wiener Auktionshaus gleichfalls dem Utrechter Caravaggist Hendrick ter Brugghen und seinem realistisch aufgefassten „Lautenspieler“ mit roter Nase zugewiesen. Aber auch hier blieben die Gebote aus. Mit gut 62 Prozent verkaufter Positionen lag die Auktion für das Dorotheum in einem soliden Bereich. Allerdings fanden weitere höher taxierte Werke keine Abnehmer. Dazu gehörten etwa Giovanni Benedetto Castigliones antiker Sagenstoff von der Auffindung des Cyrus-Knaben und Jan Frans van Bloemens idealisierte Capricci mit berühmten Bauwerken aus dem alten Rom (Taxe je 80.000 bis 120.000 EUR), Gregorio de Ferraris Allegorie „Caritas Romana“ und das zum wiederholten Mal offerierte Gemeinschaftsbild „Abraham und die drei Engel“ von Artemisia Gentileschi und ihrem Schüler Onofrio Palumbo (Taxe je 150.000 bis 200.000 EUR) oder auf französischer Seite Gabriel François Doyens ausgelassenes Bacchanal mit ineinander verschlungenen Akten im Wald (Taxe 100.000 bis 150.000 EUR). Diese Gemälde hätten zum Bruttoumsatz von rund 5,57 Millionen Euro noch ein erfreuliches Sümmchen beitragen können.

Die Kundschaft tendierte eher zu den günstig bewerteten Werken. So kamen für eine nach Dürers Kupferstichvorlage frei adaptierte „Maria mit der Meerkatze“, die dem Dresdner Hofmaler Zacharias Wehme um 1600 zugeschrieben wird, einträgliche 26.000 Euro zusammen (Taxe 15.000 bis 20.000 EUR), für die humorvolle und lebensfrohe Mythologie „Die Trunkenheit des Bacchus“ aus der Werkstatt Hans Baldung Griens 45.000 Euro (Taxe 25.000 bis 35.000 EUR). Bei den Kleinmeistern der italienischen Renaissance waren eine thronende Madonna mit dem segnenden Jesus- und dem jungen Johannes-Knaben vom Meister der Epiphanie von Fiesole bei 38.000 Euro (Taxe 25.000 bis 30.000 EUR) und eine Anbetung des Kindes durch Maria und Johannes den Täufer mit der Stigmatisierung des heiligen Franziskus auf einem Tondo aus der Werkstatt Domenico Ghirlandaios bei 75.000 Euro gefragt (Taxe 60.000 bis 80.000 EUR). Von einem Mitarbeiter des Venezianers Gentile Bellini stammte eine Wiederholung des Portraits „Der Doge Giovanni Mocenigo“ im Profil mit kostbarem Hermelinmantel, goldbesticktem Stoffkragen und dem spitz zulaufenden Corno Ducale. Hier trieben die Interessenten den Preis von 30.000 Euro auf 65.000 Euro.

Ein Maler aus dem engen Umfeld von François Clouet fertigte nach dessen Bild im Kunsthistorischen Museum Wien ein Portrait des noch jugendlichen Königs Karl IX. von Frankreich, das sich mit 75.000 Euro ebenfalls gut schlug (Taxe 40.000 bis 60.000 EUR). Die teuren Positionen wurden dagegen oft ohne Gegenwehr von einem Interessenten übernommen, etwa ein schöner heiliger Sebastian aus der Werkstatt Pietro Peruginos für 235.000 Euro (Taxe 300.000 bis 400.000 EUR), die drei erhaltenen Tafeln des mehrflügeligen Cyriacus-Altars aus der Kölner Stiftskirche St. Kunibert von Bartholomäus Bruyn d.Ä. für 180.000 Euro oder zum gleichen Betrag ein markanter Apostel Andreas von Anthonis van Dyck (Taxe je 200.000 bis 300.000 EUR). Bei identischer Bewertung kam bei einer statischen Kreuzigung Christi unter dunklen Wolken von Bernardino Luini und seiner Werkstatt mit 220.000 Euro etwas mehr Bieteifer auf. Paolo de Matteis’ spätbarocker „Triumph der Galatea“, die auf einer Muschel mit ihrem Gefolge durch das Meer reitet, orientierte sich am unteren Schätzrand von 100.000 Euro.

Der Preisgipfel bei den Stillleben lag bei etwas bescheidenen 190.000 Euro für Frans Snyders’ schmackhaftes Arrangement aus Hummer auf einer Porzellanplatte, Spargel, Artischocken und einem Früchtekorb (Taxe 200.000 bis 300.000 EUR). Mehr Glück hatte Jacob van Hulsdonck mit seiner Komposition aus Himbeeren in einer blau-weißen Schale, weiteren Früchte auf einem Silbertablett und einer Blumenvase auf einem schlichten Holztisch, die mit 30.000 bis 40.000 Euro niedrig angesetzt war und sich dann auf 100.000 Euro aufschwang. Beliebt war bei 20.000 Euro zudem ein üppiges Blumenbouquet aus Tulpen, Lilien, Narzissen und andere Blüten in einer skulpturierten Vase, das einer Gruppe von italienischen Malern um 1700 unter dem Notnamen „Meister der Grotesken Vase“ zugewiesen ist (Taxe 15.000 bis 20.000 EUR). Namentlich greifbar ist die in Rovigo in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts tätige Elisabetta Marchioni, die mit ihren beiden summarischen, daher eher duftigen Sträußen aus Rosen, Anemonen, Tulpen, Nelken und Schneeballen in Metallvasen bei 36.000 Euro reüssierte (Taxe 20.000 bis 30.000 EUR). Erst im Nachverkauf ging Jan Breughels d.J. bunte Blütenpracht in einem Korb und auf einer Tazza bei 72.000 Euro weg (Taxe 100.000 bis 200.000 EUR). Damit schnitt das Stillleben deutlich schlechter als die 120.000 Euro ab, die im Oktober 2019 für das Gemälde im Dorotheum schon einmal bewilligt wurden.

Auf der Habenseite standen noch einige Meister des Goldenen Zeitalters der niederländischen Malerei, darunter Gillis van Tilborgh. Sein fast drei Meter breites ländliches Festmahl vor einem Gasthaus mit einer überraschend realistischen und individuellen Personenzeichnung, das 1992 bei Sotheby’s in London schon einmal 100.000 Pfund erwirtschaftete, kletterte nun von 80.000 Euro auf 200.000 Euro. Auf niedrigerem Niveau folgte Cornelis Droochsloot mit seiner Winterszene zahlreicher Schlittschuhläufer auf einem zugefrorenen Kanal vor einer befestigten Stadt, die ihren Wert auf 24.000 Euro verdoppelte. Das 18. Jahrhundert zeichnete sich durch die Portraitkunst aus. Hier tat sich eine Serie mit vier Habsburger Prinzessinnen hervor: Die Töchter Maria Theresias wurden zu Preisen zwischen 28.000 Euro und 32.000 Euro klar über der Schätzung von jeweils 8.000 bis 12.000 Euro übernommen. Ein Pastellportrait der Erzherzogin Maria Christina von Österreich mit auffälligem Kopfputz, das mit einem entsprechenden Gemälde von Alexander Roslin in Verbindung gebracht wird, legte gar von 7.000 Euro auf 36.000 Euro zu.

Auch Sir Joshua Reynolds’ Bildnis der anämischen Margaret Scott, der zukünftigen Lady Montgomery, vor schwarzem Hintergrund noch dazu im weißen Kleid blieb mit 22.000 Euro nicht unentdeckt (Taxe 12.000 bis 18.000 EUR). Den Schlusspunkt der Auktion setzte die venezianische Vedutenmalerei, darunter Francesco Tironis Fest am Himmelfahrtstag bei der heute nicht mehr existierenden Chiesa San Nicolò di Castello mit dem Dogen im Bucintoro und zahlreichen ihn begleitenden Booten für verhaltene 49.000 Euro (Taxe 50.000 bis 70.000 EUR) und Michele Marieschis Blick in den Canal Grande mit der Rialtobrücke, dem Palazzo dei Camerlenghi und den Fabbriche Vecchie für erwartete 220.000 Euro (Taxe 200.000 bis 300.000 EUR).

Die Ergebnisse verstehen sich als Zuschlag ohne das Aufgeld.

Kontakt:

Dorotheum

Dorotheergasse 17

AT-1010 Wien

Telefon:+43 (01) 515 60 0

Telefax:+43 (01) 515 60 443

E-Mail: client.services@dorotheum.at

Startseite: www.dorotheum.com



25.07.2023

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Ulrich Raphael Firsching

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03.05.2023, Alte Meister

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Judith im Geschlechterkampf

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Anthonis van Dyck,  Heiliger Apostel Andreas

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