Bonner Bundeskunsthalle im Zeichen der Postmoderne  |  | in der Ausstellung „Alles auf einmal: Die Postmoderne, 1967-1992“ | |
Das eigene Haus ist das größte Exponat: Die vom Wiener Architekten Gustav Peichl entworfene und 1992 eröffnete Bundeskunsthalle in Bonn. „Alles auf einmal: Die Postmoderne, 1967-1992“ lautet der Titel einer großen Überblicksausstellung, in der die Bundeskunsthalle eine vorwiegend in Architektur und Design verortete künstlerische Strömung und darin sich selbst vorstellt. In der zweiten Hälfte der 1960er Jahre setzte ein Wandel ein. Das Dogma schmuckloser, stereometrischer Baukörper und Einrichtungen überzeugte nicht mehr. Eine Vielfalt bildhafter Formen und Zitate aus Symbolen, Zeichen, Ornamenten und Versatzstücken befruchtete die Kunstwelt. An die Stelle funktionaler Gehäuse traten erdichtete Fiktionen. Aus Bauwerken wurden Kunstwerke mit einem schönen Schein. Die Zeit des „Bauwirtschaftsfunktionalismus“ schien vorüber.
„Das Haus soll Mittel der Darstellung sein, nicht nur Instrument des Nutzens“, konstatierte seinerzeit der deutsche Architekturpapst Heinrich Klotz. In der stark diskutierten Eröffnungsschau des von ihm geleiteten neuen Deutschen Architekturmuseums in Frankfurt mit dem Titel „Die Revision der Moderne. Postmoderne Architektur 1960-1980“ gab er 1984 einen ersten prüfenden Überblick über die Tendenzen dieser Bewegung. Viele Projekte, die seinerzeit dort ausgestellt waren, finden die Besucher*innen nun wieder in der Bonner Kunsthalle, beginnend mit Robert Venturis „Guild House“ in Philadelphia von 1963 über Peter Eisenmans Modell vom „Haus Falk“ in Vermont von 1970 und Frank O. Gehrys „Residence“ in Santa Monica von 1977 bis hin zu Oswald Mathias Ungers’ Frankfurter Architekturmuseum, das er als „Haus-im Haus“ konzipierte. Natürlich darf auch das Modell der „Piazza d’Italia“ in New Orleans von Charles Willard Moore, einem der „Gründerväter“ der Postmoderne, nicht fehlen.
Seinerzeit nicht einbezogene Varianten der vielseitigen Strömung hat das Kuratorenteam aus Eva Kraus und Kolja Reichert nun bei der aktuellen Zusammenstellung von 400 Exponaten aus der Hand von 123 Künstlern berücksichtigt. Allen voran Aldo Rossis Modell des geplanten, aber nicht ausgeführten Deutschen Historischen Museums in Berlin von 1987 oder James Stirlings „Pop-Collage“ für die Neue Staatsgalerie in Stuttgart von 1984 sind als Beispiele für den damaligen Museumsbauboom zu bewundern, wobei letztgenanntes Modell Ende der 1970er Jahre bereits eine erste breite Debatte über die postmoderne Architektur in Deutschland auslöste.
Die 25jährige Ära von der Mondlandung 1967 bis zur 1992 eröffneten Bundeskunsthalle durchschreiten die Besucher*innen wie einen Gang durch die eigene erlebte Geschichte. Neben Architekturmodellen und Designobjekten, unter anderem schräge bunte Raumteiler von Ettore Sottsass oder Alessandro Mendinis verspieltes, auf Hochglanz poliertes Tee- und Kaffeeservice, weitet sich das Spektrum auch auf Mode, Popmusik, Film, Kunst und Literatur aus. Songs der „Neuen Deutschen Welle“ wie Nenas „99 Luftballons“ oder „Völlig losgelöst von der Erde“ von Peter Schilling leiten den geschlängelten Parcours in der großen Ausstellungshalle gedankenschwer ein, bevor er sich in bunten, schrillen, leuchtenden und glitzernden Objekten ergießt. An eine längst vergangene Zeit erinnert das kopierende Crossover verschiedener Epochen und die Explosion künstlerisch-exotischer Fantasien.
Schleichend entwickelte sich nebenbei eine immer stärker dominierende Mediengesellschaft. Geradezu urzeitlich muten heute Computer wie der „Macintosh“ von Apple aus dem Jahr 1984 an. Jenny Holzer reflektiert die Entwicklung zur Überfrachtung mit Informationen in ihren LED-Laufschriften mit verdichteten Slogans und Anleihen an Charakterzüge der Werbung. Nichts ist mehr real, ähnlich wie historische Chiffren in Kunst und Design haben sich in der Informationsgesellschaft fiktive Meldungen vor die Wirklichkeit geschoben. Das Immaterielle wird immer wichtiger, die neuen Medien haben alles verändert. Doch die Renaissance postmoderner Anmut wird von diesen Medien aktuell befördert. Deren Vielfalt und Widersprüchlichkeit entfacht Kulturkämpfe. Mit der Frage nach der Zukunft entlässt die Schau die Besucher*innen.
Die Ausstellung „Alles auf einmal: Die Postmoderne, 1967-1992“ ist bis zum 28. Januar 2024 zu besichtigen. Die Bundeskunsthalle hat täglich außer montags von 10 bis 19 Uhr, mittwochs bis 21 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 13 Euro, ermäßigt 6,50 Euro. Für Kinder und Jugendliche bis einschließlich 18 Jahre ist er frei. Zur Ausstellung ist ein umfangreicher Katalog im Hirmer Verlag erschienen, der in der Kunsthalle 39 Euro, im Buchhandel 49 Euro kostet.
Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland
Helmut-Kohl-Allee 4
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