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Marktberichte

Aktuellzum Archiv:Auktions-Vorbericht

Nicht nur das Schöne, Erhabene und Geschmackvolle präsentiert die Glasauktion von Dr. Fischer in Heilbronn. Die Künstler setzten sich auch mit den Abgründen der Geschichte auseinander

Gotische Kathedrale zerstört



Emile Gallé,  Vase mit der Kathedrale Notre-Dame de Reims und der Inschrift „heure viendra qui tout paiera“, nach 1914

Emile Gallé, Vase mit der Kathedrale Notre-Dame de Reims und der Inschrift „heure viendra qui tout paiera“, nach 1914

Spontan werden Erinnerungen an den verheerenden Brand der Kathedrale Notre-Dame de Paris im April 2019 wach. Doch die Vase aus der Firma Emile Gallé stammt aus dem frühen 20. Jahrhundert. Dort schlagen die Feuerzungen der Kirche Notre-Dame de Reims entgegen, die im Ersten Weltkrieg Ziel deutschen Artilleriefeuers war. Am 17. September 1914 trafen erste Bomben das gotische Bauwerk, weitere folgten in den nächsten Tagen, so dass der Dachstuhl völlig ausbrannte, der Skulpturenschmuck an der Fassade beschädigt und auch weite Teile der mittelalterlichen Glasfenster vernichtet wurden. Bis zum März 1918 dauerte der Beschuss an. Bei Kriegsende erhob sich die Kirche schwer beschädigt über den Trümmern der Stadt. Gallé tauchte dieses Szenario in ein rotbraunes Feuerinferno, aus dem die versehrte Kathedrale mit ihren zerborstenen Fenstern als Ruine dunkel aufragt. Von beiden Kriegsparteien wurde die Zerstörung des Gotteshauses für die eigene Propaganda genutzt, die französische Presse stellte sie als Akt bewusster Barbarei dar. Dem schloss sich selbstredend auch Gallé mit seiner Inschrift „heure viendra qui tout paiera“ – die Stunde kommt, die alles büßt – an.


Die auf Schönheit und Harmonie bedachte Art Nouveau, die sonst die blühende Natur in all ihrer friedfertigen Pracht feierte, musste sich damals der Kriegsrealität stellen. Gallés Vase, die jetzt im Auktionshaus Dr. Fischer 3.500 bis 5.000 Euro kosten soll, ist ein eindrückliches, aber seltenes Beispiel dafür. Darüber hinaus ist die Abteilung „Glas des Jugendstils & Art Déco“ bei dem Heilbronner Versteigerer am 21. Oktober mit rund 200 Positionen gut besetzt. Bei Emile Gallé reicht das Angebot von einer frühen farblosen Karaffe mit stilisiert gemalten Blättern und Ornamentbändern von 1880/85 für 400 Euro bis zur Art Déco-Vase „Groseilles“ aus den 1920er Jahren, die auf dunkelviolettem Grund Zweige und Blätter der Johannisbeere opakorange aufscheinen lässt (Taxe 1.900 bis 2.500 EUR). Gallés Konkurrent, die Firma Daum Frères, beteiligt sich ebenfalls mit einer floralen Vase um 1898 samt geätztem Knospen- und Blätterdekor (Taxe 4.500 bis 6.000 EUR) oder mit dem grünen Schreibzeug samt Tintenfass „Algues“ um 1915 (Taxe 6.500 bis 8.000 EUR), Burgun, Schverer & Co. mit einer Vase um 1900, auf deren ockerfarbenem Fond rotweiße Rosen in voller Blüte stehen (Taxe 4.000 bis 6.000 EUR), und die Verreries Schneider mit einer gedrückten Kegelform von 1918/22, auf deren Wandung sich eine Wasserlandschaft mit Segelbooten hinzieht (Taxe 1.200 bis 1.800 EUR).

Überraschend modern tritt eine kleine Vase von Ernest-Baptiste Léveillé um 1890 auf, die mit einer abstrakten Farbwelt aus grünen und rosaroten Pulvereinschmelzungen und unregelmäßigen gekniffenen Glaswülsten überzogen ist besteht (Taxe 800 bis 1.200 EUR). Klassischer sind wieder die Schöpfungen von Eugène Michel, etwa seine farblose Vase mit weißer Seerose und grünen Blättern um 1900 (Taxe 3.000 bis 5.000 EUR), oder von Gabriel Argy-Rousseau, darunter seine braun-bernsteinfarbene Schale von 1927 mit zwei Vogelflügeln als Henkeln (Taxe 4.800 bis 5.500 EUR) oder seine violette Fußschale mit dem titelgebenden Dekor „Masques et Eventails“ von 1925 (Taxe 6.000 bis 8.000 EUR). Mit der Technik der formgeschmolzenen Pâte de verre arbeitete zudem François-Emile Décorchemont um 1921/24 bei seiner kleinen hellen Henkelschale mit abstraktem Farbspiel (Taxe 2.600 bis 3.500 EUR). In den 1920er Jahren entwarf Auguste Heiligenstein für die Verrerie de Leune eine kugelförmige Vase, die er flächig mit einer opaken schematisierten Reliefmalerei aus Blüten und Blättern teils mit Goldfarbe überzog (Taxe 2.000 bis 2.500 EUR).

Auch der österreichisch-böhmische Jugendstil ließ sich von der floralen Natur inspirieren. So gestaltete die Manufaktur Johann Lötz Witwe um 1900 ihre Vase „Cobalt Norma“ aus einem keulenförmigen silberblau schimmernden Blütenkelch, der von Blättern umspielt wird (Taxe 1.500 bis 2.000 EUR). Aus der beliebten Serie „Karlsbader Secession“ der dort ansässigen Firma Ludwig Moser & Söhne listet der Katalog eine gedrungene Vase mit eingeschmolzenen Bülten in Grün und Violett sowie gravierten Käfern und Schmetterlingen für 800 bis 1.000 Euro und ein ebenso gestaltetes Likörglas für 800 bis 1.200 Euro. Überhaupt ist die Abteilung der Stängelgläser mit 130 Positionen wieder gut besetzt. Höhepunkt ist hier Otto Prutschers kleines farbloses Kelchglas mit kobaltblauem Überfang und geschliffenem geometrischem Muster von 1907 für 1.500 bis 2.000 Euro. Die Kunstsammlungen & Museen Augsburg würdigen aktuell das Schaffen Ida Paulins in einer umfassenden Werkschau. Das Auktionshaus Fischer kann nun mehrere Becher, Gläser, Flakons und Karaffen mit floraler und geometrischer Emailmalerei der Augsburger Glaskünstlerin aus den 1920er Jahren offerieren, die, auf vier Positionen aufgeteilt, nicht mehr als 600 Euro verlangen.

Bei den Glaswaren aus Murano muss der Interessent wieder mit höheren Beträgen rechnen, etwa mit 2.000 bis 2.500 Euro für Vittorio Zecchins hohe tiefblaue Vase „Costolato“ um 1925 mit aufgeschmolzenen schwarzen Tropfen auf der gerippten Wandung. Ermanno Toso ist für seine Schöpfungen aus bunten aneinanderliegenden Murrinen bekannt; drei Vasen mit den kleinen unterschiedlichen Blütenformen aus der Nachkriegsepoche sind für jeweils 2.500 bis 3.500 Euro zu haben. Für die Vase „Spira aurata“ hat Ercole Barovier 1966 diagonal Bänder in Blau und Violett aufgelegt, die sich zu einem dynamischen Muster überlagern (Taxe 600 bis 800 EUR), wohingegen seine Vase „Tessere Ambra“ von 1957 mit braunroten Rechteckplättchen eher statisch wirkt (Taxe 2.000 bis 2.500 EUR). Zu den jüngsten Stücken aus Murano zählt Andrea Zilios vergnügt bunte Vase von 2009 aus verschiedenfarbigen, aufsteigend und alternierend verschmolzenen rechteckigen Unterfängen (Taxe 3.500 bis 4.00 EUR).

Das zeitgenössische Studioglas stellt zum Auftakt der Herbstsaison bei Fischer wieder einmal die teuersten Objekte, zu allererst Vladimíra Klumpars Glasskulptur „Meeting in blue Mountains“, ein blaues, formgeschmolzenes und scharfkantiges geometrisches Gebilde aus dem Jahr 2018 für 14.000 bis 18.000 Euro. Aus Tschechien tritt Jaroslav Matouš mit einer großen Fußschale hinzu, die durch ihr eisglasartiges fragiles Äußere besticht (Taxe 1.500 bis 2.000 EUR), aus den USA Mary Ann Zynsky mit ihrem polychromen Schalenobjekt aus dünnen verschmolzenen und heiß verformten Farbglasfäden (Taxe 2.000 bis 3.000 EUR) und aus Japan Kyohei Fujita mit seiner sechseckigen luxuriösen Deckeldose aus Farbkröseln in opakem Grün und Weiß sowie gerissener Gold- und Platinfolienaufschmelzung in originaler Holzschatulle (Taxe 2.500 bis 3.000 EUR). In diese Preiskategorie ordnet sich zudem Andries Dirk Copiers voluminöse Vase aus dickwandigem Glas mit gelb- und ockerfarbenen Pulvereinschlüssen und großen Luftblasen bei einer Schätzung von 2.500 bis 3.500 Euro ein. Noch weiter in den Norden geht es mit zwei schwedischen Entwürfen: Vicke Lindstrands Vase „Bäume im Nebel“ um 1950 und Edvin Öhrströms Exemplar mit dem ebenfalls selbstredenden Titel „Mädchen und Taube“ von 1957 (Taxe je 2.500 bis 3.000 EUR).

Eröffnet wird die zweitägige, mit über 1.000 Positionen starke Auktion am 20. Oktober mit dem Formglas. Hier sind zuerst rund 350 Flaschen, Apotheken- und Vorratsgefäße aus einer süddeutschen Sammlung für jeweils wenige hundert Euro zu haben. Daneben umfasst die Sparte als Highlights einen farblosen niederländischen Rippenpokal des 17. Jahrhunderts (Taxe 1.800 bis 2.200 EUR) oder einen ausladenden bedeutenden Römer aus Norddeutschland von etwa 1680 (Taxe 4.000 bis 5.000 EUR). Eine norddeutsche Sammlung vor allem mit Schnittglas und einem sächsischen Pokal um 1740 schließt sich an, der mit einem Pärchen und dem Sinnspruch „Vivat unser beiden Herzen welche leiden Liebesschmerzen“ den barocken Gefühlszwiespalt spiegelt (Taxe 1.500 bis 1.700 EUR). Rund zwanzig Jahre älter ist ein Pokal aus der Glashütte Zechlin, auf dem der 1705 gestiftete hohenzollerische „Rote Adlerorden“ dominiert (Taxe 2.000 bis 2.500 EUR).

Auf eine adelige Hochzeit verweist ein fränkischer Allianzbecher um 1700 mit einem von Palmwedeln gerahmten Wappen und einer Brunnenanlage (Taxe 2.300 bis 2.800 EUR), allgemein auf das Liebesleben ein Potsdamer Pokal des 18. Jahrhunderts mit einem Liebespaar und der Inschrift „Omnia vincit amor“ (Taxe 1.500 bis 2.000 EUR). Für Jagdfreunde gibt es einen böhmischen Zwischengoldpokal um 1730, auf dem ein Jäger zu Pferd mit drei Hunden ein Paar Hirsche verfolgt (Taxe 2.000 bis 2.500 EUR). Auch religiöse Motive haben die Glasgestalter verwendet. So ist ein auf das Jahr 1770 datierter Allgäuer Humpen neben Blumen mit den Leidenswerkzeugen Christi in bunten Emailfarben verziert (Taxe 1.400 bis 1.600 EUR). Bei den Gläsern des 19. Jahrhunderts machen eine Vase aus rotbraunem marmoriertem Steinglas der Gräflich Harrachschen Glasfabrik von etwa 1830 (Taxe 400 bis 450 EUR) und ein französischer Pokal mit rosafarbenen Ritterdarstellungen um 1860/70 auf sich aufmerksam (Taxe 800 bis 1.200 EUR).

Die Auktion beginnt am 20. und 21. Oktober jeweils um 10 Uhr. Die Besichtigung findet zum 19. Oktober täglich von 10 bis 17 Uhr statt. Der Internetkatalog listet die Objekte unter www.auctions-fischer.de.

Kontakt:

Dr. Jürgen Fischer Heilbronner Auktionshaus

Elbinger Straße 11

DE-74078 Heilbronn

Telefax:+49 (07131) 15 55 720

Telefon:+49 (07131) 15 55 70

E-Mail: info@auctions-fischer.de

Startseite: www.auctions-fischer.de



17.10.2023

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Johannes Sander

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