„Wir haben uns die Geschichte als das Reich des Abgeklärten vorgestellt, als eine unabänderliche Vergangenheit, als einen Albtraum. Das war das Erbe, das uns die Katastrophen des vergangenen Jahrhunderts hinterlassen haben. Doch während wir das Verlorene nie wieder gut machen können, werden die Versionen der Vergangenheit in unserer Gegenwart immer wieder neu konstruiert.“ Obwohl James Baldwin diese Worte 1972 formulierte, erinnern die brisanten politischen Momente und Beziehungen von heute daran, dass die Vergangenheit neuerlich und immer stärker in unsere Gegenwart eingebettet ist. Der amerikanische Schriftsteller kommentierte die Verbindung zwischen vergangenen und gegenwärtigen Realitäten als ein Kontinuum kultureller und historischer Begriffe, die die Materialität des sozialen Gefüges als beständige Komponente konstituieren, was darauf hindeutet, dass die Vergangenheit niemals Vergangenheit ist, sondern ein ständiger Bruch in der Gegenwart.
Adam Pendleton ist ein Künstler, dessen komplexes Schaffen sich in besonderer Weise mit Baldwins Aussage beschäftigt. In seiner mittlerweile zwei Jahrzehnte umspannenden Karriere hat der 1984 in Richmond in Virginia geborene Künstler die Überschneidungen von Herkunft, Zugehörigkeit, Identität, Kulturpolitik und Kunstgeschichte als unterschiedliche Konstruktionen verortet, die im Zentrum unserer „Gegenwart“ neu artikuliert und auferlegt werden – nicht nur, um nach dem „Wie“ und „Was wäre wenn“ zu fragen, sondern um die Logik, die ihre historischen und sozialen Funktionen ausmacht, voranzutreiben.
Pendleton, dessen Bekanntheitsgrad hierzulande noch deutlich geringer ausfällt, gilt in den USA als einer der Stars der zeitgenössischen Kunstszene. Er wird von der renommierten Pace Gallery vertreten, seine Werke befinden sich in den Sammlungen des Guggenheim sowie der Londoner Tate, und 2021 zeigte das MoMA in New York eine aufsehenerregende Präsentation seiner Werke. Derzeit widmet ihm das Wiener Museum Moderner Kunst (MUMOK) die erste umfassende, europäische Einzelausstellung und gibt mit „Adam Pendleton. Blackness, White, and Light“ einen Einblick ins das spartenübergreifende Werk des Künstlers, der sich mit Themen wie Identität, Sprache und Rassismus auseinandersetzt.
Das Spektrum von Pendletons Œuvre ist breit: er arbeitet mit Zeichnung, Malerei, Skulptur und Text, mit Spraypaint, Dripping und Performance bis zu Video und künstlerischen Arbeitsprozessen, die die Repräsentation hinterfragen. Unter Verwendung einer reduzierten Farbpalette, bevorzugt Schwarz und Weiß, reflektiert er über dominante Gesellschaftsnarrative und nimmt eine kritische Haltung gegenüber soziokulturellen Prozessen ein. Es geht Pendleton um die Erzählung einer anderen Kunstgeschichte, eine, in der auch schwarze Künstlerinnen und Künstler ihren Platz haben und die die Impulse aufzeigt, die von ihnen ausgingen und die Moderne prägten.
Grundlage für einen Großteil der Werke ist die 2008 entstandene Idee des „Black Dada“, die eine nie abgeschlossene Untersuchung der Beziehung zwischen Blackness, Abstraktion und Avantgarde darstellt. Ganz ähnlich wie die Protagonisten in den Dadaisten-Klubs der späten 1910er Jahre fordert Adam Pendleton mit „Black Dada“ eine „irrationale Sprache“, die Einheit von „Form und Leben“ und die „Möglichkeit, von der Zukunft zu erzählen, indem man über die Vergangenheit spricht“. Mit diesem Konzept versucht Pendleton, sich historische Positionen aus einer gegenwärtigen künstlerischen Perspektive heraus anzueignen. Dabei bringt der afroamerikanische Künstler Stimmen auf eine Art und Weise zusammen, die die einfache Logik und die etablierte Geschichte stören. So steht beispielsweise Hugo Balls „Dada Manifesto“ dem Black-Power-Text von Stokely Carmichael „The Pitfalls of Liberalism“ gegenüber. Solche Überblendungen interessieren Pendleton. Denn sowohl Dada als auch Black Power weisen feste Bedeutungskategorien zurück und eröffnen neue Denk- und Handlungsmöglichkeiten.
2017 publizierte der Künstler den „Black Dada Reader“, ein Manifest, das europäische dadaistische Texte, die auf das Trauma des Ersten Weltkriegs reagieren, und Schriften aus dem Black Arts Movement zusammenbringt, die auf rassistischer Gewalt der 1960er Jahre basieren. Für Pendleton bedeutet „Black Dada“, „die Vergewisserung, dass wir ständig die Verworrenheiten der Vergangenheit und der Gegenwart mit uns herumschleppen“. „Als Individuen haben wir das Bedürfnis, komplexe Dinge zu vereinfachen und leserlich zu machen, aber mich interessiert, wie wir eine komplexe Welt kollektiv wahrnehmen“. Das neue Werk wird „zu einem alternativen Mittel, um Informationen zu historisieren und zu organisieren“, erklärte er 2009 in einem Interview für Art in America.
Als Ausgangspunkt von Pendletons künstlerischen Schaffens und als Entree in die Schau präsentiert MUMOK-Kuratorin Marianne Dobner im Erdgeschoss die Serie der „Black Dada Paintings“, abstrakte Großformate, die der Künstler zuerst in seinem Studio malt und sprayt, sie dann fotografiert, digital bearbeitet, collagiert und schließlich als Siebdruck auf die Leinwand bringt. In frühen Werke dieser Serie kombinierte Adam Pendleton noch Buchstaben aus den Worten „Black Dada“ sowie die minimalistische Formensprache von Sol LeWitt. Es entstanden Palimpseste aus Schrift und Bild, in denen Pendleton eine Fragmentierung von Worten forciert, um Vertrautheiten zu widerlegen und das Gefühl zu provozieren, dass Geschichte und persönliche Erfahrungen oft von Widersprüchen, Lücken und Überschneidungen geprägt sind. In den neuen Werken verzichtet er auf Text und konkrete Bezüge zur Kunstgeschichte und durchbricht sein Schwarz-Weiß-Spektrum zugunsten leuchtender und meist gesprayter Gelb-, Grün- und Blautöne, die von schwarzen Graphismen überlagert werden. „Die Grenzen zwischen Lesbarkeit und Abstraktion verwischen“, so Dobner.
Die „Black Dada Paintings“ werden im Erdgeschoss gemeinsam mit den „Code Poem Sculptures“ ausgestellt, während im zweiten Obergeschoss fünf Videoarbeiten in drei Raumskulpturen sowie den zwei Seitenkuben zu sehen sind. Bei den „Code Poems“ handelt es sich um eine Gruppe von auf dem Boden platzierten Keramikskulpturen, für die Pendleton geometrische Symbole arrangiert hat, wie sie Hannah Weiner 1968 in ihren gleichnamigen Skripten entworfen hat. Schriften, in denen die Dichterin mit neuen Methoden der Kommunikation visuell, auditiv und körperbezogen experimentierte. Als die „Code Poems“ 1982 publiziert wurden, zierte ein drehbares Mandala den Umschlag des Buches, das den Leser zu eigenen Experimenten mit Poesie auffordert: „Where does It or You begin?“ In der Wiener Ausstellung warnen jedoch zahlreiche Hinweisschilder vor Berührung.
Auf Ebene 2 des MUMOK dominieren große schwarze Wandflächen den Raum und bilden dreieckige Pavillons, in denen Pendleton seine filmischen Arbeiten zeigt, während auf den Außenseiten Zeichnungen und Gemälde zu sehen sind. Unter den Filmen, die ebenfalls stark mit Schwarz-Weiß-Kontrasten spielen, finden sich drei intime Porträts, darunter solche über den Choreograf, Autor und Performer Ishmael Houston-Jones und die afroamerikanische Bürgerrechtlerin Ruby Nell Sales. Die Aktivistin wurde 1965 in Alabama von einem weißen Sheriff mit einer Pistole attackiert. Ein junger weißer Theologiestudent sprang dazwischen und rettete Sales das Leben. Der junge Mann starb, der Sheriff wurde dennoch frei gesprochen. Weitere Filme werden in den angrenzenden Ausstellungsräumen gezeigt: „What Is Your Name? Kyle Abraham, A Portrait“ von 2018/19 sowie eine neue Videoarbeit namens „Toy Soldier (Notes on Robert E. Lee, Richmond, Virginia/Strobe)“, in der Pendleton die Geschichte und den Fall einer Statue des Konföderierten-Generals Robert E. Lee thematisiert. Das Monument wurde erst nach 130 Jahren durch die Black Lives Matter-Proteste zu Fall gebracht und 2021 aus dem öffentlichen Raum entfernt. Es ist eine der wenigen Arbeiten in der Ausstellung, deren Kontext unmittelbar verständlich ist und die angesichts der Debatte bezüglich der zeitgemäßen Kontextualisierung eines Denkmals des populistischen, antisemitischen Wiener Bürgermeisters und Gründers der Christlichsozialen Partei Karl Lueger am Wiener Stubenring auf überraschende Berührungspunkte verweist.
Raster aus Collagen, die im Siebdruckverfahren auf Mylar, einer Polyesterfolie, aufgebracht sind und Pendletons Schriften, Zeichnungen und Buchseiten aus seiner persönlichen Bibliothek zu Kompositionen zusammenfassen, hängen an den Außenwänden der dunklen Stellwände. In einem zweiten Ausstellungsraum auf demselben Stockwerk kombinieren die reflektierenden Arbeiten von „System of Display“, einer Werkreihe, an der Pendleton seit 2008 arbeitet, Typografie und malerischen Zufall mit archivarischen Trouvaillen.
Zentral für das Schaffen Pendletons ist eine Bewegung zwischen den verschiedenen Medien, eine Fluidität, die auf einen Ansatz zurückzuführen ist, der Kunstproduktion als Collage versteht. Pendletons Produktionsprinzip findet sich in den großformatigen Gemälden ebenso wie in den Filmporträts. Allerdings sind auch hier die einzelnen Sequenzen ohne Erklärung nicht einfach zu zerlegen und ihrem Verständnis näherzukommen. Der Künstler selbst erläutert seine Herangehensweise im Vorwort des Katalogs zur Ausstellung: „Das leitende Prinzip von ‚Blackness, White, and Light‘ ist die kompositorische Logik des Wir – kein exklusives Wir (wir gegen sie), sondern ein inklusives Wir, ein nichtidentisches Wir“. Das Konzept „kompositorischer Ganzheitlichkeit, das die Schau streng durchexerziert, lässt nur leider wenig Raum für Informationen zu den einzelnen Werken. Daher sei das im Zusammenhang mit der Ausstellung angebotene Rahmenprogramm empfohlen, zu dem unter anderem ein „multiperspektivischer“ Rundgang mit Integrationsexpertinnen, Peer-to-Peer-Rundgänge, ein Vortrag zum Thema Antidiskriminierung und Gleichberechtigung von Studierenden des Applied Human Rights Masterprogramms der Angewandten oder ein kreativer Schreibworkshop mit der Community-Poetin JG Danso zählen.
Die Ausstellung „Adam Pendleton. Blackness, White, and Light“ ist bis zum 7. Januar 2024 zu sehen. Das Museum Moderner Kunst hat dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr, am Mittwoch zusätzlich bis 20 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 15 Euro, ermäßigt 11,50 Euro. |