 |  | in der Ausstellung „Anthony Caro – Sculptures“ | |
Metallisch schimmernd streben umgedrehte Trichter, Rohrfragmente oder Platten aus verzinktem Stahl fast vier Meter empor. Ähnlich einer Ölbohr-Plattform hängen sie statisch genau austariert an einem filigranen Gerüst aus Profilstreben. Eine Treppe im Innern des Gebildes, eine weitere reale Anspielung im träumerisch verspielten Konstrukt, führt ins Nichts. „Star Flight“ lautet der sprechende Titel der zwischen 2002 und 2003 geschaffenen Assemblage von Anthony Caro. Bei der Präsentation der Ausstellung im Skulpturenpark Waldfrieden steht Caros Sohn Paul davor und erinnert sich daran, wie sein Vater sich bei der Betrachtung eines Bildes von Henri Matisse für die fließenden Formen von schwebenden Tänzerinnen begeisterte. Er war davon getrieben, dieses Phänomen in seinen Skulpturen umzusetzen.
Neben dem „Sternenflug“ rückt ein leuchtend farbiges Gewirr aus Stangen in den Blick. „Month of May“, entstanden im Jahr 1963, ist das älteste der 16 meist auslandenden Exponate des Künstlers und auch das frechste, wie der Hausherr des Skulpturenparks in Wuppertal und Kurator der Schau, Tony Cragg, erläutert: „Caro hat nie versucht, etwas abzubilden. Als Techniker ausgebildet, schuf er eine vom Menschen hergestellte Welt aus industriell hergestellten Materialien. Aus einer normalerweise langweiligen Materialwelt entwickelte er eine Fantasiewelt“, so Cragg. Als Cragg im Jahr 1969 sein Studium begann, galt Anthony Caro bereits als feste Größe in der Kunstwelt und war hinsichtlich seiner Radikalität, der neuen Gestaltungsmethoden und seiner Vorstellung über die Erweiterung des Skulpturenbegriffs singulär.
Geboren am 8. März 1924 in New Malden, heute ein Teil von London, studierte Caro nach dem an der Universität Cambridge erworbenen Ingenieursdiplom an der Londoner Royal Academy of Arts Bildhauerei und arbeitete von 1951 bis 1953 im Atelier von Henry Moore. Seine von konsequenter Rigorosität gekennzeichnete Lehre an der St. Martin’s School of Art in den Jahrzehnten bis 1981 verschaffte nicht nur der Schule großes internationales Ansehen, sondern inspirierte auch die Arbeit einer jüngeren Generation britischer Bildhauer, darunter Kim Lim, Phillip King, Tim Scott, Barry Flanagan, Gilbert & George, Richard Deacon und William Tucker.
Schon im Jahr 1956 konnte Caro eine erste Soloschau in der Mailänder Galleria del Naviglio ausrichten, im Folgejahr in Londoner Galerie Gimpel Fils. Ein durch ein Stipendium der Ford Foundation ermöglichter Aufenthalt in den USA um 1959/60 brachte dann den Umschwung von anfänglichen noch figurativ geprägten, in Ton modellierten oder als Bronzeguss ausgeführten Arbeiten zur Abstraktion. Neben Maler*innen der Avantgarde wie Helen Frankenthaler, Robert Motherwell oder Kenneth Noland begeisterten ihn in den USA insbesondere die Plastiken von David Smith aus geschweißtem Stahl. Fortan widmete sich Caro Kompositionen aus zusammengesetzten und mit Bolzen verbundenen Rohren, Stangen und Platten aus Metallteilen, die er auf Schrottplätzen fand. Anfänglich entfernte er sich durch kräftiges Kolorit noch radikaler von den Konventionen der klassischen Bildhauerei. 1964 und 1968 war er mit Werken auf der Documenta drei und vier in Kassel zugegen, 1966 vertrat er sein Heimatland zusammen mit anderen Künstlern auf der Biennale in Venedig.
In den 1970er Jahren standen Serien großformatiger, unbemalter Plastiken aus Walzstahl mit weich fließenden Formen im Mittelpunkt seines Schaffens. Zuletzt machte Caro durch Großprojekte im architektonischen Maßstab von sich reden. Nach einer Zusammenarbeit mit Frank O. Gehry Ende der 1980er Jahre konzipierte er 2000 in Kooperation mit Lord Norman Foster + Partners den realisierten Entwurf für die Londoner Millennium Bridge, die über die Themse direkt auf die Tate Modern zuläuft. Anthony Caro starb am 23. Oktober 2013 in London.
Exemplarisch verfolgen die in Wuppertal ausgestellten Arbeiten Caros Entwicklung über fast 50 Jahre hinweg. Auch das sich in die Höhe schraubende Gewinde von „Whispering“ aus dem Jahr 1969 gehört zu den frühen Werken, ein surreales, sinnig nicht zu erschließendes Konstrukt mit einem seltsam anmutenden Propeller am Fuß. Es fügt sich im oberen elliptischen Pavillon ebenso stimmig ein wie der 1992 vollendete kompakte „The Caliph’s Garden“ aus golden glänzendem Messing mit aberwitzigen Auf- und Unteransichten oder „Up A Note“ mit der Anmutung einer Kriegsmaschine, die nicht frei ist von Ironie und befreiendem Witz samt unverkennbar erotischem Impetus.
Im Mittelpavillon herrscht Materialvielfalt vor. Eher stimmungsvoll verzweigt sich die „Autumn Rhapsody“ in einem Mix aus lackiertem Stahl und gelbem Plexiglas mit gelbgolden eingefärbten Ein- und Durchblicken, eines seiner letzten Werke aus dem Jahr 2012. Kinder werden ihre Freude am begehbaren hölzernen „Child’s Tower Room“ haben, einer sich nach oben schraubenden Figur mit animalischen Anmutungen und einladenden gerundeten Treppenstufen, die zum Einsteigen und Erkunden des in der Trommel liegenden Geheimnisses animieren. Immer wieder tauchen große, scheinbar Geräusche einfangende Schalen auf, so etwa bei der Arbeit „Black Russian“ von 1985 oder dem 1993 vollendeten „Double Tent“ auf dem Freigelände, einer rational nicht erklärbaren metallischen Assemblage. Gleichfalls aus Edelstahl und außen aufgebaut ist „Scorched Flats“ aus mehreren geschichteten Blechlagen, die zusammen mit einer Auswahl von Kleinplastiken im Wintergarten der Villa Waldfrieden Korrespondenzen mit den erlesenen Bestand des Skulpturenparks eingehen. Im Vergleich mit den hochkarätigen anderen Werken im Park wird deutlich: Anthony Caro hat mit seinen originellen Ideen nachhaltig Akzente gesetzt und den Kosmos der Skulptur bereichert.
Die Ausstellung „Anthony Caro – Sculptures“ ist bis zum 14. Juli zu besichtigen. Der Skulpturenpark Waldfrieden hat täglich außer montags von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 12 Euro, ermäßigt 9 Euro; für Kinder und Schüler bis 18 Jahre ist er kostenlos. Zur Ausstellung wird ein Begleitheft für 6 Euro erscheinen. |