Kunst als Handlung: Franz Erhard Walther in Bonn  |  | Franz Erhard Walther, Handlungsbahn #16, 1997-2003 | |
„Bilder im Kopf, Körper im Raum“ lautet der Titel einer konzentrierten Ausstellung zum Schaffen von Franz Erhard Walther in der Bonner Bundeskunsthalle anlässlich des 85. Geburtstages des Künstlers. Walthers Leitspruch deutet bereits an, dass die Handlung im Mittelpunkt der Präsentation steht. So gruppieren sich die rund 80 Exponate, die das Kuratorenteam Susanne Kleine, Eva Kraus und Susanne Walther zusammengestellt hat, denn auch rund um eine Aktivierungsfläche als Zentrum.
Die Idee des am 22. Juli 1939 in Fulda geborenen Künstlers stellt im Kanon der Kunstentwicklung eine singuläre Position dar. Nach dem Abbruch der Bäckerlehre im elterlichen Betrieb studierte Franz Erhard Walther an der Werkkunstschule Offenbach, an der heutigen Städelschule in Frankfurt und dann an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf, wo er den Materialprozess als Werkform entwickelte. Durch die elterliche Schneiderei seiner späteren Ehefrau Johanna Frieß, die fortan alle Stoffarbeiten Walthers nähte, kam er 1963 mit Textilien in Berührung. Abgesehen vom kunstgewerblichen Sektor, war Stoff damals kein künstlerisches Material. Dies kam Franz Erhard Walther insofern gelegen, weil er eine unverbrauchte Substanz suchte, die es ihm ermöglichte, die Handlung ins Zentrum eines Kunstwerkes zu stellen. „Ich wollte aus der Kunstgeschichte austreten“, so der Künstler auf der Pressekonferenz der Bonner Schau.
Auf diese Weise entwickelte Walther eine Vorstellung von Handlung, bei der keine kunstgeschichtlichen Implikationen mitschwingen. Der menschliche Körper spielt dabei die maßgebliche Komponente, gleichfalls tritt ein Raumbezug hinzu. „Es war eine Geste der Zeit, eine Art innovatives Kampfmittel, was sich bis heute gehalten hat“, so Walther weiter. Er kreierte damit einen offenen Werkbegriff ohne Inhalt und Bedeutung. Alles fokussiert sich auf die Handlung; anstatt einer Rezeption gibt es eine Produktion. Das Agieren hat für Walther somit Werkcharakter, ähnlich wie in der Musik oder beim Theater.
Während er anfangs in Deutschland durch den Bruch mit konventionellen Vorstellungen von Kunstwerken nicht ernst genommen wurde, stießen seine Arbeiten in den USA sofort auf Interesse. Doch bereits 1969 erwarb der legendäre Krefelder Museumsdirektor Paul Wember die erste von acht Editionen des „1. Werksatzes“ für seinen Fundus. Im Folgejahr trat Walther eine Professur an der Hamburger Hochschule für bildenden Künste an, die er bis zum Jahr 2005 wahrnahm. Allein vier Documenta-Teilnahmen, zahlreiche Einzel- und Gruppenausstellungen sowie Präsenzen auf Biennalen verzeichnet der bald 85jährige.
Die Übersichtsschau in der Bundeskunsthalle setzt mit ersten Umrisszeichnungen aus dem Jahr 1956 und vielen frühen Papierarbeiten ein. Das Prozesshaft-Ungesicherte und Experimentelle bestimmt schon Walthers Frühwerk. Kräftig gefärbtes Leinen und Baumwolle, auch in Verbindung mit diversen anderen Materialien, dominieren dann das Werkschaffen nach 1963, das in vielen Spielarten über Serien wie „Das Neue Alphabet“ aus den 1990er Jahren oder „Körperformen“ von 2012/13 bis hin zu den „Probenähungen“ von 1969/2024 seine Fortsetzung findet. Durch die Interaktion soll jeder selbst Teil des Kunstwerkes werden, Wandlungen und eigene Erzählung in dem Schmelztiegel von Werk, Körper, Ort und Raum einbringen. Wesentlicher Teil der Schau stellt demnach auch die Aktivierung von Walthers Setzungen auf der Aktivierungsfläche dar, zu der die Besucher eingeladen sind.
Die Ausstellung „Bilder im Kopf, Körper im Raum – Franz Erhard Walther“ ist bis zum 28. Juli zu besichtigen. Die Bonner Bundeskunsthalle hat täglich außer montags von 10 bis 19 Uhr, mittwochs bis 21 Uhr geöffnet. Der Eintritt kostet 13 Euro, ermäßigt 6,50 Euro. Ein umfangreicher Ausstellungskatalog ist in Vorbereitung.
Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland
Helmut-Kohl-Allee 4
D-53113 Bonn
Telefon: +49 (0)228 – 91 71 200 |