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Marktberichte

Aktuellzum Archiv:Auktions-Vorbericht

Neben Louise Moillon tun sich bei den Gemälden „Alter Meister“ im Dorotheum weitere Künstlerinnen hervor. Aber auch Stilllebenenthusiasten, Heiligenverehrer und Portraitfanatiker kommen in Wien auf ihre Kosten

Die erschrockene Königin



Louise Moillon,  Die Obsthändlerin

Louise Moillon, Die Obsthändlerin

Malerinnen des 17. Jahrhunderts aus Frankreich gibt es nur wenige. Louise Moillon gehört dazu. Sie war die Tochter des Porträt- und Landschaftsmalers Nicolas Moillon, der ihr wohl ersten Unterricht erteilte, aber schon 1619 starb, als Louise gerade einmal zehn Jahre alt war. Ihre Mutter heiratete daraufhin den Stilllebenmaler François Garnier, von dem Louise entscheidende Impulse erhielt. Schon vor ihrem 20. Lebensjahr soll sie erste eigene Werke verkauft haben und avancierte zu einer der führenden Stilllebenmalerinnen in Frankreich. Von ihren Zeitgenossen hochgelobt, reüssierte Moillon auch in den hohen Adelskreisen. So besaßen König Ludwig XIII. von Frankreich und König Charles I. von England mehrere ihrer Gemälde. Wie bei den meisten ihrer Kolleginnen kam nach ihrer Heirat im Jahr 1641 ihr künstlerisches Tun zum Erliegen. Ihre wichtigste Schaffensperiode datiert daher in die Jahre zwischen 1630 und 1640, so auch ihr Gemälde „Die Obsthändlerin“, in dem sie flämische und französische Einflüsse verband und das Genre Stillleben mit einer Figurendarstellung kombinierte: In einer Laube steht eine junge Frau hinter einem mit Früchten opulent bestückten Tisch und offeriert den Betrachter*innen einen Teller mit Trauben und einen reifen Pfirsich.


Louise Moillons „Obsthändlerin“ ist eines der seltenen Werke der Künstlerin und nun auch eines der Highlights in der kommenden Auktion „Alte Meister“ im Wiener Dorotheum. Ihren ersten Marktauftritt hatte die Leinwand im November 2021 in dem kleineren Londoner Auktionshaus Roseberys, das taxgerechte 46.000 Pfund netto erzielte. Schon damals hatte Dominique Alsina das Werk begutachtet und es mit einer Zuschreibung an die Malerin versehen. Nach der kürzlich erfolgten Reinigung scheint sich der Moillon-Experte noch sicherer zu sein. Denn die Zuschreibung ist nun weggefallen und die Preisvorstellungen sind im Dorotheum auf 200.000 bis 300.000 Euro gestiegen. Moillon ist nicht die einzige Malerin, die sich auf ihren Auftritt am 24. April vorbereitet. Ihr zur Seite stehen noch drei Italienerinnen: Sofonisba Anguissola mit dem Brustbild einer gestrengen Edeldame in einem bestickten schwarzen Kleid aus dem 1570er Jahren, vermutlich ihre Schwägerin Aloisia de Luna Moncada, samt einer heiligen Maria Magdalena auf der Rückseite (Taxe 60.000 bis 80.000 EUR), ihre Zeitgenossin Barbara Longhi mit einer aufblickenden „Heiligen Justina von Padua“ samt Dolch in der Brust und die gut hundert Jahre jüngere Elena Recco mit einem typischen Stillleben von verschiedenen Fischen, Muscheln, Krustentieren, Pilzen und einem Kupfertopf vor der Meeresküste (Taxe je 8.000 bis 12.000 EUR).

Auf der Höhe seines Schaffens malte Reccos neapolitanischer Kollege Jusepe de Ribera einen innig betenden Franziskus mit Blick zum Himmel. Er ist eine Entdeckung: Die jüngste Reinigung des Bildes brachte die Signatur des großen spanisch-italienischen Meisters sowie das Datum 1648 zutage, was für den Tageshöchstpreis von 600.000 bis 800.000 Euro sorgt. Die Hälfte verlangen Michele Marieschis prachtvolle Vedute „Der Markusplatz in Venedig vom Torre dell’Orologio“ mit der strak fluchtenden Fassade des Markusdoms und Francisco de Goyas Portraitstudie zu dem prominenten Familienbildnis von König Carlos IV. im Madrider Prado. Zehn Ölskizzen hatte Goya dafür angefertigt, fünf davon werden im Prado aufbewahrt. Beim Dorotheum liegt nun diejenige der zehnjährigen Infantin Maria Isabel, der jüngsten Tochter des spanischen Königs, in einem mit schnellen, lebhaften Pinselstrichen gemalten Gestus vor.

Preislich schließen sich daran mehrere Werke der flämisch-niederländischen Schule an. Der 1618 in Brüssel geborene Michael Sweerts ließ sich vom alltäglichen Leben und Straßenszenen inspirieren und griff bei seinen Figurenbildern bevorzugt auf die arme Bevölkerung zurück, die er in Würde und Empathie malte, so auch die bäuerlich gekleidete Frau, die ihrem Kind zu Essen gibt und von einem Hirten, wohl dem Vater, beobachtet wird (Taxe 250.000 bis 350.000 EUR). Bei Hendrick Avercamp fällt dagegen das Personal klein aus, etwa bei seiner pittoresken Winterlandschaft mit zahlreichen Eisläufern auf einem zugefrorenen See, die er gemeinsam mit einem Werkstattmitarbeiter ausführte, was sich in einer Bewertung von lediglich 220.000 bis 250.000 Euro niederschlägt. Sonst kommt Avercamp schon auch mal auf Millionenpreise. Noch mehr Menschen sind auf dem farbkräftigen Großformat einer „Anbetung der Könige“ zusammengekommen, die die Werkstatt Pieter Breughels d.J. nach einer beliebten Komposition des flämischen Meisters häufiger wiederholte (Taxe 200.000 bis 300.000 EUR). Bei Roelant Savery steht die felsige, aus fantastischen Gesteinsformen und Baumwuchs gebildete Waldlandschaft im Vordergrund, in die der Manierist 1609 einige Ziegen und Landleute an einem Wasserfall integriert hat (Taxe 70.000 bis 100.000 EUR).

1950 publiziert der Kunsthistoriker Aldo Lusini eine „Madonna mit Kind und Johannesknaben“ noch als ein eigenständiges Werk Sandro Botticellis. Heute ist diese Zuschreibung nicht mehr haltbar. Doch sind die Anklänge an den großen Florentiner so deutlich, dass die Tafel in der unmittelbaren Einflusssphäre Botticellis entstanden sein muss (Taxe 200.000 bis 300.000 EUR). Hinter der Ölstudie des Kopfes einer Frau steht gesichert Federico Barocci, der die anmutige Gestalt im Profil in dem Altarbild „Die sieben Werke der Barmherzigkeit“ aus den 1570er Jahren aufgenommen hat. Die Holztafel wurde 2014 im Dorotheum schon einmal für 260.000 Euro netto gehandelt, nun stehen 150.000 bis 200.000 Euro auf dem Etikett. Die religiöse Kunst hat unter anderem noch eine von seinem Malerfreund Caravaggio beeinflusste „Verspottung Christi“ des Sizilianers Mario Minniti (Taxe 100.000 bis 150.000 EUR) und zwei Darstellungen des heiligen Hieronymus zu bieten: Giovanni Baglione entwirft ihn als reuigen Sünder, kniend bei der Buße vor dem Kreuz (Taxe 100.000 bis 150.000 EUR), Rutilio di Lorenzo Manetti als Gelehrten beim Schreiben eines seiner Bücher (Taxe 80.000 bis 120.000 EUR).

Die mythologische Versammlung von Vesta, Hymen, Mars und Venus als „Allegorie der Ehe“ zeichnet sich durch fließend ineinandergreifende Figuren und verwischte Konturen aus, die für Andrea Meldollas Schaffen in den 1540er Jahren prägend waren (Taxe 120.000 bis 180.000 EUR). Das außergewöhnlichste Objekt der Auktion ist eine mit Edelstein-Intarsien verzierte Nachtuhr des in Rom tätigen Meisters Pietro Tommaso Campani von 1682. Sie ist eines der wenigen funktionierenden Beispiele mit dieser innovativen Mechanik, die es erlaubte, dass die Uhr geräuschlos läuft und so den Schlaf nicht stört. Für die nächtliche Beleuchtung sorgt ein Öllicht. Das barocke Gehäuse dieser seltenen, musealen Uhr ist dem aus Süddeutschland stammenden Kunsttischler Jakob Hermann zugeschrieben, die Malerei mit einer Allegorie auf die Vergänglichkeit der Zeit, derentwegen die Uhr auch in die Gemälde-Auktion kam, traditionell dem Römer Carlo Maratta (Taxe 100.000 bis 150.000 EUR). Ein weiterer Rom-Immigrant war der von Amersfoort zugwanderte Gaspar van Wittel, der sich dort Gaspare Vanvitelli nennen ließ und als Vedutenmaler hohes Ansehen genoss. Zwischen 1718 und 1725 fertigte er 24 Gemälde für den römischen Kardinal Annibale Albani, darunter auch die mächtige „Grotta di Pozzuoli in Neapel mit dem Grabstein Vergils“, die Neapel mit dem Nachbarort Posillipo verbindet (Taxe 120.000 bis 150.000 EUR).

Die deutsche Kunst startet mit der Spätgotik und offeriert vier Tafeln mit gelängten Heiligenfiguren in farbenprächtigen Gewändern, die sich effektvoll von dem Goldgrund abheben. Der Konstanzer Maler Michel Haider soll Johannes den Täufer, Georg, Benedikt und Johannes Evangelista gemeinsam mit seiner Werkstatt Ende des 15. Jahrhundert im Auftrag des Abtes Johannes Pfuser von Nordstetten für das Kloster Reichenau geschaffen haben, woraufhin dessen Gestalt als kleine Stifterfigur mit dem roten Stier hindeutet (Taxe 70.000 bis 100.000 EUR). Antonius Heusler war in den frühen 1520er Jahren in dem Großatelier von Lucas Cranach d.Ä. angestellt, bevor er um 1526 in Annaberg seine eigene Werkstatt aufbaute. Von der Cranach-Nähe zeugt seine herbe biblische Szene „Lot und seine Töchter“, die aus dem brennenden Sodom geflüchtet sind und eben ihren Vater betrunken machen (Taxe 20.000 bis 30.000 EUR). Etwas lieblicher hat Georg Pencz seine „Madonna mit Kind“ gestaltet und mit der Halbfigur der Gottesmutter, die ihren Sohn vor der Brust zart umfasst, die hochrechteckige Holztafel fast gänzlich ausgefüllt (Taxe 30.000 bis 40.000 EUR).

Die Stilllebenkunst kann neben Louise Moillon mit weiteren Exemplaren ansprechender Qualität aufwarten. Aus der frühen niederländischen Zeit ist da zunächst Roelof Koets I, der sich für seinen gedeckten Tisch eine pyramidale Komposition mit den beiden zentralen Käselaiben auf einem Zinnteller ausgedacht und darum weiße und rote Trauben in einem Korb, Äpfel in einer chinesischen Porzellanschale sowie Gebäck und ein Messer gruppiert hat (Taxe 60.000 bis 80.000 EUR). Raffinierter hat mehr als hundert Jahre später Melchior de Hondecoeter im Hochbarock sein Vogel- und Jagdstillleben angelegt. In starker Untersicht ruhen auf einer Marmorbrüstung ein Köcher mit Pfeilen, ein Bogen, ein Fangnetz und ein Korb, über denen sich ein Wiedehopf, ein Sittich und eine Schwalbe erheben (Taxe 80.000 bis 120.000 EUR). Cristoforo Munaris Arrangement ist ungewöhnlich. Denn über den zerbrechlichen Porzellanschalen und einem venezianisches Glas, die sich auf einem Serviertablett spiegeln, einem gläsernen Weinkrug, einer geschälten Zitrone, einem Pfirsich und weiteren Früchte im Vordergrund thront auf einem steinernen Podest ein gewichtiges Cello nebst Blockflöte und Noten (Taxe 80.000 bis 100.000 EUR). Als Pendants liegen dann noch Munaris Speisen- und Blumenkompositionen in freier Natur zum gleichen Preis vor.

Ein wichtiges Genre beim 18. Jahrhundert ist das Standesportrait. Hier geben sich Friedrich der Große als Reiter auf seinem Braunen von Gottfried Hempel (Taxe 30.000 bis 40.000 EUR), Kurfürst Maximilian III. Joseph von Bayern und seine Gemahlin Maria Anna von Sachsen als lebensgroße ganzfigurige Pendants von Franz Joseph Winter (Taxe 40.000 bis 60.000 EUR) und etwa noch Herzog Karl II. von Mecklenburg-Strelitz in der Uniform eines hannoverschen Generals aus der Hand des dortigen Hofmalers Daniel Woge ein Stelldichein (Taxe 8.000 bis 12.000 EUR). Das ansprechendste Portrait ist aber das ausdrucksvolle Antlitz eines schlichten Mannes, hinter dem sich ein Selbstbildnis des schlesischen Malers Franz Anton Palko verbergen könnte (Taxe 15.000 bis 20.000 EUR). Eine arkadische Landschaft mit Reisenden und weitere Figuren an einem Fluss und einer Stadt im Hintergrund steuert Francesco Zuccarelli bei (Taxe 50.000 bis 70.000 EUR), Thomas Patch eine der eher seltenen Veduten von Florenz mit dem breiten Arno in der Mitte, über den sich der Ponte Santa Trinità spannt (Taxe 70.000 bis 100.000 EUR). Friedrich Heinrich Füger hat die zentrale Figur der assyrischen „Königin Semiramis“, der eine unvermutete negative Nachricht überbracht wird, stark von der Umgebung gelöst und fordert den Betrachter geradezu heraus, sich in die dargestellte Situation zu versetzen (Taxe 50.000 bis 60.000 EUR).

Die Auktion „Alte Meister“ beginnt am 24. April um 18 Uhr. Die Besichtigung ist bis zum Auktionsbeginn täglich von 10 bis 18 Uhr, sonntags von 14 bis 17 Uhr möglich. Der Internetkatalog listet die Werke unter www.dorotheum.com.

Kontakt:

Dorotheum

Dorotheergasse 17

AT-1010 Wien

Telefon:+43 (01) 515 60 0

Telefax:+43 (01) 515 60 443

E-Mail: client.services@dorotheum.at

Startseite: www.dorotheum.com



21.04.2024

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Ulrich Raphael Firsching

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