Das Reh bei Franz Marc und anderen Künstlern  |  | Franz Marc, Rote Rehe II, 1912 | |
Das Franz Marc Museum in Kochel am See widmet sich seit Sonntag dem Motiv des Rehs im Schaffen Franz Marcs. Die beiden Kuratorinnen Cathrin Klingsöhr-Leroy und Jessica Keilholz-Busch beleuchten dabei den Wandel in der Darstellung des Verhältnisses von Mensch und Tier in der Kunst des 20. Jahrhunderts und nehmen dazu auch das Œuvre von Renée Sintenis, Joseph Beuys und Sigmar Polke in den Blick, die wie Marc in ihren Werken diese Tiergattung thematisiert haben. Der Ausstellungstitel ist einem Zitat Franz Marcs entlehnt, das charakteristisch für das transzendentale Verständnis seiner Malerei steht: „Ich kann ein Bild malen: das Reh. ... Ich kann aber auch ein Bild malen wollen: ‚das Reh fühlt‘.“
Franz Marc, der selbst zwei zahme Rehe als Haustiere hielt, nutzte die symbolischen Assoziationen des Rehs, das als sanftes und friedliches Wesen gilt und für das Scheue und die Verletzlichkeit der Natur steht. Mit der Hinwendung zum Rehmotiv und der Tierwelt allgemein stand Marc nicht allein. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts, einer Zeit, die von Urbanisierung, Industrialisierung und Globalisierung geprägt war und bei vielen Menschen ein Gefühl der Entfremdung hervorrief, rückten Themen wie Tierethik und Tierschutz auch bei Künstler*innen zunehmend in den Vordergrund. Erkenntnisse über das Artensterben, den Verlust von Lebensräumen, die Grausamkeit von Tierversuchen sowie artgerechte Haltung, Schlachtung und Verzehr von Tieren fanden zunehmend Beachtung.
Franz Marc löste dabei das Reh aus den überkommenen allegorischen oder narrativen Kontexten und billigte ihm eine autonome Existenz zu. So rückte er 1912 zwei „Rote Rehe“ in den Mittelpunkt seiner Komposition, die nur für sich selbst stehen. Sie heben sich durch ihre rote Farbe vom kühlen Hintergrund der Natur ab; ihre stilisiert geschwungene Form spiegelt sich in der Landschaft wider. Auch bei der Bildhauerin Renée Sintenis spielt das Reh eine wichtige Rolle. Sie stellt ausnahmslos weibliche Tiere dar, die sie mit ihren Reflexen und ureigenen Instinkten wie gespannte Aufmerksamkeit oder ängstliches Schauen erfasst. In der jüngeren Kunst bleibt die in der Moderne angestoßene Interpretation von Reh und Hirsch als Opfertier latent, etwa bei Joseph Beuys, für den der Hirsch von großer symbolischer Bedeutung ist. Bei Sigmar Polke, der ein Reh auf eine Wolldecke malt, geht es weniger um die Schutzlosigkeit des Tiers als um eine Kritik kleinbürgerlicher Mythen, mit denen das Reh über Heimatfilm und Waldromantik verbunden ist.
Die Ausstellung „Franz Marc – Das Reh fühlt“ läuft bis zum 6. Oktober. Das Franz Marc Museum hat täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 9,50 Euro, ermäßigt 6 Euro bzw. 3,50 Euro. Das Katalogheft kostet 15 Euro.
Franz Marc Museum
Franz Marc Park 8-10
D-82431 Kochel am See
Telefon: +49 (0)8851 – 92 48 80 |