 |  | Philippe Halsman und Salvador Dali, In Voluptate Mors, 1951 | |
Das fantastische und artifizielle Spiel der Kunst mit der menschlichen Wahrnehmung ist rund 1.000 Jahre alt. Schon im 11. Jahrhundert nachweisbar, waren Doppel- oder Drehbilder insbesondere in den Wunderkammern der Renaissance ein wesentlicher Bestandteil. Mit der Säkularisation verschwanden die als bloße Kuriositäten geltenden Arbeiten aus den Sammlungen. Im 19. Jahrhundert erlangten dann erotische Scherzbilder an Beliebtheit. So nimmt es nicht Wunder, dass die sogenannten Vexierbilder von der Kunstgeschichtsschreibung gar nicht richtig wahrgenommen wurden.
Wie man unschwer nachprüfen kann, gelten heute Bilder, die irreführen, necken oder quälen wollen, als unter dem Level, der für eine Aufnahme des Oberbegriffs Vexierbild in einschlägige Lexika als nötig erachtet wird. In der Tat: Nach der ersten Verführung und Offenbarung des Tricks der Doppeldeutigkeit erscheinen viele dieser Werke langweilig und verlieren nicht selten jeglichen Reiz. Erstmals wird das Phänomen der mit der Wahrnehmung spielenden Künste umfassend nun in einer eigenen Ausstellung im Düsseldorfer Museum Kunst Palast präsentiert. Der Blick hinter die Fassaden und die Erfahrung, dass es nicht nur eine Wahrheit gibt, haben etwas Faszinierendes. Rund 350 Exponate von 100 Leihgebern aus sechs Jahrhunderten sollen bei den Besuchern den Spaß am Entschlüsseln wecken. Besondere Highlights stellen Beispiele aus dem Manierismus und Surrealismus dar. Subtil und differenziert sind diese Such- und Rätselbilder durchkomponiert.
Zu den berühmtesten Ausstellungsstücken zählt ein um 1580 entstandenes Werk des Habsburger Hofmalers Giuseppe Arcimboldo. Das zunächst wie ein Früchtekorbstilleben erscheinende Porträt eines Mannes offenbart sein wahres, derbes Gesicht erst bei der Drehung um 180 Grad. Zwischen Realität und Traum sind insbesondere rund 40 Arbeiten von Salvador Dalí angesiedelt. Neben früheren Werken ist der Künstler vorwiegend mit Gemälden aus den 1930er Jahren vertreten. "Das endlose Rätsel" aus dem Jahr 1938 leiht der Schau den Titel aus. Es birgt bis zu sieben verschiedene Wahrnehmungsebenen in sich. Dalí war es, der durch die Entwicklung der paranoisch-kritischen Methode das Vexier- oder Doppelbild zu höchster Meisterschaft führte. Dalís Größe strahlt dann auch auf viele andere, insbesondere anonyme Werke ab.
Das kontinentale und epochale Übergreifen des Phänomens der Mehrdeutigkeit veranschaulichen Arbeiten von Josse de Momper mit anthropomorphen Phantasielandschaften, Max Ernst mit bizarre menschliche Züge annehmende Berglandschaften, M.C. Escher, René Magritte, Sigmar Polke, Man Ray, Markus Raetz, André Thomkins sowie Werke unbekannter Meister unter anderem aus China, Indien, Persien und Afrika.
Es ist zur Schärfung des Blickes sicherlich wichtig, sich einmal solchen oft als Randgebiet abgetanen Feldern zu widmen. Wie nahe aber Humor, Kunst und Kitsch beieinander liegen können, demonstrieren Porzellanvasen mit Silhouetten von Köpfen oder ordinär-erotische Leporellos. An einigen Punkten ist man den alten Kuriositäten- und Wunderkammern ganz nahe.
Die Ausstellung "Das endlose Rätsel. Dalí und die Magier der Mehrdeutigkeit" ist noch bis zum 9. Juni zu besichtigen. Geöffnet ist dienstags bis sonntags von 11 bis 20 Uhr. Der ca. 250 Seiten umfassende, reich bebilderte Katalog kostet 29 Euro.
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