Ein Fest der Romantik und ihrer Folgen in Halle  |  | Carl Georg Hasenpflug, Blick auf die Brug Saaleck, 1852 | |
Mit der Schau „Sehnsucht – Romantik“ lenkt der Kunstverein Talstraße in Halle an der Saale den Blick auf eine in der Kunst immer wieder an Relevanz gewinnende Gefühlsmalerei. Die von Matthias Rataiczyk sensibel kuratierte Auswahl zeichnet diese Tendenz in der Kunst vom frühen 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart nach. Vor dem Hintergrund unheilvoller Verwerfungen und gesellschaftlicher Umbrüche etablierten die verschiedenen Künste um 1800 eine Halt versprechende Gefühlskultur. Zum Inbegriff der Deutschen Romantik stieg der Maler Caspar David Friedrich, der heuer vor 250 Jahren zur Welt kam, mit seinem Konzept einer stimmungsvollen Wahrnehmung von Natur und Landschaft, Werden und Vergehen, Hinwendung zu heimatlichen Gefilden auf. Nach einer Harzreise besuchte er Anfang Juli 1811 auf der Weiterfahrt nach Jena zu einem Treffen mit Johann Wolfgang von Goethe auch Halle. Die Eindrücke aus der Saalestadt verarbeitete Friedrich in dem Gemälde „Die Schwestern auf dem Söller am Hafen“. Das heute in der St. Petersburger Eremitage verwahrte Bild zeigt die damaligen Turmpaare der Stadt, komprimiert zu einem kompakten Säulenwald in Korrespondenz zu den aufstrebenden Schiffsmasten.
Viele Romantiker ließen sich von Halle und der umgebenden Harzlandschaft inspirieren, darunter Carl Blechen, Ernst Helbig oder Georg Heinrich Crola. Diesen und weiteren begegnet man in der Präsentation, die einen Bogen über die Moderne des 20. Jahrhunderts bis zur Zeitgenossenschaft schlägt. Unter den 81 Exponaten von 50 Künstler*innen verdienen besonders die Werke des Architekturmalers Carl Georg Hasenpflug Beachtung, dessen Ruinen- und Klostermotive im romantisch-verklärten Stil die Mittelalterbegeisterung der Romantik spiegeln. Dagegen fixierte Stanislaus von Kalckreuth eindrucksvoll atmosphärische Lichtstimmungen, wie es der flirrende Blick ins Südtiroler Etschtal in einem Gemälde von 1851 vorstellt.
Angelehnt an Sujets von Caspar David Friedrich, hielt Wassily Kandinsky 1911 zwei Frauen in einer Mondlandschaft abstrahierend fest, während ein Jahr zuvor Otto Dix Halle im Schnee im postimpressionistischen Duktus illustrierte. In einer magisch-realistischen Variante näherte sich Alexander Kanoldt 1919 in der Darlegung eines Kreuzgangs auf recht abgeklärte Weise der romantischen Stimmungslage, während Conrad Felixmüller im Jahr 1926 mehr expressiv einen Frühlingsabend in Klotzsche bei Dresden in beißende Farben tauchte. In einem ähnlich toxischen Kanon legte Franz Radziwill sein zwischen Stillleben und Schneelandschaft pendelndes Motiv „Der Winterapfel“ an, während der Albert Ebert 1965 einen romantischen Sommerabend auf der Uferterrasse im „Krug zum Grünen Kranze“ stark erdfarben abgetönt in Szene setzte.
Zuletzt stehen Blickwinkel jüngerer und jüngster Malergenerationen im Fokus. Dialoge zeigen auf, wie sie romantische Vorstellungen heute aufgreifen und welche Verbindungslinien bestehen. Auch Wolfgang Mattheuer ließ sich von Caspar David Friedrich inspirieren. Kritisch ging er 1976 in seinem Ölbild „Mensch! Ich seh’ die ganze Welt“ auf Umweltvernichtung und gesellschaftliche Widersprüche ein. Sein Schüler Uwe Pfeifer fing in seinem Gemälde „Antennendach“ dagegen hyperrealistisch kalt und surreal zugleich städtebauliche Situationen ein. Bei der 1980 in Leipzig geborenen Künstlerin Hjördis Baacke steht dann wieder der Wald in Mittelpunkt, den sie als Ort der Kontemplation und inneren Einkehr versteht.
Die Ausstellung „Sehnsucht – Romantik. Malerei, Grafik, Video“ ist bis zum 3. November zu besichtigen. Die Kunsthalle Talstraße hat mittwochs bis freitags von 13 bis 18 Uhr, samstags und sonntags von 13 bis 17 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 8 Euro, ermäßigt 6 Euro. Zur Ausstellung ist ein Begleitkatalog erschienen, der in der Kunsthalle 29,90 Euro kostet.
Kunstverein „Talstrasse“ e.V.
Talstraße 23
D-06120 Halle an der Saale
Telefon: +49 (0)345 – 550 75 10 |