Es ist eine tiefblaue, wolkenlose Nacht. Die ersten noch müden Sonnenstrahlen kämpfen sich über den flachen Horizont. Vor der Weite der Landschaft wird der Sonnenaufgang zu einem Spektakel. Die Morgenröte scheint den Himmel in Brand zu setzten. In nur wenigen Augenblicken wird sich die Sonne selbst als ein glühender Feuerball am Horizont zeigen. Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne. Jeder Morgen scheint zu versprechen, diesmal könnte alles anders, ja vielleicht sogar besser werden als am Tag zuvor. Doch dazu braucht es einen Neuanfang. In „Start Over Please“ – so viel wie „Bitte neu anfangen“ – setzt der US-amerikanische Künstler Ed Ruscha genau dieses Gefühl ins Bild. Wie ein plakativer Aufruf für einen künstlerischen, persönlichen oder gesellschaftlichen Neustart prangt der Schriftzug in weißen Lettern vor dem Horizont. 2 bis 3 Millionen Pfund erwartet Christie’s in seiner Londoner Herbstrunde mit Kunst von der Moderne bis zur Gegenwart für die spannungsreiche Arbeit aus dem Jahr 2015. Ob dieser Kunstherbst auch ein Neuanfang für den zuletzt kriselnden Kunstmarkt bereithält, bleibt abzuwarten.
Eine Frau liegt nackt auf einem schmiedeeisernen Bett, das mit cremefarbenen Bettlaken bedeckt ist. Ihr Gesicht, das sich in seiner rohen Malweise vom makellosen weißen Kissen abhebt, trägt die unverwechselbare Handschrift von Lucian Freuds reifen Stil. Warme goldfarbene Locken aus pastosen Farbtupfern Rahmen ihr Antlitz. Die Arbeit von 2006/07 ist mit über eineinhalb Metern Breite die größte aus der letzten Werkphase des berühmten englischen Malers, der 1922 in Berlin geboren wurde. Mit 10 bis 15 Millionen Pfund geht das hintergründig beklemmende Porträt von „Ria“ als Highlight am 9. Oktober in London ins Rennen um die Gunst der Bieter. Für etwas kleineres Geld offeriert Christie’s Freuds intimen „Head of a Woman“. Das Gemälde von 1992 wurde dem Einlieferer persönlich vom Maler geschenkt und strahlt eine beinahe irritierend wohlwollende Nähe und Vertrautheit aus. „Zärtlichkeit ist vielleicht nicht eine Eigenschaft, die jeder mit Lucians Werken in Verbindung bringt, aber einige seiner Bilder haben sie. Dieses Bild hat sie zweifellos“, so der Kunstkritiker Martin Gayford über den „Frauenkopf“ (Taxe 3 bis 5 Millionen GBP).
Immersive Malerei
Als einziges weiteres Los könnte der „Balloon Monkey (Blue)“ von Jeff Koons die Schallmauer von 10 Millionen Pfund durchbrechen. Die überdimensionierte Skulptur aus Edelstahl mit hochglänzendem blauem Farbüberzug entstand zwischen 2006 und 2013 nach einem Modelierballon, der zu einem Affen gedreht wurde, und ist eine von nur fünf Ausführungen des ikonischen „Balloon Monkey“ in dieser Größe und Farbstellung (Taxe 6,5 bis 10 Millionen GBP). Willem de Koonings abstraktes Gemälde „Untitled XVIII“ von 1986 steht prototypisch für die Gelassenheit und Reduziertheit seines Spätwerkes. Die strahlend weiße Leinwand wird von gewundenen, grafisch aufgefassten Linien durchschnitten. Für die bereits im Whitney Museum ausgestellte Arbeit, die aus der Sammlung des Gitarristen Eric Clapton stammt, prognostiziert Christie’s zwischen 4 und 6 Millionen Pfund. Beinahe genau so viel erwartet das Auktionshaus für Richard Princes hochformatige „Hurricane Nurse“ von 2004 nach Vorlagen aus Kitschromanen, die mit ihrem leicht verlaufenen Farbauftrag eine eigentümlich dystopische Aura ausstrahlt (Taxe 3,5 bis 5,5 Millionen GBP).
Cecily Browns „The Skin of Our Teeth“ von 1999 ist mit einer Spannweite von fast zwei Metern ein Tumult aus leuchtenden Farben und wimmelnden, lebendigen Formen. „Ich liebe es, die Möglichkeiten der Ölfarbe auszunutzen“, erklärte die in London geborene Künstlerin. Sie fasziniere „das Flimmern, die Bewegung“ und „die Tatsache, dass Malerei sehr immersiv sein kann“. Ihre Arbeit „The Skin of Our Teeth“ setzt genau diese Liebe zur Malerei ins Bild. Mit 2,5 bis 3,5 Millionen Pfund sind die Erwartungen an das Gemälde jedoch auch entsprechend gehoben. Browns vier Jahre älterer Landsmann Hurvin Anderson ist mit seiner persönlichen Leinwand „Ball Watching IV“ von 2003 vertreten. Sie vereint Andersons wichtigste künstlerische Themen: die Mechanismen von Erinnerung, postkoloniale Identität und Zugehörigkeit. Das Gemälde, das auf einer Fotografie aus seiner Kindheit basiert, zeigt den jungen Künstler und seine Freunde, die sich am Rande eines Sees im Handsworth Park in Birmingham versammelt haben (Taxe 2,2 bis 2,8 Millionen GBP).
Im Spektrum der Porträtkunst
Franz Gertsch zählt zu den bekanntesten Schweizer Künstlern. Der vor zwei Jahren verstorbene Maler ist vor allem mit seinen hyperrealistischen und großformatigen Porträtgemälden hervorgetreten. Das einzige derartige Selbstporträt von Gertsch aus dem Jahr 1980 kommt nun, nachdem es mehr als zwanzig jahrelang in Privatbesitz war, mit einem Schätzpreis von 2,1 bis 3 Millionen Pfund auf den Markt. Gerhard Richter tritt mit dem „Abstrakten Bild“ von 1994 an. Wie bei allen seinen Werken lotet Richter auch bei dieser rot-blau-grauen Farbüberlagerung in Rakeltechnik die Grenzen der Malerei als einer Form des Verstehens aus. 1,8 bis 2,5 Millionen Pfund müssen Interessenten für die fast quadratische gut 60 auf 60 Zentimeter kleine Leinwand investieren. Günstiger ist mit 500.000 bis 700.000 Pfund Georg Baselitz’ zweigeteilte, bunt zersplitterte Männerfigur „Bitte hinter dem Kopf zurücktreten“ auf dunklem Leinwandhintergrund aus dem Jahr 2014. In diese Preiskategorie reiht sich Günther Uecker mit seiner 2019 flott genagelten Doppelspirale „Both“ bei 450.000 bis 650.000 Pfund ein.
An der Spitze der Sparte der Klassischen Moderne steht bei Christie’s Henri de Toulouse-Lautrecs einfühlsame Studie „La femme tatouée“ von 1894. Die Arbeit ist ein Blick hinter die Türen der Pariser Bordelle der Jahrhundertwende. Toulouse-Lautrec setzt hier seine typische Maltechnik ein. Er verdünnte die Ölfarbe mit Terpentin, um einen schnellen und flüssigeren Farbauftrag zu ermöglichen. So konnte er die Frauen vor Ort in den Pariser Hinterzimmern malen (Taxe 2,5 bis 3,5 Millionen GBP). Völlig sittsam und unschuldig porträtierte hingegen Pierre-Auguste Renoir eine um 1890 „Fillette sur fond bleu. Renoirs Modell, das von seinen Nachkommen als Julie Manet, die Tochter von Berthe Morisot und Eugène Manet, dem Bruder von Edouard Manet, identifiziert wurde, beeindruckt durch ihre scheinbare Teilnahmslosigkeit. Vor blauem Hintergrund sitzt das Mädchen in einem einfachen Holzstuhl, ihr Gesicht wird von langen, wallenden Locken umrahmt, wobei eine einzelne Locke ihr wie zufällig über ein Auge fällt (Taxe 1,5 bis 2,5 Millionen GBP).
Klassiker gesucht
Von besagter Berthe Morisot, einer der großen Impressionistinnen des 19. Jahrhunderts, ist die berührende Pastellzeichnung „Fillette au volant“ von 1888 zu haben. Mit fiebrigen, zackigen und doch präzisen Strichen hüllte sie das Mädchen in ein warmes Gerüst aus bunten Linien und farbigen Flächen. 400.000 bis 600.000 Pfund sind für die Papierarbeit veranschlagt. Auch Vincent van Goghs „Frau mit weißer Mütze“ von 1885 sucht einen neuen Besitzer. Anfang 1883 reiste Vincent van Gogh in das niederländische Örtchen Nuenen, wo seine Eltern lebten. Ursprünglich hatte er nur einen kurzen Aufenthalt geplant, doch schon bald ließ er sich vom Leben und den Gesichtern der Bewohner der Region Brabant inspirieren, so auch von dieser Unbekannten, der er ein persönliches Gemälde widmete (Taxe 800.000 bis 1.200.000 GBP). Als Klassiker der Moderne macht zudem Edgar Degas mit einem typischen Werk aus der Pariser Ballettwelt auf sich aufmerksam: Sein Pastell „Danseuse à mi-corps rajustant son épaulette“ beim Richten des Trikots verlangt 400.000 bis 600.000 Pfund. Etwas Unheimliches strahlt Léon Spilliaerts symbolistische Küstenlandschaft „Phare sur la digue“, gemalt 1908 mit Tusche, Aquarellfarben und bunten Stiften auf Papier, in dunkler Menschenleere aus (Taxe 800.000 bis 1.200.000 GBP).
Bei der Moderne tummeln sich auch einige deutsche Maler, etwa Emil Nolde mit seinem fast abstrakten farblich aufbrausenden „Herbstmeer XV“ von 1911, das seit fast 70 Jahren nicht mehr auf dem Kunstmarkt zu sehen war (Taxe 1 bis 1,5 Millionen GBP), oder Max Beckmann mit seinem hochformatigen Zimmerausschnitt „Hemdfrau“, die seit 1949 auf dem Fenster auf einen nächtlichen Kanal blickt (Taxe 600.000 bis 800.000 GBP). Die Tagesauktion am 10. Oktober mit impressionistischer und moderner Kunst führt Karl Schmidt-Rottluffs farbgewaltige „Alsener Landschaft“ an. Das fast noch pointillistische Gemälde entstand im Sommer 1906, als sich Schmidt-Rottluff einige Wochen gemeinsam mit Nolde auf der Ostseeinsel im Süden Dänemarks aufhielt (Taxe 400.000 bis 600.000 GBP). Eine andere Spielart des deutschen Expressionismus präsentieren August Mackes „Zwei Mädchen (orientalischer Entwurf)“ von 1916 Die Leinwand ist eine künstlerische Reaktion auf Mackes Paris-Reise. Gemeinsam mit seinem Freund Franz Marc war der Maler dort unter anderem von Ingres’ „Odalisken“ inspiriert worden. Zurück im beschaulichen Bonn entwarf Macke dann seine eigene farbenfrohe und pastose Umsetzung des Themas (Taxe 120.000 bis 180.000 GBP). Auf das innige zwischenmenschliche Verhältnis „Mutter und Kind“ setzte um 1904 Paula Modersohn-Becker und verarbeitete das Thema in ihrer typisch kraftvollen Sprache (Taxe 250.000 bis 350.000 GBP).
Die Auktion „20th / 21st Century: London Evening Sale“ beginnt am 9. Oktober in London um 17 Uhr, die Tagesauktion „Impressionist and Modern Art Day Sale“ am 10. Oktober um 10 Uhr. Die Vorbesichtigung läuft täglich bis zur Versteigerung. Die Kataloge sind unter www.christies.com abrufbar. |