Nicole Wermers erhält Preis der Helmut-Kraft-Stiftung  |  | Nicole Wermers wird mit dem Preis der Helmut-Kraft-Stiftung 2024 ausgezeichnet | |
Der diesjährige Preis der Helmut-Kraft-Stiftung zur Förderung der bildenden Kunst geht an Nicole Wermers. Die 1971 in Emsdetten geborene Bildhauerin, Collage- und Installationskünstlerin, die 2015 für den Turner Prize nominiert war, darf sich nun über den Ankauf von zwei ihrer Skulpturen freuen, die als Schenkung an das Kunstmuseum Ravensburg übergehen: Die 2023 und 2024 geschaffenen Arbeiten aus der Werkreihe „Proposal for a Monument to a Reclining Female!“. Mit diesen zwei Schöpfungen reklamiert Wermers spielerisch die Rolle des männlich dominierten Blicks auf das Motiv des liegenden weiblichen Akts in der Kunstgeschichte für sich. Dergestalt treten die Werke nun in einen Dialog mit zahlreichen Aktdarstellungen der klassischen Moderne aus der Sammlung Selinka im Kunstmuseum Ravensburg.
Nicole Wermers wurde durch ihre skulpturalen Installationen international bekannt, die die Beziehung zwischen Mensch und gestalteter Umgebung, urbaner Infrastruktur und sozialer Erfahrung in den Mittelpunkt rücken. In ihrer jüngsten Werkserie setzt sich Wermers mit der in der kunsthistorischen Tradition fest verankerten Figur der Liegenden auseinander. In den zwei Skulpturen für Ravensburg werden mit den handgeformten, horizontal ausgerichteten Tonfiguren Erinnerungen an skulpturale Äquivalente im öffentlichen Raum in Erinnerung gerufen. Zugleich wirken die Werke energetisch wie Skizzenbuchzeichnungen. Die Künstlerin setzt ihre grob geformten Liegenden auf Stapeln von Konsumartikeln aus der Lebensmittelindustrie wie Kellogg’s-Packungen, Bierdosen oder Koffeintabletten-Schachteln, die als skulpturales Element und Sockel fungieren. „Mit der Liegenden trifft ein populäres Motiv aus der Kunstgeschichte, das eng mit der Faszination des männlichen Blicks auf weibliche Passivität verknüpft ist, auf zeitgenössische Design-Oberflächen von Massenprodukten. Aus dieser Kombination entsteht ein spannungsvoller Dialog rund um Projektionsflächen für Begehrlichkeiten, Macht und Konsum“, heißt es in der Begründung zur Preisvergabe. Nicht ohne Humor hebe Wermers die liegende Frau buchstäblich auf den Sockel.
Nicole Wermers studierte zunächst bei Sigmar Polke und Claus Böhmler an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg, dann am Central Saint Martins College of Art and Design in London. 2002 erhielt sie den Bonner Dorothea-von-Stetten Kunstpreis und war 2012 Stipendiatin an der Villa Massimo in Rom. Seit 2017 unterrichtet Wermers an der Akademie der Bildenden Künste München das Fach Bildhauerei. Sie lebt in London und stellt international aus, darunter im MUDAM in Luxemburg, in der Secession in Wien, im Museo d’Arte Contemporanea in Rom, in der Tate Modern und der Tate Britain in London, im Aspen Art Museum in Colorado, im Museum of Craft and Design in San Francisco, im Schweizer Kunsthaus Glarus und der Kunsthall Aarhus.
Der Preis der Helmut-Kraft-Stiftung wird seit 1988 in der Regel alle zwei Jahre vergeben, bisher unter anderem an Michael Buthe, Rosemarie Trockel, Anselm Kiefer, Jochen Gerz, Reinhard Mucha, Karin Sander, Hans Haacke, Werner Büttner und Katharina Hinsberg. Nach einer mehrjährigen Pause wurde die in Stuttgart ansässige Stiftung erneuert und der Preis reformiert. Seit 2023 richtet sich die Auszeichnung an Künstler*innen, deren Werk eine hohe künstlerische Eigenständigkeit und Qualität auszeichnet und auch in Zukunft weitere bedeutsame Leistungen erwarten lässt. Im vergangenen Jahr ging sie an Havin Al-Sindy und Gerold Miller. Die mit 25.000 Euro dotierte Ehrung wird am 18. Oktober im Kunstmuseum Ravensburg an Nicole Wermers überreicht. |