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Auf der Suche nach der Sünde in Vergangenheit und Gegenwart: die überaus bildhafte Ausstellung „Wahrhaft Böse“ im Bonnefantenmuseum in Maastricht

Der Teufel steckt in allen Dingen



in der Ausstellung „Wahrhaft böse: Die Sieben Todsünden im Bild“

in der Ausstellung „Wahrhaft böse: Die Sieben Todsünden im Bild“

Hochmut, Trägheit, Völlerei, Neid, Zorn, Wollust, Habgier. Das sind die sogenannten „Sieben Todsünden“. Hand aufs Herz – wer ist heute noch dazu in der Lage, diese korrekt zu benennen und komplett aufzuzählen? In früheren Zeiten, besonders im 16. Jahrhundert, war das ganz anders. Speziell in der Kunst der Niederlande und angrenzender Regionen war die Visualisierung des sogenannten „Bösen“ in Form der Sieben Todsünden ein überaus beliebtes Sujet, das auf Gemälden, Zeichnungen, Druckgrafiken, Glasmalereien, in skulpturaler Form, aber auch in Büchern umfassend dargestellt wurde. Die damaligen Menschen waren mit den Bildformeln der Sieben Todsünden derart vertraut, dass kleinste Anspielungen genügten, um die ganze Bandbreite der Thematik aufzurufen. Wie gehen wir heute mit diesen Begriffen um? Kann in der weitgehend säkularisierten westlichen Gesellschaft überhaupt noch mit dem primär religiös konnotierten „Tatbestand“ der Sünde argumentiert werden?


Vielleicht kann ja ein Blick in die Vergangenheit helfen, sich mit diesen auch heute noch hochaktuellen Fragen zu beschäftigen. Das Bonnefantenmuseum im niederländischen Maastricht wagt in der Ausstellung „Wahrhaft Böse: Die Sieben Todsünden im Bild“ den Versuch einer Annäherung. Gezeigt werden mehr als 80 Kunstwerke unterschiedlicher Medien, überwiegend jedoch Malerei und Druckgrafik, aus niederländischen und internationalen Sammlungen. Darunter weltberühmte Werke von Jan Havicksz Steen oder Peter Dell d.Ä., aber auch Beispiele massenkompatibler Gebrauchskunst.

Dorien Tamis, die die überaus anschauliche Schau als Gastkuratorin für das Bonnefantenmuseum entwickelt hat, stellt eine Bilderserie von Pieter Bruegel d.Ä. ins Zentrum ihrer Auswahl, die 1558 in Antwerpen in Form von Druckgrafiken publiziert wurde und rasch große Verbreitung gefunden hat. Die Blätter mit den Sieben Todsünden ergänzte er mit einer abschließenden Darstellung des Jüngsten Gerichts, so dass insgesamt acht Motive existieren. „Es waren diese Drucke, die Bruegels Ruf als Künstler weit und breit begründeten – und das mit enormer Geschwindigkeit“, betont Dorien Tamis und fährt fort: „Während Bruegels Gemälde, auf deren Produktion er sich erst ab 1562 fokussierte, lediglich von einem kleinen Kreis gesehen werden konnten, erfuhren seine Grafiken eine weitaus größere Verbreitung. Von einer Kupferplatte konnten ungefähr 1.300 Blätter gedruckt werden, erst danach war sie dann abgenutzt.“ So erfuhren die Blätter relativ schnell internationale Aufmerksamkeit. Namhafte Autoren der damaligen Zeit erwähnten sie, etwa Giorgio Vasari in seinem berühmten Werk „Vite“ und einige Zeit später auch Karel van Mander in seinem „Schilder-Boek“.

Humorvolle Wimmelbilder

Was macht nun Bruegels Blätter so besonders? Im 16. Jahrhundert hatte sich die Darstellung der Todsünden in einer leicht dechiffrierbaren, quasi emblematischen Form durchgesetzt: entweder in Form einer Alltagsszene, einer Tierdarstellung oder der Allegorie einer meist weiblichen Person mit entsprechenden Attributen. Statt jedoch wie die meisten seiner Zeitgenossen auf das eine oder das andere zu setzen, bevorzugte Bruegel das Sowohl-als-auch. Seine Bilder zeichnen sich durch eine Fülle parallel stattfindender Handlungen und Ereignisse aus, die den Blick unweigerlich zum Wandern verleitet, so zum Beispiel auf dem Blatt „Desidia“. Während sich bei der „Trägheit“ eine Schnecke durch den Bildvordergrund schiebt, ruht sich gleich dahinter eine Frau auf einem liegenden Esel aus. Ein im Bett liegender Greis lässt sich von einer Katze mit Brei füttern, und im Bildhintergrund gehen Menschen, Reptilien, Vögel und hybride Wesen, die die Merkmale der verschiedensten Gattungen in sich vereinen, dem Müßiggang und dem Lotterleben nach.

Nicht minder explizit ist die bildliche Umsetzung auf dem Blatt „Luxuria“. Das Zentrum der „Wollust“ bildet hier ein Hybridwesen mit Fischkopf, das einer nackten jungen Frau an die Brust fasst und ihr die Zunge in den Mund steckt, während im Hintergrund diverse andere Paarbildungen vonstattengehen – unter anderem auch zwischen einem Mönch und einer Nonne. In Bruegels Darstellungen finden sich etliche der beängstigenden Dämonen, Monster und Fabelwesen wieder, die bereits aus den Gemälden von Hieronymus Bosch bekannt sind. Allerdings gelingt es Bruegel immer wieder, gerade durch die extreme Überhöhung humorvolle Aspekte in seine Szenerien einzubauen.

Die Maastrichter Schau hält viele weitere beachtenswerte Werke bereit, etwa aus der Schule von Marten de Vos das ungewöhnlich breite und daher panoramaartig angelegte Bild „Die Versuchung des heiligen Antonius“ von 1580/99. Der in sich ruhende Eremit wird auf dieser Leihgabe aus dem Antwerpener Museum Mayer van den Bergh nahezu allen denkbaren Allegorien der Sünde ausgesetzt, darunter kopulierenden Hunden, einer verführerisch hinter einem Baum hervorlugenden Frau oder einem geflügelten Dämon mit einem Sack voller Münzen. Auf einem anonymen, überlebensgroßen Stich aus der Zeit zwischen 1575 und 1618 ist ein fünfköpfiges Monster zu sehen. Aus einem athletischen Männerkörper entspringen kopfförmige Verkörperungen der verschiedenen Sünden, während die am Boden kauernde Unschuld mit Füßen getreten wird. Von Lucas Cranach d.J. wird das 1549 entstandene Bild „Christus und die Ehebrecherin“ gezeigt. Es gehört zur Sammlung des Bonnefantenmuseums und präsentiert, versehen mit dem Christus-Wort „Wer unter Euch on Sünde ist der werffe den ersten Stein“, eine aufgebrachte Menge aus Männern und Knaben, die offenbar entschlossen ist, die angebliche Ehebrecherin zu steinigen. Allein Jesus scheint sie noch davon abhalten zu können.

Gläserner Hochmut

Besonders stolz ist Dorien Tamis auf eine Leihgabe aus dem Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg: Die akribisch ausgeführte, allerdings nicht mehr ganz komplette Figurengruppe von sechs Todsünden hat Peter Dell d.Ä. aus Birnenholz geschnitzt und teilweise vergoldet. Die „Trägheit“ fehlt dabei allerdings. Weiterhin sind diverse Triptychen und Altarbilder zu sehen, etwa von dem Münsteraner Meister Hermann tom Ring oder aus der Schule von Hieronymus Bosch, außerdem auch wesentlich profanere Objekte wie Lehrtafeln aus einem Jesuitenkloster in Frankreich oder eine 1683 entstandene Glasvase mit der Gravur „Hochmut kommt vor dem Fall“. „In dieser Ausstellung haben wir ausdrücklich darauf geachtet, neben den Meisterwerken auch Kunst von geringerer Qualität, die für den Massenkonsum hergestellt wurde, zu zeigen“, so Co-Kuratorin Jip van Reijen.

Was hat das Ganze nun mit der heutigen Zeit zu tun? In einer Audiotour mit sieben verschiedenen Sprecher*innen, darunter Künstler*innen, Autor*innen und Wissenschaftler*innen, lässt das Bonnefantenmuseum Leute von heute zu Wort kommen, die Parallelen zwischen den religiösen und politischen Konflikten, Epidemien und klimatischen Herausforderungen des 16. Jahrhunderts und der heutigen Zeit ziehen. Ein sehr persönliches Statement zum Thema Neid gibt die belgische Schriftstellerin Delphine Lecompte ab: „Worunter ich am meisten leide, sind Neid und Missgunst. Nicht im Sinne von Eifersucht in Liebesbeziehungen, sondern auf der professionellen Ebene. Ich ertappe mich dabei, wie ich mich mit literarischen „Rivalen“ vergleiche und messe. Ja und manchmal sticht mir dann der Erfolg anderer ins Auge. Ich weiß, es ist kleinlich, aber das geschieht natürlich aus Unsicherheit.“

Gastkuratorin Dorien Tamis ist übrigens zuversichtlich, dass die von ihr über mehrere Jahre wissenschaftlich erarbeitete Ausstellung für die unterschiedlichsten Rezipienten, vom akademischen Publikum über regelmäßige Museumsbesucher bis hin zu Schulklassen und gelegentlichen Museumsgängern, sowohl mit dem Intellekt als auch mit den Sinnen positiv aufgenommen wird. Denn so drückt sie es mit einer gewissen Drastik aus: „Der Toilettenhumor in ‚Die Sieben Todsünden‘ bedarf kaum einer Erklärung. Über nackte Gesäßbacken, Kot und Erbrochenes hat man immer schon gelacht.“

Die Ausstellung „Wahrhaft böse: Die Sieben Todsünden im Bild“ ist bis zum 12. Januar 2025 zu sehen. Das Bonnefantenmuseum hat täglich außer montags von 11 bis 17 Uhr geöffnet. Geschlossen bleibt am 1. Weihnachtstag und Neujahr. Der Eintritt beträgt 17,50 Euro, ermäßigt 8,75 Euro; für Personen unter 18 Jahren ist er kostenlos. Der bei Waanders Publishers erschienene Katalog in Niederländisch und Englisch kostet 29,95 Euro.

Kontakt:

Bonnefantenmuseum

Avenue Céramique 250

NL-6221 KX Maastricht

Telefon:+31 (043) 329 01 90

Telefax:+31 (043) 329 01 99

Startseite: www.bonnefanten.nl



04.12.2024

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Nicole Büsing & Heiko Klaas

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Abraham Janssens I, Inconstanza. Allegorie der Unbeständigkeit, 1615/18

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Peter Dell d.Ä., Die Sieben Todsünden, um 1535/40

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Lucas Cranach d.J., Christus und die Ehebrecherin, 1549

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Pieter van der Heyden, Luxuria (Wollust), 1558

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Hieronymus Bosch Nachfolger, Das Jüngste Gericht (Maeterlinckaltaar), um 1565/1600

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in der Ausstellung „Wahrhaft böse: Die Sieben Todsünden im Bild“

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