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Marktberichte

Aktuellzum Archiv:Auktions-Nachbericht

Bei den Gemälden des 19. Jahrhunderts war im Wiener Dorotheum vor allem Ware mit osteuropäischem Bezug gefragt. Die Italiener hatten diesmal das Nachsehen

Ist die Ernte nun gut oder schlecht?



Ivan Angelov,  Bauer am Feld, 1910

Ivan Angelov, Bauer am Feld, 1910

Nachdenklich steht der bärtige Bauer vor seinem goldgelben Weizenfeld. Sein fuchsfarbenes Pferd schnuppert nach etwas Essbaren, und im graublauen Himmel scheint ein Gewitter zu drohen. Ist der alte Mann nun zufrieden oder unzufrieden? Worüber denkt er nach? In seinem Bild gibt Ivan Angelov keine eindeutige Antwort, macht aber klar, dass es je nach Einstellung des Betrachters positiv oder negativ verstanden werden kann. So könnte das Gewitter etwa herbeiziehen, der Bauer unzufrieden sein und sich Sorgen um die Zukunft machen. Die erbaulichere Sicht ist, dass das Gewitter schon vorüber und das Weizenfeld zwar in Mitleidenschaft geraten ist, aber wohl doch nicht so schlimm wie erwartet. Die irdenen Farben, das warme Gelb und die Akzente in Grün und Rot beleben das Werk, denn eines ist Gewiss: Das Gewitter geht vorbei und die Natur wird ihren Zyklus fortsetzen. Und dieser stete Wandel ist doch ein Zeichen der Hoffnung. Es wundert daher nicht, dass Angelovs Gemälde aus dem Jahr 1910 beim Dorotheum überzeugte und eine sensationelle Preissteigerung von 10.000 Euro auf 114.000 Euro absolvierte.


Der 1864 geborene Bulgare Ivan Angelov, der in München und Rom studierte und in seiner Heimat zu einem der wichtigsten Maler des jungen unabhängigen Staates avancierte, hängte mit großem Abstand die übrigen Mitspieler der Auktion „Gemälde des 19. Jahrhunderts“ ab: Der nächsthöchste Preis lag erst bei 62.000 Euro und ging an Franz Richard Unterberger für den lichtdurchfluteten Küstenstreifen bei „Amalfi“ mit pastellfarbenem Meer von 1888. Dieses Erkennungsbild des Malers, von dem mehrere Kopien existieren, überschritt damit seine obere Schätzgrenze von 60.000 Euro. An diesen Wert kam im Dorotheum Franz von Defregger beinahe heran. Sein „Urlauber“ mit einem jungen Soldaten zu Besuch daheim, ein typisches Sujet aus dem Tiroler Landleben, erzielte den unteren Wunschpreis von 60.000 Euro. Allerdings waren für das Gemälde aus dem Jahr 1890 bis zu 80.000 Euro vorgesehen. Der Münchner Vielmaler Defregger war noch mit weiteren Werken aus diesem Themenkreis in Wien zugegen und brachte es mit der gleichaltrigen „Fröhlichen Runde“ junger Leute, die er für die Kegelbahn seines Freundes Emil Rosenlehner anfertigte, auf 26.000 Euro (Taxe 18.000 bis 25.000 EUR) und mit seinem „Jungen Paar“ in Tracht vor dem Hauseingang auf 18.000 Euro (Taxe 15.000 bis 20.000 EUR). Seine charmante Ölstudie des „Schlafenden Franzl“ von 1886 blieb bei 6.000 bis 8.000 Euro allerdings liegen.

Mit einer losbezogenen Zuschlagsquote von über 72 Prozent samt Nachverkauf endete die Auktion eigentlich recht positiv, wären da nicht einige höher taxierte unverkaufte Werke, etwa der Favorit des Tages, die „Lautenspielende Odaliske am Bosporus“ von Fausto Zonaro. Obwohl die Schätzung gegenüber der Frühjahrauktion um 40.000 Euro auf mindestens 200.000 Euro reduziert war, konnte die orientalische Schönheit im Boot vor der Skyline von Istanbul abermals nicht reüssieren. Keinen Abnehmer fanden zudem Hortense Haudebourt-Lescots Bildnis ihres Sohnes Louis Philippe Léon Haudebourt von 1832 (Taxe 80.000 bis 100.000 EUR), die beiden italienischen Genreszenen „Die Maske“ von Gaetano Chierici und „Susanna und die beiden Alten“ von Giacomo Favretto (je Taxe 50.000 bis 70.000 EUR) oder Rubens Santoros sonnige Vedute „Venedig. Gondeln auf einem Kanal“ von 1888 (Taxe 60.000 bis 80.000 EUR).

Blick auf Städte, üppiges Grün oder Gewässer

Dabei hatte die Auktion mit Ansichten der Serenissima erfolgreich begonnen. So sicherte sich Antonietta Brandeis’ unbeschwerter „Blick auf den Ponte de la Calcina am Rio di San Vio“ gute 20.000 Euro (Taxe 8.000 bis 10.000 EUR), Luigi Querenas 1856 herangezoomte gotische Apsis der Frari-Kirche 22.000 Euro (Taxe 15.000 bis 20.000 EUR), Giovanni Grubacs’ 1859 erstelltes Diptychon mit dem Bacino und Molo di San Marco und dem Dogenpalast sowie der ebenfalls belebten Piazza San Marco 55.000 Euro und Giuseppe Canellas Ansicht der Riva degli Schiavoni mit dem Ponte della Paglia und dem angeschnittenen Dogenpalast 38.000 Euro (Taxe je 30.000 bis 40.000 EUR). Für Ercole Calvis reges Treiben um die Markus-Säule mit der Biblioteca Nazionale Marciana und Santa Maria della Salute im Hintergrund blieben 9.500 Euro übrig (Taxe 5.000 bis 7.000 EUR).

Auch andere Landstriche aus dem Sehnsuchtsland Italien stießen im Dorotheum auf Anklang. So vervierfachte Ludwig Passinis Ansicht des römischen Trevi-Brunnens von 1862 ihren Wert auf 12.000 Euro, Albert Flamms morgendliche Landstraße in der Campagna mit einigen Bauern bei ihrer Arbeit zog auf 14.000 Euro an (Taxe 4.000 bis 6.000 EUR), und Hermann David Salomon Corrodis Abendstimmung in einer nicht näher bestimmbaren Lagune mit Fischern am Strand freute sich über 11.000 Euro (Taxe 5.000 bis 7.000 EUR). Auf diesen Zuschlagspreis kam zudem Giuseppe Bisis biedermeierliches Panorama von Locarno mit dem Kanalhafen des Naviglio Grande, der als schon im Mittelalter als Transportweg zwischen Mailand und dem Lago Maggiore errichtet wurde (Taxe 8.000 bis 12.000 EUR). Der drohend rauchende, teils hell glühende Vesuv bei Nacht verunsicherte wohl die Interessenten, da für Theodor Grolls „Neapel. Nachtstimmung an der Mole“ von 1901 der Hammer bereits bei 10.000 Euro fiel (Taxe 12.000 bis 18.000 EUR). Den Italiener Cesare Maggi zog es immer wieder in die Berge, so auch in die Berchtesgadener Alpen. Dort sah er an einem Sommertag einen Schafhirten mit seiner kleinen Herde am Obersee vor den vereisten Gipfeln des Hagengebirges und animierte die Sammler damit zu 36.000 Euro (Taxe 25.000 bis 35.000 EUR).

Eine heterogene Entwicklung zeigten zwei Küstenszenen von Hermanus Koekkoek, dessen morgendliche „Schiffe in einer Flussmündung“ die untere Schätzung von 8.000 Euro einfuhren, während die 1847 datierte, deutlich kleinere Leinwand „Schiffe auf ruhiger See“ wohl das Reisefieber der Käufer ansprach und eine Verdreifachung auf 12.000 Euro hinlegte. Die in Blau getauchten Schiffer an der Küste bei Mondschein von Alexis Hanzen wollten bei 10.000 Euro nicht so recht Fahrt aufnehmen (Taxe 12.000 bis 18.000 EUR), wohingegen seine Abendstimmung an einem anderen Küstenstreifen mit ruhig daliegenden Booten von 10.000 Euro auf 20.000 Euro stieg. Für 15.000 Euro ging es dann mit Menci Clement Crncic in das karstige menschenleere Velebit-Gebirge nach Kroatien (Taxe 12.000 bis 16.000 EUR), für 11.000 Euro mit Henri Evenepoel an die bretonische Küste. Dort erblickte der Belgier den „Grand Pardon de Sainte-Anne d’Auray“, die jährlich am 26. Juli stattfindende Wallfahrt zur Verehrung der heiligen Anna, die er impressionistisch mit zahlreichen Menschen und Fahnen verewigte (Taxe 5.000 bis 7.000 EUR).

Für den österreichischen Stimmungsimpressionismus stand unter anderem der idyllische Landschaftsausschnitt „Huflattich“ von Marie Egner, dessen sommerliche Palette mit viel Grün und warmem Sonnenlicht die Kauffreude bei 30.000 Euro weckte (Taxe 15.000 bis 20.000 EUR). Die Sehnsucht nach Licht und Wärme trieb wohl auch den Verkauf von Olga Wisinger-Florians prächtig blühender „Ulmenallee in Euxinograd“ mit 48.000 Euro an (Taxe 25.000 bis 40.000 EUR). Ihre kleinere herbstliche Studie zu einer Platanen-Allee um 1905 verbuchte 16.000 Euro (Taxe 15.000 bis 25.000 EUR). Für das schlankere Portemonnaie gab es Alfred Zoffs azurblauen Küstenabschnitt von „Camaret“ bei Brest aus dem Jahr 1908 für 9.500 Euro, der mit den ocker-braunen und violetten Felspartien harmonisch kontrastierte (Taxe 4.000 bis 6.000 EUR).

Das stille und das laute Leben

Zu den Stimmungsimpressionisten zählt auch Lea von Littrow, die ihre mediterrane Küste mit einem „Blick auf Dubrovnik“ in beinahe flüssigen Pinselzügen und Farbübergängen in leuchtendem Blau und strahlendem Weiß für 18.000 Euro abgab (Taxe 10.000 bis 15.000 EUR). Etwas ehrgeiziger zeigte sich ihr Stillleben „Flieder im Atelierfenster“, das mit 40.000 Euro eine Verdoppelung der Erwartung von 15.000 bis 20.000 Euro absolvierte. Alexander Koester überzeugte die Käufer mit seinen für ihn typischen „Zwölf Enten am Brünnel“, die erhoffte 45.000 Euro einspielten (Taxe 45.000 bis 60.000 EUR). Einträglich lief es zudem für sein koloristisch ungewöhnliches Blumenstillleben mit weißen und gelben Rosen sowie einer rosafarbenen Blüte, das 57.000 Euro erwirtschaftete (Taxe 40.000 bis 60.000 EUR).

Die Düsseldorfer Stillleben-Malerin Emilie Preyer fuhr etwa beim Arrangement aus zwei Pfirsichen, roten Trauben, Haselnüssen und einer Wespe die erwartete Ernte von 26.000 Euro ein, des Weiteren einen guten Erfolg mit Herbstobst wie Haselnüssen, Marillen und Zwetschgen mit 42.000 Euro (Taxe je 25.000 bis 30.000 EUR). Der ungarisch-österreichische Maler Antal József Strohmayer kam mit seinen als Pendants aufgebauten Früchtestillleben samt Weintrauben, Äpfeln und Wespen auf einem Waldboden auf je 10.000 Euro (Taxe je 5.000 bis 7.000 EUR). Josef Lauer gab sein akkurat gemaltes Stillleben mit Orangen, Weinglas und Kamelienblüten in einer Vase bei 10.000 Euro (Taxe 10.000 bis 12.000 EUR), seine geschmackvolle Kombination aus Maiglöckchen, Stiefmütterchen und Wildrose samt Schmetterling bei 8.500 Euro ab (Taxe 4.000 bis 6.000 EUR). Eduard Ritter verknüpfte 1839 Stilllebenelemente und Menschenbildnis in seinem Gemälde „Die junge Künstlerin im Atelier“, das die untere Schätzung von 12.000 Euro einspielte.

Portrait, Bildnis & Konterfei

Unterhalb der erwarteten Preise blieb Josef Danhausers 1841 vergleichbar aufgebautes Ateliergemälde „Das Kind auf der Trommel“ bei schüchternen 16.000 Euro (Taxe 22.000 bis 28.000 EUR). Friedrich von Amerling trat mit einen Selbstbildnis im verlorenen Profil samt Palette in der Auktion an und kam erfolgreich bei 13.000 Euro daraus hervor (Taxe 10.000 bis 12.000 EUR). Johann Baptist Reiters sanftes „Mädchenbildnis“, das man für eine moderne Darstellung der heiligen Magdalena ohne ihre Attribute halten kann, erreichte den unteren Wunschwert von 10.000 Euro. Kurz vor dem doppelten Wert verweilte Reiters ebenfalls biedermeierliches Bild seiner Kinder „Bei der Schularbeit“ bei 9.000 Euro (Taxe 5.000 bis 7.000 EUR). Vittorio Cavalleris 1899 symbolistisch gedachtes eindringliches „Haupt Christi“ erarbeitete sich samt Malerpinsel die anvisierten 9.000 Euro. Deutlich besser lief es für die beiden, auf einem Holzträger gemalten Skizzen einer jungen Mutter mit Hut und einer Mutter mit weiteren weiblichen Figuren von Giovanni Boldini. Die um 1890 flott hingeworfenen Ölstudien sicherten sich 42.000 Euro (Taxe 30.000 bis 40.000 EUR).

Denselben Wert verzeichnete Franz Roubauds galoppierender „Kaukasischer Reiter“ mit weißem Turban und bunter Kluft, der sein Gewehr zückt und auf seinem Schimmel frontal auf den Betrachter prescht (Taxe 10.000 bis 15.000 EUR). Nochmals 2.000 Euro teurer wurde mit einer stattlichen Werterhöhung um mehr als das Achtfache Roubauds Gouache „Der Markttag in Zentralasien“ samt farbenfroh gekleideten Reitern mit weißen Turbanen auf Pferden und Maultieren von 1904. Damit bewies der russische Maler französischer Abstammung wieder einmal seine Strahlkraft, die ihm in den letzten Jahren etwas abhandengekommen war (Taxe 5.000 bis 7.000 EUR). Weitere Künstler aus dem Osten stießen beim Dorotheum auf reges Interesse, etwa Ilja Repin, dessen realistische Studie eines liegenden bärtigen Männerkopfes von unverschämt günstigen 2.000 Euro auf 22.000 Euro kletterte. Der Pole Alfred von Wierusz-Kowalski, sonst beliebt für seine dahinrauschenden Pferdegespanne, beschäftigte sich diesmal mit einem „Kaukasischen Reiter“, der entspannten Schrittes durch die karge Gegend reitet, und brachte es ebenfalls auf 22.000 Euro (Taxe 9.000 bis 12.000 EUR). Der Mähre Joža Uprka liebte Folklorefeste und bunte Trachten. Kein Wunder, dass sein farbintensives Gemälde einer jungen Frau mit Kind auf einer weiten Wiese, die sich eben zum Beten hinkniet, seinen Wert auf 8.200 Euro verdoppelte.

Die Ergebnisse verstehen sich als Zuschlag ohne das Aufgeld.

Kontakt:

Dorotheum

Dorotheergasse 17

AT-1010 Wien

Telefon:+43 (01) 515 60 0

Telefax:+43 (01) 515 60 443

E-Mail: client.services@dorotheum.at

Startseite: www.dorotheum.com



17.12.2024

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/S. Hoffmann

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