Trauer um Lorraine O’Grady Die Konzeptkünstlerin Lorraine O’Grady ist tot. Wie ihre Galeristin Mariane Ibrahim bekannt gab, starb sie am vergangenen Freitag im Alter von 90 Jahren in New York. O’Grady kam am 21. September 1934 als Kind jamaikanischer Einwanderer in Boston zur Welt. Ihre Identität und ihre Kunst wurden sowohl durch ihr karibisches Erbe als auch durch die Einkommenssituation ihrer Familie geprägt. Ihre Eltern gehörten in Jamaika der Oberschicht an, waren aber nach ihrem Umzug in die USA auf einfache Jobs angewiesen. O’Grady passte weder in die überwiegend weiße Arbeiterklasse in Bostons Back Bay, wo sie die meiste Zeit ihrer Kindheit verbrachte, noch in die afroamerikanische Elite der oberen Mittelschicht Bostons. „Ich hatte immer das Gefühl, dass niemand meine Geschichte kannte, aber wenn es keinen Platz für meine Geschichte gab, dann war das nicht mein Problem“, sagte sie dem New York Magazine, „Es war deren Problem.“ In ihren konzeptionellen Kunstwerken, die häufig auf Foto- und Videoinstallationen basieren, und ihren Performances thematisierte sie meist die kulturelle Konstruktion von Identität, insbesondere die der schwarzen weiblichen Subjektivität.
In diesem Sinne kann Lorraine O’Gradys Kunst stets als aktivistisch bezeichnet werden, da bei ihr stets dem Mensch und dessen Verhalten im Zentrum steht: „Ich bin altmodisch. Ich denke, das erste Ziel der Kunst ist es, uns daran zu erinnern, dass wir Menschen sind, was auch immer das sein mag“, sagte sie dem Brooklyn Rail. „Ich nehme an, die Politik in meiner Kunst könnte darin bestehen, uns daran zu erinnern, dass wir alle Menschen sind. Die Kunst ändert sich eigentlich nicht so sehr. Ich habe viele Gedichte aus dem alten Ägypten und dem alten Rom gelesen, und sie handeln von denselben Dingen, die Dichter heute tun. Gibt es jemanden, der bodenständiger und schmutziger und gleichzeitig introspektiver ist als Catull?“
Lorraine O’Grady entschloss sich vergleichsweise spät mit Anfang vierzig, als Künstlerin tätig zu werden, und arbeitete zunächst zwei Jahrzehnte lang relativ im Verborgenen. Erst Anfang der 2000er Jahre bekam sie mehr Aufmerksamkeit. O’Grady war Teil der bahnbrechenden Ausstellung „Wack!: Art and the Feminist Revolution“, die 2007 von Connie Butler im Museum of Contemporary Art in Los Angeles kuratiert wurde, sowie der Whitney Biennale 2010 in New York. Seit 2008 stellte sie regelmäßig in der Galerie Alexander Gray Associates in Manhattan aus. Im Jahr 2021 organisierte das Elizabeth A. Sackler Center for Feminist Art im Brooklyn Museum eine große Retrospektive mit dem Titel „Lorraine O’Grady: Both/And“. In Deutschland widmete ihr die Städtische Galerie Wolfsburg 2018/19 einen Überblick über ihr Werk. Noch im April dieses Jahres erhielt O’Grady das prestigeträchtige New Yorker Guggenheim-Stipendium, mit dem sie eine neue Performance erarbeiten wollte. |